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Erfinder aus Aßling:Die Position macht's

Johann Grasberger entwickelt in seiner kleinen Werkstatt in Holzen Konstruktionen, die den Melkvorgang bei Kühen erleichtern. Dieser soll dadurch schneller und effizienter werden. Eine weltweit einmalige Nische

Zwischen Garage und Garten führt eine schmale Steintreppe runter in den Keller. Hinter der schweren Stahltür am Ende der Stufen verbirgt sich eine Werkstatt, die jeden Hobbybastler vor Neid erblassen ließe. Hier wird kein Quadratzentimeter Platz verschwendet. An den Wänden hängen so viele Werkzeuge, dass der weiße Verputz dahinter kaum mehr zu sehen ist. Die schier unzähligen Schubläden sind voller Metallteile in allen möglichen Formen und Größen. Aber auch an schwerem Gerät mangelt es nicht: Stanzmaschine, Sandstrahler, wuchtige Werkbank. Johann Grasberger drückt auf einen Knopf an seinem Paternoster - ein Umlaufregal, das eigentlich von Behörden verwendet wird. Hier aber flitzen statt Aktenordnern kleine Kisten mit Metallschrauben, Federn und Stäbchen vorbei. Mit einem gezielten Griff holt Grasberger mehrere Haken heraus und legt sie auf die Werkbank. "Da werden später mal die Schläuche eingehängt."

Die Schläuche, die der 50-Jährige meint, sind jene, durch die beim Abmelken von Kühen die frische Milch fließt. Johann Grasberger hat sich nämlich auf eine Nische in der Melktechnik spezialisiert. In seiner kleinen Kellerwerkstatt in Holzen bei Aßling stellt er als Ein-Mann-Betrieb Vorrichtungen her, die den Melkvorgang effizienter und schneller machen sollen - und ist damit inzwischen auf der ganzen Welt erfolgreich.

Wie so viele gute Ideen, ist auch die der sogenannten Melkarme aus der Not heraus geboren worden. "Das hat sich in den 90er Jahren entwickelt", erinnert sich Vater Johann Grasberger senior. Damals seien die Landwirte auf der Suche gewesen, wie sie die Abmelkung ihrer Kühe verbessern können. Und da hatte der heute 77-Jährige eine Idee: eine Art Greifarm, der die schweren Schläuche anhebt und dadurch für eine gleichmäßige Gewichtsverteilung an den Zitzen der Kuh sorgt.

Grasbergers Affinität zur Melktechnik kommt nicht von ungefähr. Sein ganzes Leben war er in der Branche tätig, zunächst als Monteur von Melkanlagen, später im Verkauf. "Der Papa hat sich aber schon immer viele Gedanken drüber gemacht, was man verbessern könnte", sagt Sohn Johann junior. Und so kam es, dass sich Grasberger schließlich mit seinen "Service-Armen" selbständig gemacht hat. 2017 hat Johann junior den Betrieb übernommen, den er und sein Vater in den Jahren zuvor zu einer international angesehenen Marke im Bereich der Melktechnik ausgebaut haben.

Melktechnik Grasberger - Holzen bei Assling

Johann Grasberger hat sich zusammen mit Papa Johann senior in seiner Kellerwerkstatt in Holzen ein Melksystem einfallen lassen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch was ist es denn nun genau, das die Grasbergers von der Kellerwerkstatt im beschaulichen Holzen über den ganzen Globus exportieren? Das zeigt der Juniorchef an einem Vorführmodell im Schuppen auf der anderen Straßenseite. Dort steht der Nachbau einer Melkstation auf vier Rädern. Nur die Kuh fehlt. Stattdessen baumeln von der Stahlkonstruktion simulierte Euter herunter. An jeder Zitze ist oben eine Waage angebracht. Wie es der Landwirt im Stall auch machen würde, stöpselt Grasberger das Melkgeschirr an, der Schlauch liegt am Boden - und die Zeiger der Waage springen sofort in den roten Bereich. "Hier sieht man, wie wichtig es ist, dass das Melkzeug richtig positioniert ist." Denn sobald Grasberger den Schlauch auf den seitlich angeschraubten Greifarm wuchtet, wandern alle vier Pfeile der Waage in die gleiche Stellung. Das Gewicht ist nun am Euter gleichmäßig verteilt.

