Corona im Landkreis Ebersberg:"Die Folgen sind katastrophal"

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Corona im Landkreis Ebersberg: Seit 16. März gilt bundesweit eine Corona-Impfpflicht für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen. Betroffene Einrichtungen im Landkreis Ebersberg sprechen sich für eine allgemeine Impfpflicht aus.

Seit 16. März gilt bundesweit eine Corona-Impfpflicht für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen. Betroffene Einrichtungen im Landkreis Ebersberg sprechen sich für eine allgemeine Impfpflicht aus.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mindestens 257 Beschäftigte im Gesundheitswesen sind weder geimpft, noch genesen. Arbeitsverbote gibt es bislang zwar keine, dennoch fürchten viele Einrichtungen Konsequenzen.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Zwei Kündigungen sind es bislang beim Einrichtungsverbund Steinhöring (EVS), drei an der Ebersberger Kreisklinik und etliche Ankündigungen beim Pflegestern: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen, die wegen der einrichtungsbezogenen Impfpflicht ihrer Branche den Rücken kehren werden oder zumindest wollen. Wie das zu beurteilen ist, darüber herrscht bei den Geschäftsführungen der drei Einrichtungen Kosens: "Die Folgen sind katastrophal", sagt zum Beispiel Peter Haile, Leiter des Pflegesterns. "Denn es muss jedem klar sein, dass die Betroffenen nicht nur von der einen in die andere Einrichtung wechseln, sondern dem kompletten System verloren gehen" - einem System, das schon vor Corona und einer branchenspezifischen Impfpflicht vom Fachkräftemangel beherrscht wurde.

Seit dem 16. März ist die bundesweite Regelung in Kraft, die drei Bedingungen aufstellt, um im Gesundheitswesen arbeiten zu dürfen: Eine zweifache Corona-Schutzimpfung, eine durchlaufene Corona-Infektion oder ein ärztliches Attest, das einen medizinischen Grund darlegt, der eine Impfung unmöglich macht. Von 1. Oktober an muss für einen vollständigen Impfschutz eine dreifache Impfung erfolgt sein. Der Genesenenstatus ist maximal 90 Tage gültig.

Dem Ebersberger Gesundheitsamt sind mit Stand Montagmittag 257 Personen gemeldet, die über keinen Impf- oder Genesenenstatus verfügen. Ursprünglich hat die Zahl einmal bei 351 gelegen, wie die Behörde mitteilt. Bei der anschließenden Überprüfung habe sich jedoch herausgestellt, dass in 94 Fällen die Betroffenen doch geimpft waren, oder sie hatten einen Nachweis über eine vergangene Corona-Infektion vorgelegt. Es gibt auch Einrichtungen im Landkreis, die dem Gesundheitsamt bislang noch gar nichts gemeldet haben. Dies könne aber auch daran liegen, dass in dem jeweiligen Betrieb das gesamte Personal geimpft sei. Die Zahl aller Beschäftigten in der Branche liegt dem Gesundheitsamt nicht vor, dementsprechend lässt sich keine Aussage darüber treffen, wie viel Prozent der von dieser Impfpflicht Betroffenen aktuell nicht geimpft oder nicht genesen sind.

Die Impfquote in den Einrichtungen ist überall sehr hoch

Eines scheint aber klar: Überall im Gesundheitswesen ist die Impfquote sehr hoch, deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung - zumindest trifft das auf Kreisklinik, Pflegestern und EVS zu. In der Klinik beträgt die Impfquote mehr als 90 Prozent, 145 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht vollständig geimpft, wie Klinik-Chef Stefan Huber mitteilt. Ein Teil davon hat aktuell einen Genesenenstatus, sechs Atteste liegen ihm vor. Fast 94 Prozent meldet Peter Haile vom Pflegestern, dort sind 19 Mitarbeiter aus der gut 300-köpfigen Belegschaft weder geimpft, noch genesen. Beim EVS sind etwa 92 Prozent des Personals vollständig geimpft. "Aber bei rund 1000 Mitarbeitern, die wir bei uns haben, sind das trotzdem 80 Leute", sagt Geschäftsführerin Gertrud Hanslmeier-Prockl.

Die Stellen der zwei Mitarbeiter, die beim EVS wegen der Impfpflicht bislang ihren Job aufgegeben haben, sind bereits ausgeschrieben. Von einer Nachbesetzung kann aber noch lange keine Rede sein. "Wir haben ohnehin immer Stellen ausgeschrieben, das ist in unserer Branche eben so", sagt Hanslmeier-Prockl. Wegen des Fachkräftemangels hat der EVS auch vor Corona immer wieder mal mit Zeitarbeitsfirmen zusammengearbeitet, um so Ausfälle beim Personal kompensieren zu können. Mittlerweile ist diese Kooperation noch enger geworden - musste enger werden. Denn nicht nur der schon entstandene und noch drohende Mitarbeiterschwund durch die Impfpflicht ist ein Problem, sondern auch der enorm hohe Krankenstand beim Personal durch Corona-Infektionen. "Wir haben auch ehemalige Mitarbeiter gebeten, zurückzukommen oder ehrenamtlich für uns zu arbeiten." Das scheint aber ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein, denn Hanslmeier-Prockl sagt auch: "Wenn die gesetzliche Regelung so bleibt, wie aktuell vorgesehen, dann werden noch mehr Mitarbeiter gehen, sodass wir dann Gruppen schließen müssen."

Das Gesetz sieht ein mehrstufiges Verfahren für ungeimpftes Personal vor: Schriftlich wird den Betroffenen die Aufforderung zur Impfung mit einer Fristsetzung mitgeteilt, auch das freiwillige Angebot einer ärztlichen Beratung. Dann droht ein Bußgeld in Höhe von maximal 2500 Euro. Als letzten Schritt kann das Gesundheitsamt ein Betretungs- und Beschäftigungsverbot aussprechen.

In Kitas gilt keine Impfpflicht - dorthin könnte ungeimpftes Personal abwandern

"Das Bußgeld wird niemand zahlen", sagt Hanslmeier-Prockl. Warum auch, denn viele der Mitarbeiter im EVS könnten mit ihrer Qualifikation ohne Weiteres beispielsweise in eine Kita für Kinder ohne Beeinträchtigungen wechseln. Dort gilt keine Impfpflicht für Beschäftigte.

Auch Peter Haile vom Pflegestern fürchtet den Weggang weiterer Mitarbeiter. "Ich habe kein einziges Argument, jemanden von der Impfung zu überzeugen, wenn im Zweifel der zu Pflegende und dessen Angehörige es selbst nicht sein müssen." Wie auch Hanslmeier-Prockl und Huber spricht sich der Pflegestern-Chef für eine allgemeine Impfpflicht aus, eine selektive greife zu kurz: Dadurch werde genau jene Personengruppe benachteiligt, die seit mehr als zwei Jahren unter extremen Bedingungen und enorm hohem Druck arbeite - denn das treffe auch auf das ungeimpfte Personal zu. Eine allgemeine Impfpflicht hingegen, so Hanslmeier-Prockl, würde dem Gefühl einiger ihrer ungeimpften Mitarbeiter, am Pranger zu stehen, entgegenwirken. "Denn dann wäre es fair."

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