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Faschingskonzert in Vaterstetten:Galaktische Gaudi

Organistin Beatrice Menz-Hermann landet erstmals als Rakete in der Vaterstettener Pfarrkirche.

(Foto: Christian Endt)

In der Pfarrkirche entschweben Musiker und Publikum in fröhliche Schwerelosigkeit

Alphörner sind wunderbare Instrumente. So mächtig im Ton, so elegant in der Form, so unwiderstehlich in ihrer Wirkung aufs Trommelfell. Seit Sonntagnachmittag in Vaterstetten wissen ein paar Musikfreunde mehr, dass es diese Riesen der Blasmusik auch als Entfalt-Version gibt. Mit wenigen Griffen demonstrierte einer der Musiker aus dem Alphorntrio "Lippentriller", wie aus einem merkwürdigen Gebilde in wenigen Handgriffen ein funktionstüchtiges Instrument wird, bevor er sich mit seinen beiden Kollegen der Herausforderung annahm, dem Publikum in der vollbesetzten Pfarrkirche "Zum kostbaren Blut Christi" mit einer Improvisation die ganze Klangfülle alpiner Tele-Kommunikation zu präsentieren.

Was die merkwürdige Gestalt angeht, so war die nicht auf dieses eine Instrument begrenzt. Beatrice Menz-Hermann, Organistin der Gemeinde und seit Jahren der aufgeweckte Geist der Konzerte am Faschingssonntag, hatte für dieses Jahr zur Teilnahme an "Einer Reise in intergalaktische Sphären" eingeladen, was zur Anwesenheit von Lichtschwerter tragenden Jedi-Rittern, einem am Synthesizer herrschenden Dark Vader, allerlei Weltraum-Figuren und wandelbaren Ballett-Gestirnen führte, die im Altarraum, auf der Empore und in den Gängen tanzten und musizierten. Menz-Hermann selbst transformierte sich vom gold-rot-leuchtenden Commander zur silberglänzenden Rakete und düste im Sauseschritt zwischen den diversen Ebenen hin und her, um immer wieder neue Stufen musikalischer Überraschung zu zünden. Allein schon diese sportlich-inszenatorische Leistung hatte größten Applaus verdient.

Eine christliche Kirche, auch das zeigte dieses Konzert, ist stets auch Plattform für den Verkündigungsauftrag und das Heilsversprechen. Beides fand sich wieder in den vier Stationen des Konzerts, das vom "Planet Carbonia" zum "Stern Sonne" und den "Opernplanet" bis zur Landung auf dem "Happy-Planeten" führte. Dabei blieb der mahnende Zeigefinger eingepackt, dafür lieferte der Maschinenraum ordentlich mit Heiterkeit und Frohsinn gespeiste Schubkraft. Gerade die Orgel überlies dabei alles ehrfürchtig Tragende der Schwerkraft und ergötzte sich an einer galaktisch mitreißenden Jahrmarktsmusik von Louis Léfebure-Wély oder Louis Viernes "Toccata" mit Warp 4-Dynamik.

Unwiderstehliche Anziehungskraft schuf das Bläsertrio, das sich nicht nur aufs Alphorn verstand, sondern auch aufs klassische Horn - Palestrinas Choral "Jesu rex admirabilis" geriet zur fulminanten Hymne an alles Himmlische, das Star Wars-Thema war durchflutet von Dunkler Materie und die Wilhelm-Tell-Ouvertüre ließ Herzen und Körper beben. Dass sie sich auch noch des Triumphmarschs aus Aida mit instrumentalisierten Gartenschläuchen annahmen verwässerte ihren bravourösen Auftritt keineswegs; im Gegenteil zeigte es wahre Könner, die mit Bordmitteln - Houston, wir habe kein Problem! - zaubern können.

Auch jene, die sich vor allem wegen der famosen Camilla Bull nach Vaterstetten aufmachten, wurden in diesem Jahr wieder belohnt. Die Koloraturen ihrer Arie "Nacqui all'affanno" aus La Cenerentola überstrahlten die Sterne am Firmament, Astronomen sprächen wohl von einer eigenen "Spektralklasse". Das Publikum tobte vor Jubel, nur Dark Vadder wurde es der leuchtenden Schönheit dann etwas zuviel und er machte ihr per Lichtschwert den Garaus. Was sie nicht davon abhielt, kurz darauf mit einem gnadenlos komisch ausgereizten "Schwipslied" auf die Bühne zurückzukehren und danach ein gefühlvoll-schwingendes "Summertime" anzustimmen. Mit ihr an Bord, so steht zu erwarten, würde mancher Astronaut die Reise zum Mars oder darüber hinaus auch ohne Playlist im Handy antreten.

Was die Kostümierungsfreude der erwachsenen Besucher angeht, macht Vaterstetten kleine Fortschritte. Ins Einerlei der Winterkleidung mischten sich einige fröhliche Verkleidungen, bunte Farbtupfer im Raum, vom Aluhut bis zum Indianerschmuck. Vielleicht ist es ja nicht nur der Respekt vor dem Gotteshaus, sondern auch jener vor der fantasievollen Programmgestaltung der Organistin, der das Publikum hier zur Zurückhaltung bewegt. Einem typischen Zunächst-Zustand, der mit fortschreitender, göttlicher Heiterkeit vielleicht fürs nächste Jahr mehr Mut beschert. Beim gemeinsam angestimmten "Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein" zum Abschluss jedenfalls, sowie beim ungebremsten, lautstarken Schlussapplaus ließen sie alle Zügel schleifen, jubelten, riefen und pfiffen, dass es eine wahre Faschingsgaudi war. Ein menschengemachtes Feuerwerk der Freude, entzündet durch den göttlichen Funken der Musik.

© SZ vom 25.02.2020
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