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Erfahrungen aus Ebersberg:"Es ist nie Corona alleine"

Tobias Steck - Kinder,-Jugendpsychologe

Seit 2018 betreut Tobias Steck in seiner psychotherapeutischen Praxis in Ebersberg Kinder und Jugendliche.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche Tobias Steck sagt, nur wegen der Auswirkungen der Pandemie sei noch niemand in seine Praxis gekommen - eine Rolle spielt das Virus trotzdem

Interview von Johanna Feckl

Seit bald drei Jahren behandelt Tobias Steck in seiner psychotherapeutischen Praxis in Ebersberg Kinder und Jugendliche. Im Gespräch mit der SZ erzählt der 40-Jährige, dass seine Warteliste auch vor Corona lang war, und erklärt, wieso es zu früh ist für detaillierte Aussagen über die Folgen von Pandemie-Maßnahmen für Kinder und Jugendliche.

SZ: Herr Steck, wie lange ist Ihre aktuelle Warteliste?

Tobias Steck: Auf meiner Liste sind 25 Anfragen. In Behandlung sind aktuell 40 Patientinnen und Patienten, davon kommen 25 wöchentlich. Die übrigen sehe ich beispielsweise alle 14 Tage oder nach Bedarf.

Sie könnten also, wenn es rein um die Nachfrage geht, etwa 50 Prozent mehr Kinder und Jugendliche behandeln?

Ja, so könnte man das sagen.

Ist der aktuelle Andrang mit dem vor der Pandemie vergleichbar?

Bei mir ist er nicht mehr, aber auch nicht weniger geworden. Ich bekomme fünf bis zehn Anfragen pro Woche - auch ohne Corona. Klar ist dennoch: Meine Warteliste ist aktuell geschlossen, schon jetzt beträgt die Wartezeit für eine Therapie bei mir etwa ein halbes bis dreiviertel Jahr. Übrigens berichten wenige meiner Kolleginnen und Kollegen aus dem Umkreis von einer gestiegenen Nachfrage. Aber das sind letztlich subjektive Wahrnehmungen.

Lässt sich daraus schließen, dass Kinder und Jugendliche die Corona-bedingten Einschränkungen und die Pandemie allgemein recht gut wegstecken?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich erlebe schon, dass beispielsweise der Lockdown, Zeiten von Quarantäne oder die familiäre Belastung durch Homeschooling oft in Kombination mit Homeoffice der Eltern als Gründe genannt werden, warum Betroffene gesagt haben: "Das geht so nicht mehr, wir holen uns jetzt Hilfe" - und dann bei mir gelandet sind. Aber es ist nie Corona alleine!

Was spielt denn noch eine Rolle?

Zwei große Aspekte sind auf jeden Fall Resilienz und Zeit. Mit guten Startbedingungen im Leben, wie eine klare Tagesstruktur oder ein hohes eigenständiges Lernvermögen, werden Kinder besser durch die Zeit kommen als solche ohne diese Voraussetzungen. Und der zeitliche Aspekt: Zwei Wochen Quarantäne sind sicherlich nicht schön, aber das wird nicht der Hauptauslöser sein, weshalb ein Kind zum Beispiel eine Angsterkrankung entwickelt.

... sondern ein Nebenauslöser?

Genau. Die Quarantäne oder Homeschooling und der Wegfall von Freizeitaktivitäten können beteiligte Faktoren darstellen, die im Bündel beispielsweise mit Stress innerhalb der Familie und einer allgemeinen Veranlagung dazu führen können, dass eine Angsterkrankung oder eine Depression entsteht - so etwas beobachte ich auch in meiner Praxis. Aber die einfache Kausalität "Corona - zack! - Jugendliche sind depressiv" stimmt so nicht. Eine psychische Belastung durch Corona-Maßnahmen ist keine psychische Erkrankung.

Also könnte man sagen, Ihre Patientinnen und Patienten wären sowohl mit als auch ohne Pandemie bei Ihnen gelandet?

Ja, das ist bislang mein Eindruck. Aber vieles wird sich erst zeigen: Ich denke, dass wir im nächsten halben Jahr oder Jahr, wenn sich hoffentlich vieles wieder normalisiert hat, erst sehen werden, ob und was die Situation mit den Jugendlichen tatsächlich langfristig gemacht hat.

Haben sich die Themen verändert, die in den Sitzungen zur Sprache kommen?

Was vermehrt auftritt ist das Thema Mediennutzung und Online-Zeiten. Das lese ich seit dem letzten Drittel von 2020 häufig in den Screening- oder Anamnesebögen zu Beginn einer Therapie. Die Folgen der notwendigen Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen, sind hier auf jeden Fall schon sichtbar.

