Religiöse TraditionWas ein Emmausgang heute bedeuten kann

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Emmausgänge haben im Landkreis Ebersberg Tradition, hier vor einigen Jahren bei Netterndorf.
Emmausgänge haben im Landkreis Ebersberg Tradition, hier vor einigen Jahren bei Netterndorf. Christian Endt

Jesu Jünger haben sich auf den Weg gemacht, Goethes Faust ebenfalls. Was hinter dem Wandern an Ostern steckt, wo dieses Jahr im Landkreis ein Emmausgang stattfindet und für wen er sich eignet.

Von Michaela Pelz, Ebersberg

Bibelfeste Zeitgenossen und Literaturexpertinnen werden die Frage wohl im Handumdrehen beantworten können – alle anderen müssen womöglich einen Moment überlegen: Was haben „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ und der „Emmausgang“ gemeinsam?Beide stehen im Zusammenhang mit einer Wanderung.

Die eine ist ein Streifzug durch die Natur, den Goethe im gleichnamigen Werk Faust und dessen Adlatus Wagner am Ostersonntag unternehmen lässt, was in jenes berühmte Gedicht mündet, das mit „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“ beginnt und mit dem oben genannten Zitat endet.

Die andere findet am Ostermontag statt, stammt aus der Bibel (Lukas 24, 13 ff) und beschreibt die Reise, die zwei Jünger nach der Kreuzigung und dem Tod Jesu zu Fuß zum Ort Emmaus unternehmen. Darum auch der Begriff „Emmausgang“. Dekan Josef Riedl sagt, die Geschichte sei eine ausführliche und einfühlsame Schilderung dessen, was die Jünger bewegt: „Große Hoffnung, große Zuversicht mit diesem Jesus und nun ist er tot. Aus, vorbei.“

Während sie also deprimiert ihrer Wege gehen, gesellt sich ein ihnen unbekannter Mann dazu, dem sie ihre Geschichte erzählen. Am Ziel laden sie den Begleiter ein, bei ihnen zu übernachten. Erst beim Abendessen erkennen sie ihn, als er das Brot bricht „Das ist gewissermaßen sein Markenzeichen“, sagt Riedl und fügt hinzu, dass dies in Verbindung mit der Bedeutung – „er teilt sein Leben mit uns“ – bis heute im Abendmahl Bestand habe.

Gestärkt durch die Hoffnung des Ostersonntags soll man sich am Ostermontag auf den Weg machen, sagt Dekanatsreferentin Anja Sedlmeier.
Gestärkt durch die Hoffnung des Ostersonntags soll man sich am Ostermontag auf den Weg machen, sagt Dekanatsreferentin Anja Sedlmeier. Christian Endt

Auf die theologischen Hintergründe des Spaziergangs geht auch Dekanatsreferentin Anja Sedlmeier ein – sie hat die Impulse des diesjährigen Emmausgangs in Grafing konzipiert und erklärt, man breche mit der Auferstehungshoffnung von Ostern auf in einen neuen Lebensabschnitt. Denn nachdem man an Karfreitag das Leid – „auch im eigenen Leben“ – in den Blick genommen habe, dürfe, ja solle man sich, gestärkt durch die Hoffnung des Ostersonntags, am Ostermontag auf den Weg machen. „Darum ist es auch so wichtig, dass man sich tatsächlich in Bewegung setzt!“ Das beträfe ebenso die großen gesellschaftlichen Themen, bei denen es gelte, so Sedlmeier, „tatsächlich ins Handeln und Tun“ zu kommen.

Die Organisation liegt bei der Kolpingsfamilie Grafing. Das passe wunderbar zum Thema, ergänzt Sedlmeier. Adolph Kolping habe sich immer dafür eingesetzt, dass auch jene, die keinen einfachen Lebensweg haben, die österliche Hoffnung spürten: „Darum geht es auch gerade jetzt, wo überall viel diskutiert wird, Zukunftsangst und die großen gesellschaftlichen Herausforderungen viele Menschen in das Verharren stürzen.“ Man müsse miteinander ins Gespräch kommen, als Gruppe weitergehen. „Als Christ oder Christin soll man nicht am Ostersonntag im Kirchengebäude stehen bleiben, sondern aufbrechen und sich einsetzen für die Themen, die dran sind.“

Ablauf und Route beschreibt Manfred Wagner von der Kolpingsfamilie so: „Treffpunkt ist am Ostermontag um 14 Uhr am Brunnen, Kirchenplatz 4 in Grafing, dann geht es nach Elkofen, wo in der Schlosskapelle eine Andacht gefeiert wird. Am Ende folgt die Einkehr im Schlössl.“ Eine Anmeldung sei nicht nötig, die vier bis fünf Kilometer lange Strecke „auf einem guten Forstweg“ eigne sich für jeden – ob mit Kinderwagen oder Nordic-Walking-Stöcken, sogar für Menschen mit Rollator. An Dobelkapelle und Mariensäule werde Sedlmeier einen religiösen Text verlesen oder man singe gemeinsam.

