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Erwachsenenbildung:Unterm Rettungsschirmchen

Die beiden Volkshochschulen im Landkreis sind trotz der lang ersehnten Erlaubnis, wieder zu öffnen, sehr besorgt: Die Einschränkungen könnten zu existenzbedrohlichen Defiziten führen

Von Anja Blum

Die Erlaubnis zur Öffnung von diesem Samstag, 30. Mai, an und obendrein ein 30-Millionen-Rettungsschirm: Die jüngsten Nachrichten aus dem Bereich der Erwachsenenbildung klingen fantastisch. "Es ist eine große Erleichterung, dass wir nun eine konkrete Perspektive haben, und auch die finanzielle Unterstützung ist natürlich sehr, sehr hilfreich", sagt Martina Eglauer, Leiterin der Ebersberger VHS. Doch wenn man etwas genauer hinschaut, ein wenig hinter die Kulissen späht, bleibt von den guten Nachrichten nicht mehr allzu viel übrig. Die beiden Volkshochschulen im Landkreis jedenfalls sind nach wie vor sehr besorgt. Der Tenor lautet: "Ja, wir freuen uns - aber der Beschluss kommt viel zu spät." Von einem Normalbetrieb könne trotz der Öffnung noch nicht annähernd die Rede sein.

Kunst wird geboten.

(Foto: Christian Endt)

"Erwachsenenbildung ist wichtig für unsere Gesellschaft", heißt es in der Pressemitteilung des Kultusministeriums - insofern ist sie das Signal, auf das die Volkshochschulen in Ebersberg und Vaterstetten schon so lange gewartet haben. Doch was bedeutet es genau, dass die Einrichtungen der Erwachsenenbildung "unter Wahrung der vorgeschriebenen Hygieneregelungen von 30. Mai an teilweise wieder öffnen" dürfen? Darauf haben nicht einmal die beiden VHS-Chefs eine Antwort. Und darin liegt auch schon das erste große Problem. Denn wie sollen sie den Präsenzbetrieb wieder auf den Weg bringen, wenn die Bedingungen dafür seitens der Regierung noch nicht vollständig geklärt sind? Aktuell dürfen zum Beispiel keinerlei Koch-, Bewegungs- oder Entspannungskurse stattfinden - ein wesentlicher Teil des VHS-Portfolios ist also noch verboten. "Hier soll am 8. Juni eine Lösung präsentiert werden, die auch für Sportvereine und Fitnessstudios anwendbar sein soll", erklärt Helmut Ertel, Leiter der Vaterstettener VHS. Ganz schön viel Konjunktiv.

VHS Vat Frankreich - Deutschland-Europa
(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Hinzu kommt, dass mit der Öffnung strikte Abstands- und Hygieneregeln verbunden sind, "die uns dazu zwingen, unseren Betrieb grundlegend umzuorganisieren", so Ertel. Das aber geht nicht so einfach, hoppla hopp. "Die Auflagen treffen uns umso schwerer, da wir - anders als Schulen oder Betriebe - unterschiedlichste Gruppengrößen, Angebote, Räume, Teilnehmer und so weiter haben", erklärt der Vaterstettener VHS-Leiter. "Hätten wir einen etwas längeren Vorlauf bekommen, stünden wir jetzt ganz anders da", klagt auch Eglauer. Zumal ausgerechnet jetzt Pfingstferien seien, die alles Organisieren noch einmal erschwerten. Zum Beispiel, was eine Kooperation mit den Schulen angeht: "Wegen der Abstandsregeln kann praktisch fast kein Kurs in seinem ursprünglichen Raum stattfinden, deswegen sind wir auf viele größere Ausweichquartiere angewiesen", so Eglauer.

VHS VAT Aktionstag 'Alter(n)'
(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Normalerweise endet das aktuelle Semester der Volkshochschulen Mitte, spätestens Ende Juli. Es bleibt also ohnehin nicht mehr viel Zeit, um all den Wissbegierigen und Bewegungswilligen im Landkreis diesen Sommer noch etwas zu bieten. Zumal eben die ganze Organisation umgekrempelt werden, jeder Kurs, jedes Seminar einzeln überprüft und bezüglich der Corona-Regelungen angepasst werden muss. Freilich gibt es ein aktuelles Hygienekonzept des Volkshochschulverbandes, an dem sich die beiden Institutionen orientieren, und auch die Weisungen des Ebersberger Gesundheitsamtes müssen befolgt werden. "Im Kern wird es so sein, dass Abstände einzuhalten sind, wir auf Handhygiene achten, und dass wir alle Infektionsketten im Falle des Falles nachverfolgen können", erklärt Ertel. Die Schlüsse, die die beiden Verantwortlichen aus dieser Situation gezogen haben, sind indes sehr unterschiedlich: In Vaterstetten favorisiert man bewusst ein "ganz langsames Hochfahren" - in Ebersberg hingegen will man so schnell wie möglich all das anbieten, was sich mit den Hygiene- und Abstandsvorschriften vereinbaren lässt.

