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Erstes Projekt in der Region:Die Ernteteiler

Die Glonner Gärtnerin Angelika Gsellmann gründet im Landkreis Ebersberg eine "Solidarische Landwirtschaft". Bislang bauen 20 Familien auf dem Bio-Hof in Krügling gemeinsam Gemüse an und versorgen sich selbst

Angelika Gsellmann ist eine Landwirtin ohne Land. Man könnte meinen, sie sei damit eine tragische Figur, doch im Gegenteil: Die Not hat Gsellmann nicht nur erfinderisch, sondern auch gesellig gemacht. Sie hat eine "Solidarische Landwirtschaft", kurz: Solawi, in Krügling gegründet. 20 Familien aus dem Ebersberger Landkreis sind nun Ernteteiler, das heißt, sie bauen gemeinsam Gemüse an und verteilen die Erträge im Kollektiv.

Gsellmann kümmert sich als Gärtnerin um den Anbau von Bohnen oder Zucchini und will in Zukunft hauptberuflich für das Projekt tätig sein. Damit hat sich die Glonnerin auch ein organisatorisches Großprojekt aufgeladen. Lange Zeit hielten Vereinsgründung und Satzungsänderungen sie noch auf Trab. Doch auf den Feldern gedeiht es heuer schon prächtig. Ihr Wunsch ist, dass möglichst viele Menschen sich mit regionalen und biologischen Lebensmitteln versorgen können. Auch jene, die vielleicht weniger Geld für Nahrungsmittel zur Verfügung haben, dafür aber mehr Zeit zum Mithelfen. "Wenn ich im Supermarkt vor dem Gemüseregal stehe, dann weiß ich nicht, wie die Produkte dort entstanden sind", sagt Gsellmann. Sie will die Kartoffeln selber ernten, den Mais mit eigenen Händen brechen, die Zucchini vor Ort schneiden.

So wie ihr geht es immer mehr Menschen im Landkreis. Als Gsellmann im Frühjahr ihr Vorhaben im erweiterten Bekanntenkreis streute, sei das Interesse groß gewesen. 40 Leute kamen zum ersten Infoabend, 20 Familien sind nun im ersten Erntejahr dabei. "Wir legen viel Wert auf Mitbestimmung und auch auf gemeinsame Arbeit", sagt Gesellmann. Es werde in großer Runde darüber diskutiert, ob man bei der Fenchelaussaat nun auf Hybridsamen oder auf samenfeste Sorten zurückgreifen wolle. Ein Feldversuch, der zu diesem Zweck angelegt wurde, soll Klarheit bringen.

Gemeinsam mit 20 Familien aus dem Landkreis Ebersberg erntet die Gärtnerin Angelika Gsellmann (hinten rechts) selbstangebautes Gemüse. In ihrer Solawi, einer "Solidarischen Landwirtschaft", teilen sich alle die Felderträge und helfen mit - wie hier beim Kartoffelernten.

(Foto: Christian Endt)

Das Konzept ist ein besonderes. Das Netzwerk "Solidarische Landwirtschaft" zählt deutschlandweit aktuell 193 Solawis auf seiner Internetseite auf. Es unterstützt lokale Initiativen bei der Gründung und liefert nach eigenen Angaben eine Anleitung zum "Agrarwende selber machen". Im Münchner Stadtgebiet ist vor allem das sogenannte Kartoffelkombinat bekannt, auch in der Münchner Region entstehen immer mehr solcher Projekte und mit Gsellmanns Solawi nun auch das erste im Landkreis Ebersberg.

In ihrem ersten Leben, wie Gsellmann selbst sagt, war sie Betriebswirtin. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich die inzwischen gelernte Gärtnerin aber mit alternativen Landwirtschaftsmodellen. Wenn sie das Konzept Solawi kurz beschreiben soll, sagt sie wie aus dem Effeff: "Eine Gruppe von Menschen finanziert einen landwirtschaftlichen Betrieb und teilt sich dafür die Ernte." In den vergangenen Jahren hat Gsellmann etwa 15 solcher Projekt von Leipzig bis Österreich angeschaut.

Geteilte Ernte bedeutet mehr Gemüse für alle. Die Mitglieder der "Solawi fair und teilen" wollen jetzt neue Mitstreiter suchen.

(Foto: Christian Endt)

Der Daveichtenhof, den Gsellmann nun für ihre Solawi ausgesucht hat, steht in Krügling. Es ist ein Bio-Milchviehbetrieb, auf dem sie mit ihren Mitstreitern Flächen für den Gemüseanbau pachtet. Die Landwirtsfamilie selbst macht mit beim Ernteteilen. Dafür packen alle mit an. Auch Gsellmanns eigene Kinder sind begeistert von der Arbeit auf dem Feld. "Mein dreijähriger Sohn hat mit einer Riesenfreude den Salat gepflanzt, der liebt Gemüse", erzählt sie. Ihr sei es wichtig, auch Wissen weiterzugeben an Menschen, die dem biologischen Obst- und Gemüsebau bislang noch fern stehen. "Zu solchen Projekten stoßen oft Leute aus der Stadt hinzu, die nicht unbedingt wissen, wann welches Gemüse Saison hat und wie man die Nahrungsmittel verarbeitet." Deshalb wolle sie gemeinsam mit anderen Ernteteilern Zwetschgen einwecken und Rezepte austauschen. Auch das Thema Müllvermeidung steht für Gsellmann oben auf der Agenda, weshalb sie ihren Apfelsaft inzwischen nicht mehr in Plastiktüten und Pappkartons verpacken will, sondern eine Abfüllmöglichkeit für Glasflaschen aus einem großen Edelstahlbehälter gefunden hat.

Nun will die Glonner Gärtnerin ein großes Erntedankfest feiern. Auch um sich in der Region bekannt zu machen. Denn: Für das kommende Frühjahr sucht Gsellmann nach weiteren Ernteteilern.

Am Samstag, 20. Oktober, findet von 14 bis 17 Uhr das Erntedankfest der Solawi auf dem Daveichtenhof, Krügling 6, statt.

© SZ vom 05.10.2018

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