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Ende einer Ära in Emmering:Abgesang auf eine Kultbühne

Der Gasthof Bichler wird komplett umgebaut. Im Zuge dessen endet auch die 50-jährige Geschichte eines legendären Konzertsaals, in dem man sowohl regionale als auch internationale Künstler erleben konnte

Von Anja Blum

Vermutlich gibt es nicht viele Wirte auf der Welt, denen je ein eigener Song gewidmet wurde. Dem Bichler Paule aber schon. Denn sein Gasthaus in Emmering war und ist in der ganzen Region legendär. Genauso wie die Band Separation, zu deren Hits einst das Lied "Fahr' ma nach Emmering" gehörte. Musikalisch irgendwo zwischen Beatles und Spiders angesiedelt wird da der Feierabend besungen - den man freilich beim Bichler verbringen muss, wo es freitags Disco gibt und samstags Livemusik. "Do wird g'suffa und danzt bis umara sechse in da Fria", heißt es, und wer dann noch Hunger habe, bekomme, is' doch klar, Weißwürscht und a Bier. "Saubere Hos'n und Buam wia aus'm Bildabuach" könne man dort treffen - und mittendrin der Paule, der Wirt, den a jeder kennt.

Nun aber wird sich das Traditionsgasthaus direkt neben dem Emmeringer Maibaum wieder einmal neu erfinden, es heißt also Abschied nehmen von vielen guten, wilden Jahrzehnten. Paul Bichler hat bereits vor zwei Jahren die Geschäfte an seine Tochter Bettina Mühlbauer übergeben, und mit dem Generationswechsel brechen neue Zeiten an. "Die Wirtschaft allein trägt sich nicht mehr", sagt die neue Chefin, die alle nur Tini nennen. Deswegen wird das Gebäude derzeit auf links gedreht, denn die Familie hofft, den Betrieb mit Gästezimmern und Ferienwohnungen auf ein zusätzliches Standbein stellen zu können. "Der Tourismus boomt hier in der Region überall", sagt Mühlbauer beim Rundgang über die Baustelle, und ihre Augen leuchten. Im Zuge dessen aber muss auch der alte, legendäre Saal im ersten Stock weichen, der Platz wird benötigt, außerdem sieht man der Inneneinrichtung mit der großen Bühne und den Sitzabteilen aus Holz ihre turbulente Vergangenheit mittlerweile doch ziemlich an. Trotzdem blutet darüber natürlich so manch einem das Herz: "Es kommen gerade immer wieder Menschen vorbei, die das alles noch einmal sehen wollen, weil sie hier ihre Jugend verbracht haben", erzählt die Juniorchefin. Rock'n'Roll live, der erste Rausch, der erste Kuss. "Ja, wir haben hier viel erlebt", sagt die Tochter - und man ahnt, dass es nicht immer einfach war, in solch einem Haus aufzuwachsen.

Zu jenen, die die Wehmut plagt, gehören auch viele Musiker aus der Region, unter anderem die Panzerknacker, Nachfolgeband von Separation. "Fahr' ma nach Emmering!" Diese Musiker waren von Beginn an Stammgäste auf der Bühne beim Bichler, insgesamt geht hier eine fast 50-jährige Ära zu Ende. Das nehmen die Panzerknacker nun zusammen mit Ideengeber Ronny Nash und seinen Whiteline Casanovas zum Anlass, noch ein letztes Mal auf dieser legendären Bühne aufzutreten und diese somit würdevoll zu verabschieden. Aufgrund der aktuellen Corona-Situation muss das Konzert leider ohne Publikum stattfinden, doch alle Fans dürfen sich auf einen Livestream freuen: Die Übertragung ist am Sonntag, 15. November, von 18 bis 20 Uhr über die Facebookseite des Gasthofs Bichler zu erleben. Es spielen: Walter Schäfer, Sepp Osterloher und Markus Blahetek sowie eben Ronny Nash, Rolf Schopka, Stefan Schopka, Louis Thomas und Markus Maier.

