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Familienpolitik in Zorneding:Wenn eine Gemeinde die Kita-Kinder umverteilt

Am Zornedinger Schmiedweg wird die nächste Kita gebaut. Eröffnung 2019. Dabei brauchen 52 Kinder jetzt einen Platz.

(Foto: Christian Endt)

Mangels Kita-Plätzen müssen mehr als 50 Zornedinger Kinder in andere Ortschaften ausweichen. Was das für betroffene Familien bedeutet.

Von Viktoria Spinrad, Zorneding

Wenn Krippen- und Kita-Plätze fehlen, werden Eltern mit ihren Kindern oft in andere Gemeinden verwiesen. Eine Notlösung, die sich im Landkreis Ebersberg am Beispiel von Zorneding deutlich zeigt: Ende 2016 waren 52 Zornedinger Kinder in auswärtigen Krippen und Kindergärten untergebracht, viele davon unfreiwillig, mittlerweile dürften es noch mehr sein.

Zum Vergleich: Im fast doppelt so großen Poing sind es insgesamt 13 Kinder, die laut der Gemeinde aber nicht wegen Platzmangel, sondern auf Wunsch beim Arbeitsplatz eines Elternteils untergebracht seien. Zornedings Zweite Bürgermeisterin Bianka Poschenrieder (SPD) sieht hier ein Problem. "Wir exportieren Kinder", sagt sie. Die Pläne, im Ortsteil Pöring 500 Neuzornedinger unterzubringen, dürfte die Situation zusätzlich verschärfen.

Aus Sorge darum, wie es in Zorneding weitergeht, haben sich nun mehrere Eltern an die SZ gewandt und entscheidende Fragen beantwortet. Was bedeutet der Kita-Mangel im Ort für die Eltern? Wie gehen sie mit der Situation um, welche Lösungsvorschläge haben sie. Und was sagt Bürgermeister Piet Mayr (CSU) zu all dem?

Die beschwerliche Suche

"Ich habe eine Odyssee hinter mir", sagt eine Mutter Anfang 40, sie ist alleinerziehend und hatte bisher kein Glück bei der Kita-Suche. "Ich habe bestimmt 20 Absagen bekommen", sagt sie. Also wandte sie sich an die Gemeinde. Dort bot man der Mutter, die in München arbeitet, einen Krippenplatz in Glonn an, was täglich rund 50 Kilometer Umweg bedeutet hätte. Dann tat sich ein Platz bei einer Tagesmutter in Anzing auf. Um pünktlich um 9 Uhr an der Arbeitsstelle zu sein, fährt sie nun jeden Morgen um 7.15 Uhr los, um spätestens um 15 Uhr wieder zum Abholen in Anzing zu stehen.

Eigentlich würde sie gerne wieder Vollzeit arbeiten. Auch deshalb probierte sie es im vergangenen Jahr abermals in Zorneding - wieder ohne Erfolg. Das einzige Angebot aus Zorneding war eine Betreuung von 8 bis 12 Uhr. Weil in Anzing wiederum Kinder fehlen, lohnt es sich für die Tagesmutter nicht, die Betreuungszeiten zu erweitern; die Mutter kann also weiter nur in Teilzeit arbeiten und muss bei beruflichen Veranstaltungen auf ihre Schwester setzen. "In welchem Jahrhundert leben wir denn?", fragt sie.

Eine problematische Entwicklung

"Früher hat es hier noch gut funktioniert", schildert ein 44-jähriger Vater, der mit seiner fünfköpfigen Familie seit elf Jahren in Zorneding lebt. Seine ersten beiden Kinder seien nach zwei Monaten Wartezeit problemlos im Ort untergekommen, jetzt aber sei die Situation "dramatisch". Obwohl er und seine Frau das dritte Kind wenige Wochen nach der Geburt in den Krippen anmeldeten, bekam er ein halbes Jahr später die Nachricht: alles dicht. Im vergangenen Jahr probierten sie es erneut, und wieder: "nur Absagen".

Erst mit der Zusage einer Krippe im Vaterstettener Ortsteil Weißenfeld wagte seine Frau den Wiedereinstieg in den Job. "Für den Elternteil, der eh schon zurücksteckt, kann sich doch nicht immer alles nur um die Kinder drehen", sagt er. Weil der Sohn in diesem Jahr drei wird, haben ihn die Eltern beim Tag der offenen Tür im Februar in den Zornedinger Kindergärten angemeldet. "Meine Frau traut sich gar nicht, sich auf Vollzeitstellen zu bewerben", sagt er - die Angst, dass es wieder nicht klappt mit einem Platz im eigenen Ort, sei einfach zu groß.