"Dadurch können wir Blindmelken verhindern", erklärt Grasberger. Er meint damit, dass einzelne Zitzen weitergemolken werden, obwohl nichts mehr drin ist. Das sei für die Tiere genauso schädlich, wie wenn zu viel Milch im Euter übrig bleibe. "In dem Fall kann es sein, dass die Kuh eine Euterentzündung bekommt." Gerade heutzutage sei die Verbesserung des Tierwohls ja in aller Munde. "Und da tragen wir mit unseren Produkten einen Teil dazu bei."

Grasbergers Melkhilfen sind in Kuhställen auf der ganzen Welt im Einsatz. Derzeit würden Verhandlungen über ein größeres Projekt in Südafrika laufen. "Da geht es um drei Melkhäuser mit insgesamt 2700 Kühen", erzählt der Holzener. Auch ein Melkanlagen-Hersteller in Südkorea habe erst kürzlich 1000 Einheiten angefragt. Die Kommunikation läuft per Mail und auf Englisch. "Das ist kein Problem. Die meisten beherrschen die Sprache ganz gut", sagt Grasberger und lacht. Seine Kunden bekommt er vor allem über die Empfehlung von Melkberatern oder über Messen. Mehrmals im Jahr ist Grasberger mit seiner Melk-Konstruktion unterwegs, um die Funktionsweise der kleinen Helfer zu demonstrieren - und das kommt offenbar gut an. "Scheinbar gibt es dafür auf der ganzen Welt keinen anderen Hersteller."

Melktechnik Grasberger - Holzen bei Assling

Johann Grasberger junor beim Schweißen in der Werkstatt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Entsprechend gut ist Johann Grasberger ausgelastet. Momentan kann er die Nachfrage aber noch gut alleine stemmen. Einen Mitarbeiter einstellen will er nicht - zu viel Verantwortung, falls das Geschäft mal doch nicht so rund läuft. Klar komme es deshalb vor, dass Kunden bei größeren Bestellungen zwei, drei Monate auf die Ware warten müssten. "Aber die Leute haben damit kein Problem."

Vielleicht weil sie wissen, dass sie dafür Produkte bekommen, die genau für ihre Bedürfnisse passen. Denn, wie Grasberger sagt, jeder Melkstand ist anders. Deshalb müssten auch die Service-Arme für jeden individuell hergestellt werden. Massenproduktion gibt es nicht. Kommt ein neuer Auftrag rein, entwirft Grasberger zunächst eine Modellzeichnung, die er dann in seiner Kellerwerkstatt umsetzt. "Da kommt dann aber meistens was ganz anderes raus", sagt er und schmunzelt. Dem Kunden wird's recht sein, solange die Produkte am Ende passen. In der näheren Umgebung schaut Grasberger selbst im Stall vorbei, allen anderen schickt er zuerst ein Modell zum Testen.

Die Melkhilfen kosten zwischen 75 und 350 Euro pro Stück, je nachdem für welche Variante sich der Landwirt entscheidet. Und davon gibt es einige - angefangen von einer einfachen Konstruktion mit ausziehbarem Teleskoparm, bis hin zum Premiummodell mit automatischer Druckluft-Absenkung. Die Arme werden dann am Melkstand montiert und der Milchschlauch eingehängt. "In maximal zwei Sekunden muss das Melkzeug richtig positioniert sein. Wir legen deswegen großen Wert auf eine einfache Bedienung", sagt Grasberger. Wie das Endprodukt aussehen soll, bestimmt er komplett selbst. Fertige Teile kauft er so gut wie keine zu. Grasberger legt lieber selbst Hand an.

Das soll auch weiterhin so bleiben. Expandieren oder künftig gar selbst komplette Melkanlagen konzipieren will Grasberger nicht. Er tüftelt lieber an immer wieder neuen Möglichkeiten, den Prozess noch effizienter und für die Tiere angenehmer zu machen. Landwirte und Kühe werden es Johann Grasberger deshalb gleichermaßen danken, wenn er sagt: "Wir bleiben in unserer Nische."

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