Der berühmt-berüchtigte Wirt hat ein paar Zettel dabei, wild wie sein Leben

Walter Schäfer, Sänger und Keyboarder bei Separation und Panzerknackern, gehört indes nicht nur zum musikalischen Inventar des Gasthofs, er ist auch ein guter Freund geworden. Und so lässt er es sich nicht nehmen, gemeinsam mit Paul Bichler zurückzublicken, auf 50 Jahre Bühne in Emmering. Schnell wird dabei klar: Die beiden Männer, jeweils über 70, teilen unzählige Erinnerungen, beim Gespräch in der Gaststube reiht sich eine Anekdote an die nächste, dazu werden oft auch gleich die passenden Melodien angestimmt. Lineares Erzählen, nein, das ist des Bichlers Sache nicht. Zwar hat der berühmt-berüchtigte Wirt einige handgeschriebene Stichpunkte vorbereitet, ein paar Zettel, so wild wie sein Leben, doch die Begeisterung bricht sich immer wieder Bahn. Zu viel ist passiert - bei Konzerten, an der Bar, hinter dem DJ-Pult in Form eines römischen Streitwagens oder bei Beerdigungen - um es in wenige Sätze packen zu können. Das 15-minütige Schlagzeugsolo von Bertram Engel! Die Saalschlacht mit Schaumküssen! Die Whiskyflasche auf dem Sarg! Weißt Du noch? Dass sich die beiden Bühnenveteranen dabei nicht immer einig sind, was winzige Details wie Jahreszahlen angeht - geschenkt.

Klar ist: Die Bichler-Bühne hat ihren Ruf nicht von ungefähr. Bestens kann sich der Kultwirt noch erinnern an ihre Eröffnung an einem Wochenende im Juni 1970, an jenen drei Abenden spielten gleich mehrere damals sehr bekannte Tanzbands wie Charamba, Vombo Estrella, Rick Gerty's und Amapolas. "Der neue Saal, den wir in nur vier Monaten gebaut hatten, war drei Mal hintereinander überfüllt, insgesamt gaben uns mehr als 1200 Gäste die Ehre", erzählt Bichler. Ab diesem fulminanten Wochenende war dann der Saal jedes Wochenende voll, sogar im Sommer - was heute wohl undenkbar wäre.

Bichler Emmering Retrospektive & Ausblick

Gegen den Hunger am Morgen gab es traditionell Weißwürste.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mitte der 1970er drückten dann schon Münchener Bands nach Emmering, bewarben sich beim Bichler per Telefon oder schickten Demokassetten. Der Erfolg sprach sich rum, und plötzlich klopften auch größere Kaliber an - für den Musikfan Bichler muss diese Zeit ein Fest gewesen sein. Peter Maffay mit seiner Münchener Band Sahara konnte man in Emmering erleben, genauso wie Zauberberg, seinerzeit noch mit Konstantin Wecker und Harold Faltermeyer, die Saragossa Band, Supercharge, Silver Convention oder Boney M. Zu Stammgästen wurden auch "Isarindianer" Willy Michl und Kabarettisten wie Eisi Gulp oder Michael Altinger. Und sogar internationale Acts zog es in den Landkreis Ebersberg: die britische Spencer Davis Group etwa, oder die Spotnicks aus Schweden, die gleich vier Mal in Emmering auftraten. "Ich weiß noch, das eine Mal gab es gerade frisch unseren selbst gemachten Apfelkorn", erinnert sich Bichler und lacht. "Das Konzert danach war dann ein bisschen schwierig." Legendär auch: ein Abend mit Dave Evans, dem ersten Leadsänger von AC/DC. Rock pur beim Bichler!

Trotzdem war und blieb der Emmeringer Gasthof immer auch eine Bühne, die hauptsächlich Musiker aus der Region gefördert hat, Bichlers Engagement für die Livemusik ist nicht hoch genug zu würdigen. Bis heute spielen hier Bands wie Gsindl, Nicks Noise, Rubber Soul Connection, Fun Can Do oder Mardi Gras. Für die erste Platte von Separation wurde der Wirt sogar mal zum Produzenten: Bichler zahlte - und setzte auch sonst alle Hebel in Bewegung. Einem bekannten Radiomoderator legte er eine halbe Sau und eine Platte in den Kofferraum. Doch es half nichts, der ganz große Durchbruch, über die Region hinaus, blieb aus.