Die Gründe

In Zorneding kommt einiges zusammen. Die neu geplante Kita am Schmiedweg wird erst im Herbst 2019 in Betrieb gehen. Die Ausschreibung wird gerade vorbereitet. Dazu kommt, dass sich der Umbau des Kinderhauses an der Lärchenstraße verzögert, weil aus Brandschutzgründen die Hortkinder noch nicht in die Grundschule ausweichen können. Zu Pfingsten soll das möglich sein. Aber warum ist es soweit gekommen, dass Zornedinger Kinder ins Umland ausweichen müssen, während zum Beispiel in Vaterstetten eine Kita wegen zu geringer Nachfrage schließen wird?

"Vaterstetten hat exorbitant gebaut", sagt Bürgermeister Mayr. In Zorneding sei der Bedarf bislang nicht da gewesen. Zudem hätten andere Gemeinden komfortable Grundstückssituationen. Welche Gründe er für den höheren Bedarf sieht? Den Zuzug und die Geburtenrate schließt Mayr aus, beide würden nicht exorbitant ansteigen. "Wegen der teuren Mieten sind mehr Leute gezwungen, zu arbeiten", sagt er. Auch wollten Frauen zunehmend arbeiten. Damit steige der Anteil der Mütter, die nicht zuhause bei den Kindern bleiben. "Das sind gesellschaftliche Veränderungen, auf die wir reagieren müssen."

Die sozialen Folgen

Sorgen um die Karriere macht sich auch ein Vater Anfang 40. Weil sein Kind nur im nördlichen Landkreis Münchens unterkam, kann er morgens erst später arbeiten - und muss abends auf berufliche Veranstaltungen verzichten. "Man ist völlig zerrissen, das geht an die Karriere", sagt er. Dazu kommen höhere Ausgaben, nicht nur für Benzin: Weil sein Kind in der anderen Gemeinde als "Gastkind" gilt, zahlt er rund 100 Euro an Kitagebühren mehr als in Zorneding verlangt würde.

Und ein anderer Aspekt bereitet ihm Sorgen. Er deutet in verschiedene Richtungen - so, wie die Kinder von Zorneding aus verteilt werden - und bis zum Schulalter oft durch mehrere Einrichtungen wandern. "Kinder brauchen doch eine Konstante, das gibt dem Kind Selbstsicherheit. Das haben wir hier in Zorneding nicht. Und wie sollen sich die Zornedinger Kinder untereinander kennenlernen, wenn sie über die umliegenden Gemeinden verstreut sind?"

Mögliche Lösungen

"Es läuft darauf raus, dass sich jeder irgendwie selbst organisiert", kritisiert ein weiterer Vater Anfang 40. Immerhin: Eine Arbeitsgruppe für die Zornedinger Kindergärten hat sich im März 2017 zum ersten Mal getroffen, um mithilfe einer neuen Bedarfsrechnung einen Masterplan für die Kinderbetreuung zu schmieden. Für den 40-jährigen Vater kommt das aber "zu spät". Weil sich die Gemeinde in einer Sandwich-Situation befindet, in der geplante Einrichtungen noch nicht fertig sind, aber der Bedarf weiter steigen wird, schlägt er ein Provisorium vor: "Warum baut man kein Containerdorf?"

Für Zornedings Bürgermeister Piet Mayr wäre dies "nur eine Zwischenlösung." Bei einem Treffen im Rathaus betont er, dass auch Container in die Millionen gehen - "das ist verlorenes Geld", lieber investiere man in feste Einrichtungen. Das sei "betriebswirtschaftlich sinnvoller". Er betont: "Wir werden unsere Rücklagen in den kommenden Jahren primär in Kita-Plätze investieren."

Die Reaktion der Gemeinde

Ob die Gemeinde eine Mitschuld an der jetzigen Situation habe? Bürgermeister Piet Mayr zögert. "Wir haben uns sehr lange Gedanken über das richtige Grundstück für die neue Kita gemacht", sagt er schließlich - und zeigt Verständnis für den Frust der Eltern, die nun Umwege auf sich nehmen müssen: "Das ist sehr unangenehm für die Eltern." Wiederholt betont er: "Das Wichtigste ist, dass die Kinder einen Platz haben."

Mit den aktuellen Planungen - der neuen Privat-Kita an der Flur, dem Kinderhaus am Schmiedweg und dem Umbau des Kinderhauses an der Lärchenstraße - sei der Bedarf, der sich aus aktuellen Berechnungen ergab, knapp gedeckt, obgleich man auch danach "weiterdenken müsse". Neue Baugebiete etwa wolle man nur so weit ausweisen, wie die Infrastruktur und damit auch die Kita-Plätze hinterherkommen. "Nach der Wimmerwiese werden keine größeren Projekte mehr ausgewiesen", sagt Mayr. "Die Problematik ist bei uns längst angekommen. Wir treiben das voran."

© SZ vom 07.03.2018/koei
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