Ikebana Kurs Ingrid Eichinger

In einem Kurs wird gebastelt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die VHS im Osten des Landkreises wird von 15. Juni an wieder mit Präsenzkursen starten, "wie viele Angebote stattfinden können, prüfen wir gerade", sagt Eglauer. "Das hängt auch im Wesentlichen davon ab, ob wir Räume in den Schulen nutzen können." Doch welche Formen gehen überhaupt? Das Studium Generale auf jeden Fall, sagt Eglauer, aber auch die meisten Sprachkurse, vieles im Bereich berufliche Bildung, manch kreatives Angebot. "Im Gesundheitsbereich hingegen müsste man für sieben, acht Teilnehmer 80 Quadratmeter bieten - dafür haben wir leider, leider keine Räume", so Eglauer. Trotzdem sei die Freude bei Kursleitern und Teilnehmern groß, dass nun zumindest ein paar Angebote möglich seien. Deswegen wolle man sich heuer zeitlich flexibel zeigen und, wo möglich, die Kurse bis in den August laufen lassen. Doch was bedeutet dieser Planungsaufwand für das Team der VHS? "Die Zeitkonten meiner Leute sind am Anschlag", gesteht Eglauer, deswegen vermeide man nach wie vor "jede Planung ins Blaue hinein", warte also jeweils die Beschlüsse des Ministeriums ab.

Die Öffnung bedeute bei weitem nicht, dass es nun wieder so werde wie vor dem 16. März, sagt Ertel. "Leider." Man sei wochenlang nur hingehalten worden, "deswegen wäre Aktionismus jetzt der falsche Weg". An der VHS im Westen des Landkreises werden die bereits abgebrochenen langen Semesterkurse, etwa im Bereich Bewegung, Entspannung, Sprache und Studium Generale, nicht wieder reaktiviert. Dies sei aus personellen, organisatorischen und finanziellen Gründen nicht sinnvoll, so der VHS-Chef. Man lasse von 15. Juni an nur jene Angebote stattfinden, deren Start ohnehin zu diesem Zeitpunkt geplant war, also kürzere Seminare, Wochenendworkshops, Vorträge und dergleichen. "Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, aber wir möchten uns auf die Herbstplanung konzentrieren, damit das nächste Semester auch unter diesen extrem schweren und unklaren Bedingungen möglichst gut anläuft", so Ertel.

Die beiden Volkshochschulen blicken nämlich sehr sorgenvoll in die ungewisse Zukunft: Sollten die Abstandsregelungen im Herbst weiter gelten, und womöglich noch bis ins nächste Frühjahr hinein, so werde das zu existenzbedrohlichen finanziellen Ausfällen führen - in dieser düsteren Prognose sind sich die VHS-Chefs einig. "Wenn in einem Kurs nur halb so viele Teilnehmer sein dürfen wie bisher, hat das verheerende Auswirkungen auf die Kostendeckung, dadurch verlieren wir deutlich mehr als die Hälfte der Einnahmen", erklärt Eglauer. "Dann wird es richtig eng." Um die Situation ein wenig abzufedern, gerade auch für die Dozenten, plant Ertel für Herbst einen "Corona-Soli" von zwei Euro pro Termin und Teilnehmer.

Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja sogar noch eine zweite Corona-Welle, so dass die Einrichtungen erneut schließen müssen? "Wir werden auf jeden Fall verschiedene Varianten durchrechnen und uns dann mit den Kommunen besprechen", sagt Ertel. Die Städte und Gemeinden nämlich tragen mit Zuschüssen von mehr als 20 beziehungsweise mehr als 40 Prozent wesentlich zum Betrieb der Volkshochschulen bei, der Freistaat hingegen gibt nur etwa sieben Prozent. Wie Eglauer berichtet, betrug diese Summe im Jahr 2019 in Bayern 26,5 Millionen Euro - insofern sind die nun angekündigten, zusätzlichen 30 Millionen schon eine Hausnummer. Allerdings sollen davon im Corona-Jahr auch die freiberuflichen Kursleiterinnen und Kursleiter unterstützt werden. Außerdem sind die genauen Auszahlungsmodalitäten noch unbekannt: "Ist das Geld nur für dieses Semester gedacht? Oder muss das auch für den Herbst reichen?", fragt Eglauer, und ihr Kollege Ertel feixt: "Ich glaube, das ist eher ein Rettungsschirmchen als ein Schirm." Die beiden Volkshochschulen kämpfen jedenfalls ums Überleben, unter anderem mit zahlreichen neuen Onlineangeboten. Diese sollen, mit Blick in die Zukunft, auf jeden Fall weiterlaufen.

© SZ vom 30.05.2020

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