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Eine Million Zuschauer auf Facebook:"Das Video geht total ab"

Der Steinhöringer Filmemacher Christian Lerch hat bei einem Anti-AfD-Kurzfilm der Initiative "Künstler mit Herz" Regie geführt. In wenigen Tagen wurde der Clip jetzt millionenfach im Internet angeschaut.

Interview von Jessica Schober

Der Steinhöringer Filmemacher Christian Lerch hat bei einem Anti-AfD-Kurzfilm der Initiative "Künstler mit Herz" Regie geführt. In wenigen Tagen wurde der Clip jetzt millionenfach im Internet angeschaut.

SZ: Herr Lerch, Ihr Videoclip "Mia ned! Künstler mit Herz" verbreitet sich gerade rasant im Netz. Mehr als eine Millionen Zuschauer auf Facebook und bis zum Montagabend gut 90 000 Klicks bei Youtube, dabei ist das Video gerade einmal drei Tage online. Was ist da passiert?

Christian Lerch: Ich werde andauernd darauf angesprochen, das Video geht total ab. Das ist großartig, damit haben wir nicht gerechnet. Viele sagen: "Super, dass ihr euch als Künstler einbringt." Wir empfinden es im Grunde als Bürgerpflicht, jetzt vor der Landtagswahl die Stimme zu erheben. Das fing an mit dem Protest gegen das Polizeiaufgabengesetz, dann kam die Ausgehetzt-Demo in München und dann gab es diese wirklich unangenehmen Ausfälle der CSU. Das geht alles viel zu weit. Wir haben uns dann noch mal genauer das AfD-Parteiprogramm angeschaut, und da stehen einfach undemokratische Dinge drin.

Zum Beispiel heißt es im Liedtext, wenn die "Kultur ned mehr gefördert wird, des wird sauber fad"...

Meine größte Sorge ist, dass die Vielfalt verloren geht. Ein guter Freund von mir ist beispielsweise ein toller Komponist neuer Musik. Der könnte ohne Kulturfördermittel nicht arbeiten - die will die AfD aber genauso abschaffen wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir sind ein reicher Sozialstaat, und auch nicht-mainstream-fähige Kultur bringt das Land voran und kann uns allen einen Spiegel vorhalten.

In der Initiative "Künstler mit Herz" sind über 120 Menschen vertreten. Wie lief die Zusammenarbeit unter Ihrer Regie?

Ich hatte noch zwei Co-Regisseure, wir haben das Szenario auf die Schnelle entworfen und Anfang September an zwei halben Tagen in ganz München gedreht. Es war von Anfang an eine Begeisterung kreuz und quer durch alle künstlerischen Bereiche zu spüren. Es war egal, wer sonst bei "Dahoam ist dahoam" mitspielt und wer ein Kammerspiele-Star ist. Die Schauspielerin Michaela May zum Beispiel kam ganz spontan dazu. Sie wohnt neben einem unserer Drehorte und fragte, worüber wir da einen Film drehen. Als sie hörte, dass es um einen Anti-AfD-Spot ging, wollte sie sofort mitmachen.

Und wie kamen Sie dazu, Regie bei dem Kurzfilm zu führen?

Die Initiative geht auf die Volksschauspielerin Johanna Bittenbinder und den Kabarettisten Harry Helfrich zurück. Die Johanna hat mich angerufen und gesagt: "Hey, wir brauchen einen, der einen Film machen kann. Komm vorbei!" Wir wollten dann etwas machen, das die Leute erreicht, die tatsächlich überlegen, ob sie die AfD wählen sollen. Wer das vorhat, der soll sehen, dass viele Leute, die man vielleicht aus dem Fernsehen kennt, da eine ganz andere Meinung haben.

Wird das Video nicht vor allem in einer Filterblase geteilt?

Das befürchte ich manchmal. Aber wenn man es deshalb von vorne herein bleiben lassen würde, dann wäre auch nichts gewonnen. Aber wir haben die Hoffnung, dass es die Richtigen erreicht und die Leute wirklich die Texte hören. Die Menschen müssen sich fragen: Was heißt das, wenn es keine Kirchen mehr auf dem Land geben soll? Wollt ihr wirklich dieses Bayern haben, das die AfD will? Ist das geil, wenn ein Steuersatz für alle gilt, für Reiche wie Arme? Wenn die Kassiererin genauso viel zahlen soll wie der BMW-Vorstand? Ich finde nicht.

© SZ vom 02.10.2018/kahe

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