Verschleppt und zum Eisenbahnbau gezwungen„Warum nur hast du nie darüber gesprochen?“

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Erinnerung in Vaterstetten: Vor dem Güterwagen-Museum stehen die Familienangehörige von ehemaligen Zwangsarbeitern (von links) Frederic van Nierop, dahinter dessen Schwester Benedicte van Nierop, neben ihr Bill Kevenaar, davor dessen Ehefrau Marjo, neben ihr Reina Jetses, die mit Sohn Bo (dahinter) aus den Niederlanden gekommen ist . Begleitet werden sie vom früheren Vaterstettner Bürgermeister Georg Reitsberger (rechts), Kreisarchivar Bernhard Schäfer (hinten rechts), Hobbyforscher Robert Schurer (hinten links), vor ihm Ernst Stegmeier, Vorsitzender der Eisenbahnfreunde Vaterstetten.
Erinnerung in Vaterstetten: Vor dem Güterwagen-Museum stehen die Familienangehörige von ehemaligen Zwangsarbeitern (von links) Frederic van Nierop, dahinter dessen Schwester Benedicte van Nierop, neben ihr Bill Kevenaar, davor dessen Ehefrau Marjo, neben ihr Reina Jetses, die mit Sohn Bo (dahinter) aus den Niederlanden gekommen ist . Begleitet werden sie vom früheren Vaterstettner Bürgermeister Georg Reitsberger (rechts), Kreisarchivar Bernhard Schäfer (hinten rechts), Hobbyforscher Robert Schurer (hinten links), vor ihm Ernst Stegmeier, Vorsitzender der Eisenbahnfreunde Vaterstetten. Renate Schmidt

Nachfahren von drei Zwangsarbeitern, die bei der „Razzia von Rotterdam“ 1944 nach Oberbayern deportiert wurden, um dort eine Bahnlinie zu bauen, besuchen die Eisenbahnwaggon-Erinnerungsstätte nahe dem Vaterstettener Reitsberger Hof.

Von Michaela Pelz, Vaterstetten

Frederic van Nierop ist tief bewegt. Als der schlanke 66-Jährige erzählt, was dieser Tag und dieser Ort für ihn und seine ebenfalls anwesende Schwester Benedicte bedeutet, hat er Tränen in seinen Augen: „Endlich können wir als Familie einen Abschluss finden. Und meinem Onkel eine Stimme geben.“ Denn sein Patenonkel Frederik, den er sehr liebte, wurde als gerade einmal 17-Jähriger mit 52 000 anderen Männern am 10. und 11. November 1944 aus Rotterdam deportiert, um als Zwangsarbeiter in Deutschland Dienst zu leisten. Wie 400 andere Männer im Alter zwischen 17 und 40 Jahren wurde er in die Nähe von München verschleppt, um dort bis Mai 1945 eine Eisenbahntrasse von Zorneding nach Feldkirchen zu bauen.

Der Güterwagen ist ein Museum zum Gedenken an die Arbeiter, die 1944/45 ein Bahngleis von Zorneding nach Feldkirchen bauen mussten. Im Bild Orginalschwellen der Eisenbahnstrecke, rechts Klaus Hugo von den Eisenbahnfreunden.
Der Güterwagen ist ein Museum zum Gedenken an die Arbeiter, die 1944/45 ein Bahngleis von Zorneding nach Feldkirchen bauen mussten. Im Bild Orginalschwellen der Eisenbahnstrecke, rechts Klaus Hugo von den Eisenbahnfreunden. Renate Schmidt

Untergebracht waren die Zwangsarbeiter in Eisenbahnwaggons ähnlich dem, vor dem sich an diesem Sonntagmorgen eine kleine Gruppe versammelt hat. Sie will am „Tag des Offenen Denkmals“ die Erinnerungsstätte besuchen, die die „Eisenbahnfreunde Vaterstetten“ zwischen Baldham und Vaterstetten, ganz in der Nähe des Reitsberger Hofes, im Inneren eines 14 Meter langen Güterwaggons mit hohem ehrenamtlichem Einsatz angelegt haben.

Außer den Vereinsmitgliedern, Kreisarchivar Bernhard Schäfer, dem früheren Vaterstettener Bürgermeister Georg Reitsberger und Hobbyforscher Robert Schurer aus Ebersberg sind die Angehörigen von drei damaligen Zwangsarbeitern als Ehrengäste anwesend. Neben Frederik van Nierop mussten auch die Väter von Reina Jetses und Bill („eigentlich Eugenius“) Kevenaar von morgens bis abends an dieser Umgehungsstrecke für die häufig bombardierten Gleise zum Ostbahnhof schuften, die zwar fertiggestellt, aber nie benutzt wurde.

Auch so kann ein Museum aussehen. Die Eisenbahnfreunde Vaterstetten würden sich wünschen, dass es häufiger besucht würde, gerade von Schulen.
Auch so kann ein Museum aussehen. Die Eisenbahnfreunde Vaterstetten würden sich wünschen, dass es häufiger besucht würde, gerade von Schulen. Renate Schmidt

Die drei Familien eint der Wunsch, ein Kapitel in ihrer Familiengeschichte zu ergründen, über das die Beteiligten zeitlebens wenig bis nichts erzählten. Reinder Jetses etwa wollte nie darüber sprechen, was sich ereignete, nachdem man ihn, den Binnenschiffer aus Zwolle, der in Rotterdam nur auf Fracht wartete, vor den Augen seiner Frau und der vier Kinder von Bord geholt hatte. Erst als er 1994 bei einem Krankenhausaufenthalt aufgrund eines Lungenleidens beim Husten und Röcheln der anderen Kranken völlig außer sich geriet, wurde der Familie klar, dass es mit seiner Vergangenheit zusammenhängen musste. „Er zeigte alle Anzeichen einer PTBS, brauchte sogar ein Einzelzimmer, weil es so schlimm war. Ab da wollte ich mehr wissen“, sagt Reina Jetses.