Wenn nun Kinder und Jugendliche noch mehr Zeit online auf Instagram, Tiktok, Youtube und Co. verbringen, werden dadurch die Fallzahlen von Essstörungen, Sportsucht oder dergleichen zunehmen?

Für eine endgültige Antwort ist es noch zu früh - bei mir in der Praxis sehe ich in dieser Hinsicht aktuell noch keinen Corona-Effekt. Allgemein lässt sich sagen, dass es wie so oft zwei Seiten gibt: Da sind super Formate, die fundiert recherchierte Inhalte an eine junge Zielgruppe altersgerecht vermitteln. Aber manche Formate vermitteln auch Schönheitsideale, die Jugendliche mit einer entsprechenden Veranlagung triggern. Und es dauert meiner Ansicht nach oft viel zu lange, bis Inhalte reguliert werden. So ist es zum Beispiel noch nicht lange her, als Instagram Selbstverletzungsfotos unterbunden hat. Wenn veranlagte Jugendliche bestimmte Suchbegriffe eingeben und dann solche Fotos sehen, dann steigt das Risiko, dass sie sich auch selbst verletzten. Zum Glück ist das mittlerweile nicht mehr möglich.

Berücksichtigen Eltern, dass Online nicht gleich Online ist?

Die Eltern, die zu mir kommen, differenzieren hier in der Regel nicht. Das ist dann auch der Grund, weshalb das Thema in der Familie zum Problem wird. In vielen Fällen ist die Online-Zeit aber nichts Pathologisches, sondern ein Zeichen der Zeit: Online-Formate sind eben die aktuelle Art der Kommunikation für Jugendliche. Aber Eltern verstehen oft nicht, wieso sich ihre Kinder nicht einfach draußen treffen. Ein Teil der Behandlung bei mir ist dann, ein gemeinsames Verständnis einzuführen und Familienregeln aufzustellen. Es ist wirklich ein hochemotionales Thema mit großem Konfliktpotenzial - ich denke, in jeder Familie.

Was können Eltern tun, damit ihre Kinder einigermaßen gut durch die Corona-Zeit kommen?

Eine Struktur ist entscheidend: Kinder und Jugendliche brauchen geregelte Abläufe, um sich zu orientieren. Da geht es viel um Begrenzung. Ich erlebe oft, dass Familien Probleme haben damit, Grenzen zu setzen, Grenzen einzufordern und auch durchzusetzen. In solchen Fällen versuche ich dann zu vermitteln, dass Grenzen setzen etwas sehr Wertschätzendes ist, davon bin ich überzeugt. Ein simples Beispiel: Ich erlaube meinem Kind nicht, auf eine viel befahrene Straße zu laufen, um es davor zu bewahren, dort überfahren zu werden. Und in der Auseinandersetzung mit dem Jugendlichen hilft auch einfach mal die Frage: Was spielst du denn da online, was muss man da können? Es geht beides: Interesse zeigen, um das Kind im Idealfall besser verstehen zu können, und zugleich klar zu signalisieren, dass acht Stunden Computerspielen nicht toleriert werden.

Es geht darum, Kompromisse zu finden.

Genau. Und feinfühlig zu sein: Nicht immer hundert Prozent erwarten, denn die werden eh nicht gelingen. Ich finde, wenn 60 oder 70 Prozent von dem eintritt, was sich Eltern vornehmen, dann ist doch schon viel erreicht.

Gibt es Warnhinweise oder Signale, bei denen Eltern dann aber doch professionelle Hilfe suchen sollten?

Grundsätzlich gelten etwa bei Depressionen für Kinder und Jugendliche die gleichen Diagnosekriterien wie für Erwachsene, dennoch äußert sich diese Erkrankung bei Kindern oft anders: Erhöhte Reizbarkeit und aggressives Verhalten sich selbst und anderen gegenüber, auffälliges Spielverhalten, reduzierte Kreativität sowie Ausdauer oder mangelnde Fantasie. Außerdem wirkt das Kind emotions- und teilnahmslos. Oft kommen dann noch Schuldgefühle hinzu, im Sinne von: "Ich bin nur eine Belastung für meine Familie, für die Schule, für das Gesundheitssystem". Man kann sich das so vorstellen: Eine Depression schaut sich erst einmal um und setzt sich dann auf bestimmte Aspekte, die ohnehin schon da sind - und verstärkt diese in einem Maße, das zur Erkrankung führt. Auch Hinweise von Lehrkräften sind sehr wertvoll: Konzentrationsprobleme, Schulschwänzen, Leistungsstörungen.

Psychologische Hilfe finden Betroffene über Kinder- oder Hausarztpraxen, Krankenkassen sowie den Ärztlichen Kreisverband Ebersberg unter "Psychotherapeuten im LK" auf aekv-ebersberg.de.

© SZ vom 23.07.2021
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