Die Zukunft der evangelischen Kirche in Glonn ist unklar, aber an diesem Osterfest steht sie nochmals im Mittelpunkt.
Die Zukunft der evangelischen Kirche in Glonn ist unklar, aber an diesem Osterfest steht sie nochmals im Mittelpunkt. privat

Impulse wird es auch in Glonn geben, wo die evangelische Kirchengemeinde Grafing-Aßling-Glonn seit einigen Jahren einen Emmausgang organisiert. „Los geht es am Ostermontag um 10 Uhr mit einer Andacht in der Christuskirche in Glonn“, kündigt Pfarrerin Ghita Lenz-Lemberg an. Nach einem fünf bis sechs Kilometer langen Rundgang durch Glonn komme man zum Ausgangspunkt zurück.

„Oft erkennen wir erst auf Umwegen, was uns im Leben trägt, woraus wir Kraft holen und was unseren Glauben ausmacht“, sagt Pfarrerin Ghita Lenz-Lemberg.
„Oft erkennen wir erst auf Umwegen, was uns im Leben trägt, woraus wir Kraft holen und was unseren Glauben ausmacht“, sagt Pfarrerin Ghita Lenz-Lemberg. Christian Endt

Die Seelsorgerin fügt hinzu, dass der Ostermontag in der evangelischen Kirche der offizielle Beginn der Pilgersaison sei – ein weiterer Grund für die vielerorts stattfindenden Angebote an diesem Tag. Das Inspirierende liege zweifelsohne im biblischen Kern der Erzählung: „Wir sind alle auf einem Weg, denn unser Lebens-Weg als gläubige Menschen hat das Ziel, Gott zu finden.“ In der Geschichte seien die Jünger enttäuscht und verzweifelt gewesen, weil sie ihr großer Hoffnungsträger, der König des Friedens, verlassen hatte. „Nicht als strahlender Held, sondern als Verbrecher, der am Kreuz gestorben war. Erst beim Brotbrechen erkannten sie den Auferstandenen und wussten, er ist immer noch bei ihnen.“

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Genau so sei es für viele Menschen, deren Leben nicht auf geraden Wegen verliefe. „Oft erkennen wir erst auf Umwegen, was uns im Leben trägt, woraus wir Kraft holen und was unseren Glauben ausmacht.“ Pilgern wiederum setze Gedanken frei, bringe die Wandernden „im wahrsten Sinn des Wortes in Be-weg-ung. In Gemeinschaft mit anderen können wir uns austauschen oder in der Stille ganz zu uns kommen.“ Eingeladen sei jeder, Vorkenntnisse würden nicht benötigt. „Für Jugendliche ist der Weg durchaus geeignet, für kleine Kinder aber nicht ausgelegt“, präzisiert Lenz-Lemberg. Neben Kondition für die Wegstrecke möge man eine kleine Brotzeit und etwas zum Trinken mitbringen.

In Ebersberg wiederum wird bei einem „Volksmusikalischen Emmausgang“ zum Gedenken an den 2017 verstorbenen Kreisheimatpfleger Markus Krammer, der diese eingeführt hatte, vor allem gesungen. Unter der Führung von Sepp Krammer startet der Gang am Ostermontag um 13 Uhr an der Pfarrkirche St. Sebastian in Ebersberg mit einem Wallfahrtslied.

Es folgen an passenden Stellen Auferstehungs-, Oster-, Frühlings- und Deutsche Volkslieder mit Eva Bruckner und Ernst Schusser vom „Förderverein Volksmusik Oberbayern“. Dafür gibt es ein Liederheft, das ebenso wie die Teilnahme am bei jedem Wetter stattfindenden Gang kostenlos ist. Die Strecke orientiert sich am Meditationsweg.

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Genau dort führt auch die letzte Emmaus-Veranstaltung entlang, jedoch erst am Sonntag, 27. April, wenn auch die Osterurlauber wieder zurück sind. Explizit seien auch Eltern mit Kleinkindern willkommen, betont Organisatorin Annemarie Hellmich. Allerdings in Anbetracht der Route besser mit Kraxe als mit Kinderwagen.

Hellmich hat einen familiären Bezug zu den Emmausgängen: Schon ihr Vater, Benno Dickl, ehemals Mesner in Traxl, hat zusammen mit dem oben erwähnten Markus Krammer welche organisiert. „Ich finde es schön, wenn die Tradition weitergeht“, erklärt sie. Darum habe sie heuer das Konzept von Vroni Kneifl vom Verschönerungsverein übernommen. Der wiederum hatte 2024 nach einigen Jahren Pause die Veranstaltung mit großem Erfolg wiederbelebt und unterstützt Hellmich. Gemeindereferentin Elisabeth Englhart und Izabella Süßmaier komplettieren das Team.

Gestartet wird um 14 Uhr an der Heiliger Antonius Kapelle Ebersberg, dann führt der Weg mit musikalischer Begleitung durch Kreisheimatpfleger Sepp Huber und die Jakobneuhartinger Zithermusi zur Kirche in Haselbach. Die Dauer sei „noch ungewiss, aber nicht länger als zwei Stunden“.

Viel kürzer ist da Goethes „Osterspaziergang“, der laut eines Experten „an die Tradition des Emmausgangs anknüpft“. Wer sich das Gedicht bei dieser Gelegenheit noch einmal zu Gemüte führen möchte, lässt es sich am besten vorlesen. Und zwar von Mario Adorf.

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