Bill Kevenaars Vater Arnold Kevenaar war unter den Zwangsarbeitern.
Bill Kevenaars Vater Arnold Kevenaar war unter den Zwangsarbeitern. Renate Schmidt

Bei ihren Recherchen stieß sie auf Kevenaar. Seinen Bemühungen und denen der anderen Angehörigen ist es zu verdanken, dass es im Vaterstettener Waggon neue Tafeln gibt, auf denen die Schicksale weiterer Zwangsarbeiter aufgeführt sind. Auch weitere berührende Exponate haben die Besucher aus den Niederlanden mitgebracht –etwa den Text des Danklieds „O, Zorneding“, das einer der Arbeiter nach seiner Befreiung geschrieben hatte.

„Mein Vater sprach nur in seinen letzten Lebenswochen über das Geschehen“, berichtet Kevenaar. Nie hätte die Familie etwa erfahren, ob er überhaupt wusste, dass seine Frau mit Kevenaars Bruder schwanger war, als er Rotterdam verließ. Auch darüber, tagsüber im Schnee arbeiten und Schnee essen, sowie nachts mit zwei Dutzend Männern auf einem dünnen Strohlager in einem Viehwaggon schlafen zu müssen, ohne Licht, ohne Heizung bei 30 Grad unter Null, schwieg er sich aus. „Gern hätte ich ihn gefragt: ‚Warum hast du das nie erzählt?‘ Wir alle hätten ihn wohl viel besser verstanden.“

Gleichzeitig, so Kevenaar, habe der Vater aber immer gesagt: „Es gab so viele gute Menschen.“ Wie den Zornedinger Pfarrer Kainzmaier, der ihn nach der Zerstörung des Lagers versteckte, als die Amerikaner zwar schon im Anmarsch, die Zwangarbeiter aber noch nicht befreit waren. Auch alle anderen fanden bei Zornedingern Aufnahme und Essen.

Die Dankbarkeit darüber, wie auch für die Bemühungen ihrer deutschen Ansprechpartner um diesen Erinnerungsort, ist bei den Niederländern groß, das spürt man. Aber auch die Nachdenklichkeit. Ein „komisches Gefühl“ nennt es Reina Jetses. Euphorie sei auch dabei. In jedem Fall werde sie auf den 1000 Kilometern Heimfahrt mit Sohn Bas, der sie begleitet, eine Menge zu verarbeiten und bereden haben.

Im Museum (von links): Georg Reitsberger, Frederic van Nierop, Kreisarchivar Bernhard Schäfer und Hobbyforscher Robert Schurer. Er war es, auf den van Nierop durch einen SZ-Artikel aufmerksam wurde, woraufhin er ihn kontaktierte, was zum Besuch an diesem Tag führte.
Im Museum (von links): Georg Reitsberger, Frederic van Nierop, Kreisarchivar Bernhard Schäfer und Hobbyforscher Robert Schurer. Er war es, auf den van Nierop durch einen SZ-Artikel aufmerksam wurde, woraufhin er ihn kontaktierte, was zum Besuch an diesem Tag führte. Renate Schmidt

„Es ist ein großer, wichtiger Moment für unsere ganze Familie, weil wir nun die Lücken schließen können“, erklärt der 50-Jährige. Seine Mutter möchte auf jeden Fall betonen, dass ihr Vater den „jungen Deutschen“ keinen Vorwurf machte, auch wenn er lange ein schwieriges Verhältnis zu dieser Nation und der Sprache gehabt habe. „Er wollte nur, dass es nie wieder passiert.“

„Vergeben, aber nie vergessen“, sagt Kevenaar in seiner Rede am Anfang des Treffens. Die Erinnerung zu bewahren, um eine Wiederholung der Geschichte zu vermeiden, ist auch das Hauptanliegen der Eisenbahnfreunde, wie deren Vorsitzender Ernst Stegmeier unterstreicht. Genau deswegen sei es so bedauerlich, dass noch keine Schule aus dem Umkreis den Weg in diese besondere Gedenkstätte gefunden habe. Bei den zahlreichen jungen Mitgliedern des Vereins habe die Ausstellung „hoffentlich“ bewirkt, dass sie sich mit dem Thema beschäftigten. Der 17-jährige Paul sagt, es sei so: „Ich bin froh, dadurch andere aufklären zu können.“

Auf der neuen Tafel mit den Namen ist auch Frederik van Nierop vertreten.
Auf der neuen Tafel mit den Namen ist auch Frederik van Nierop vertreten. Renate Schmidt

Er ist im gleichen Alter wie Frederic van Nierops Patenonkel bei seiner Verschleppung, der 1980 mit nur 53 Jahren verstarb, ohne jemanden wirklich in das erlebte Trauma einzuweihen. Was hier, an diesem Ort von ihm bleibt, tröstet die Familie. „Denn nur der, dessen Name nicht mehr genannt wird, ist wirklich tot“, sagt der Neffe und zeigt auf die jetzt ebenfalls neu hinzugekommene Tafel mit ihren mehr als 250 Namen.

In einer früheren Fassung war der Name von Kreisarchivar Bernhard Schäfer falsch.

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