Stolz ist der Bichler Paule aber nicht nur auf all die Konzerte unter seinem Dach, sondern auch darauf, sich mit seiner Liebe zur Livemusik einst erfolgreich gegen den eigenen Vater durchgesetzt zu haben. Denn dieser, so erzählt er, habe nicht viel gehalten vom Umbau im ersten Stock und den Ideen des Sohns. "Aber die neue Bar hat er den wichtigen Gästen dann doch sehr gerne gezeigt." Und das viele Geld, das die Partywochenenden in die Bichler-Kasse gespült haben, wird seine Wirkung wohl auch nicht verfehlt haben. "Trotzdem: Lob gab es nie." Da habe es seine Tochter nun schon leichter. "Ich hab' meinen Widerstand ziemlich schnell aufgegeben", sagt der 72-Jährige und lacht.

Ja, einfach ist es nicht, wenn die Zeit unaufhaltsam weiterschreitet und ein Lebenswerk der Veränderung unterwirft. 1896 von Josef und Maria Bichler erbaut, besteht der schöne Gasthof im Herzen Emmerings bereits in der fünften Generation. Dank Paul Bichler und dem Saal im ersten Stock hielt in den 1970ern, neben Speis und Trank, die Musik Einzug - und sie wird auch bleiben, nur eben in etwas abgeschwächter Form. In einem neuen Saal, der gerade im Erdgeschoss entsteht, soll es nach wie vor Konzerte geben, allerdings nur ein paar wenige im Jahr, sagt Bettina Mühlbauer, größer sei die Nachfrage nach solchen Veranstaltungen eben heutzutage nicht mehr. Ganz anders sehe es aus im wunderschönen Biergarten, unter stolzen, 130 Jahre alten Kastanien, wo es ebenfalls schon länger eine kleine Bühne gibt: Hier soll weiterhin regelmäßig Livemusik spielen, verspricht die neue Chefin.

Ansonsten aber wird sich beim Bichler sehr vieles verändern. Angefangen von der Verlegung der Küche über den Einbau eines Aufzugs bis hin zu einem gänzlich neu eingezogenen dritten Stockwerk. Bis alles fertig ist, werden noch Monate vergehen. Wirtin Bettina Mühlbauer, Anfang Vierzig, steht für einen Spagat - zwischen Alt und Neu, zwischen Tradition und Moderne. Ein stilvolles Ambiente will sie schaffen, gehobene Gastronomie, sowie ein professionelles Arbeitsumfeld - und trotzdem den Bezug zur Historie des Hauses mitnichten verleugnen, sondern erlebbar machen. Und der Rundgang durch die Baustelle lässt durchaus vermuten, dass ihr das gelingen wird: Was bereits fertig ist, besticht durch Geschmack genauso wie Praktikabilität, und schon so manche Idee schlägt eine Brücke in die Vergangenheit: Der neue Saal besticht mit einem alten Gewölbe, im Gang gibt eine Glasscheibe den Blick frei in die Tiefe eines früheren Brunnens und der große gusseiserner Ofen in der Küche soll bald ein neues Leben als extravagantes Frühstücksbuffet beginnen. Ganz oben, unter dem Giebel, entsteht übrigens gerade das neue Refugium der Eltern, Dachterrasse mit Bergblick inklusive. Als der Vater die Räume das erste Mal sah, sei er sprachlos gewesen, erzählt die Tochter.

Zum Abschied gibt der Bichler Paule noch eine Weisheit mit auf den Weg: Man solle das Wort "müssen" künftig doch bitte immer durch das Wort "dürfen" ersetzen, dann lebe es sich viel leichter, sagt er und grinst schelmisch. Zumindest in Bezug auf sein Emmeringer Gasthaus hat der Wirt damit absolut recht: Zum Bichler muss man nicht, zum Bichler darf man. So war es, und so wird es wohl immer bleiben.

Konzert "Panzerknacker" und "Whiteline Casanovas" zum Abschied der Bichler-Bühne in Emmering am Sonntag, 15. November, 18 bis 20 Uhr, unter: https://www.facebook.com/BichlerEmmering

© SZ vom 14.11.2020

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