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Emmering:Kunst und Kühe

Der Architekt Walter Stolz hat für seine Frau, die Malerin Elisabeth Mehrl, in Emmering ein Atelierhaus geschaffen. Der Neubau ergänzt ein seit 30 Jahren bestehendes Wohngebäude aus Holz auf sehr stimmige Weise

Von Anja Blum

Elisabeth Mehrl ist Malerin. Im vergangenen Jahr aber stand sie eher selten an der Staffelei, sondern schwang den Pinsel vor allem auf einer Baustelle: Zahllose Fichtenbretter galt es auf beiden Seiten zu streichen, für eine Fassade, denn Mehrls Holzhaus wurde um einen Anbau ergänzt. "Bei 250 Stunden habe ich aufgehört zu zählen", sagt die Künstlerin und lacht. Eine wenig kreative Arbeit sei das gewesen, aber wenigstens kontemplativ. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die anthrazitfarbenen Latten schimmern dank einer Lasur mit Metallpigmenten sehr edel und lassen die beiden Gebäude auf den ersten Blick wie eine Einheit erscheinen - obwohl 30 Jahre dazwischen liegen.

Ein Wohnhaus, das wirkt wie ein Stadel, das war von Beginn an die Idee von Mehrl und ihrem Mann, dem Architekten Walter Stolz. So wollten sie die regionale Bautradition mit zeitgenössischer Architektursprache verbinden. In den Neunziger Jahren bauten sie also ein Wohnstadel in Hofberg, einem Weiler bei Emmering, inmitten einer Obstbaumwiese - und stießen damit erst einmal auf "totales Unverständnis", wie Stolz heute erzählt. Doch mittlerweile haben sich die Zeiten geändert: Holzhäuser liegen im Trend, es herrscht generell größere Offenheit. Die Krönung für Stolz und Mehrl aber sind nun, im Zuge der Erweiterung, ein zweiter Platz beim "Rosenheimer Holzbaupreis 2020" und eine Aufnahme in das Portfolio der "Architektouren", die jährlich besondere Bauprojekte in ganz Bayern vorstellen. Wegen Corona können die Objekte allerdings heuer nicht besichtigt werden - wer interessiert ist, muss sich leider auf die Homepage oder das Booklet der Architektenkammer beschränken.

Der Grund für die Erweiterung des Hauses in Hofberg war Mehrls Malerei, also die künstlerische, nicht die an der Fassade. Bislang hatte sie Atelier und Lager auf einem Hof in der Nähe angemietet, doch der Wunsch, "die Kunst endlich heimzuholen", wurde immer präsenter. Die Lage vor Ort aber schien lange keinen Anbau zuzulassen: Platz war lediglich im Süden oder Westen des Bestands, also zu jenen Seiten, die den Wohnraum mit Licht, Luft und vor allem einem traumhaften Ausblick auf die Berge und das ländliche Idyll ausstatten. Apfelbäume, blühende Wiesen, Kühe und Kunst, zum Beispiel eine Eisenplastik von Franz Wörle selig, umgeben das Haus. "Das alles wollten wir uns daher auf keinen Fall verbauen", erklärt Stolz. Doch eines Tages, im Auto, habe ihn ein Geistesblitz ereilt, ein Trick, wie sie fortan in Hofberg beides haben könnten, ein Wohn- und ein Atelierhaus: eine große bauliche Fuge, wie der Architekt das Element nennt.

Die Fuge besteht aus einer Art Brücke, die die beiden Bauwerke zugleich trennt und verbindet. Der Steg hat ein transparentes Dach und ein Gitter als Boden, die eine Seite ist komplett offen, die andere ziert ein Holzspalier. So können sich immer noch genügend Sonnenstrahlen ihren Weg hinunter bis zum Esstisch der Bauherren im Wohnhaus bahnen. Außerdem ist vom Erdgeschoss des Atelierhauses die Hälfte ausgespart, wodurch erstens der Ausblick nach Westen gewahrt bleibt und zweitens ein üppiger überdachter Raum entsteht - sei es als Außenatelier oder zusätzliche Terrasse. Im Erdgeschoss des Anbaus befindet sich künftig Mehrls Bilderdepot, das Atelier liegt im ersten Stock.

Architektouren - Atelierhaus Elisabeth Mehrl, Walter Stolz

Der Blick geht aus dem Wohnhaus durch den Überhang des Atelierhauses in die Landschaft.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Außer der Fuge, die nicht nur ein bemerkenswertes architektonisches Element, sondern auch ein wunderbarer Sitzplatz ist, beeindruckt der homogene Gesamteindruck der beiden Holzbauten: Fassade, Profil und Proportionen entsprechen sich. "Ziel war es, die Erweiterung aus dem bestehenden Solitär heraus zu entwickeln", erklärt Stolz, und die Jury des Holzbaupreises lobt die Entschiedenheit, mit der nun die schlüssige Gestaltung von einst beibehalten werde. So tritt der Neubau in Dialog mit dem Bestand.

Das Atelier erreicht man im Inneren über die Brücke oder über eine Außentreppe. Es nimmt das komplette Obergeschoss des Neubaus ein. Die Hauptbelichtung erfolgt über ein großes Fenster in der nach Norden orientierten Dachfläche. Denn die Wünsche der Malerin Mehrl waren klar: "Ich brauche viele Wände und schattenfreies Licht." Auf den Bergblick hat sie dafür gerne verzichtet. Das Mobiliar im Atelier steht größtenteils auf Rollen, so dass die Künstlerin möglichst flexibel arbeiten kann, der Holzboden ist freilich zum Beklecksen freigegeben. "Noch sieht es hier aus wie in einem Showroom, aber das soll nicht so bleiben", erklärt Mehrl. An den Wänden lehnen bereits zahlreiche bemalte Leinwände, die Vorsitzende des Kunstvereins Rosenheim hat sich der Darstellung von überdimensionalen Schmuckstücken aus Perlen, Gold oder Edelsteinen verschrieben. Um philosophische Fragen nach der Schönheit geht es ihr dabei, um Vollkommenheit, Sehnsucht und Gier, Macht und Liebe.

Walter Stolz hingegen scheint es eher praktisch zu mögen: Ihr Mann sei "Spezialist fürs Klappen und Schieben", sagt Mehrl. Überall im und am Haus finden sich Wände, Scheiben und Türen, die sich unerwartet bewegen lassen - mit erstaunlichen Effekten. Mal geht es darum, multifunktionale Räume zu schaffen, mal um Belüftung, mal um den Schutz vor Licht und Kälte. Über die drei großen Glastüren des Wohnzimmers zum Beispiel können Fassadenelemente geschoben werden. Dann sieht das Haus von außen endgültig aus wie ein Stadel. Was der Spaziergänger aber nicht ahnt: Jede einzelne Latte davon hat eine mit Preisen ausgezeichnete Künstlerin angemalt.

© SZ vom 10.07.2020

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