Asylpolitik 16 Vollzeitstellen für 32 geflüchtete Jugendliche

Mahamad Najib Ibrahim aus Somalia am Mittwochnachmittag in seinem WG-Zimmer in Eberberg. Die Tür zum Gang hat der 20-Jährige offen gelassen, er erzählt von seiner bevorstehenden Ausbildung zum Koch.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

Im Kreis Ebersberg werden minderjährige Flüchtlinge vom Landratsamt betreut - in Bayern eine Seltenheit. Besuch in einer besonderen WG.

Reportage von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Die Tür steht offen und führt ins Zimmer von Mahamad Najib Ibrahim. 17 Jahre lang hat er in Somalia gelebt, 2015 kam er nach Bayern, ein WG-Zimmer ist nun sein neues Daheim. Ibrahim ist 20 und fängt bald eine Kochausbildung in einem Biergarten an, dann muss er Schweinsbraten zubereiten, Ripperl und Saumagen. "Da wirst nicht drum rum kommen", sagt einer, der die bayerische Küche seit seiner Kindheit kennt. Schulterzucken, das werde er schon hinkriegen, sagt Ibrahim. Er hat den Braten ja schon öfters gerochen, weiß, wie die fertige Speise duften muss. Zubereiten muss man den Schweinsbraten als Koch in Bayern können. Vertilgenwerden ihn dann andere.

Es ist ein stinknormales Haus in einer ruhigen Ecke mitten in Ebersberg. Doch hinter den Mauern passiert etwas Besonderes. Drinnen wohnen 14 junge Männer in zwei WGs zusammen. Sie verbindet, dass sie im Jugendalter aus ihren Heimatländern geflüchtet sind. Und dass sie nun in einem Haus in Ebersberg 24 Stunden am Tag von Pädagogen betreut werden. Normalerweise werden damit in Bayern externe Träger wie etwa die Caritas beauftragt. In Ebersberg hat das Landratsamt diese Aufgabe selbst übernommen - 16 neue Stellen wurden dafür im Jugendamt geschaffen. Derzeit sind im Landkreis 32 junge Männer auf sechs WGs verteilt - fünf in der Kreisstadt, eine in Glonn.

Beim Thema Asyl hat das Ebersberger Landratsamt oft Kritik zu hören bekommen, zu wenige Arbeitserlaubnisse war ein großer Punkt. Im Gemeinschaftsraum der WG sind die Gesichter hingegen entspannt. Die Türen hier am Nachmittag stehen offen, auch weil sich eine Besucherin von weiter weg angekündigt hat. Am WG-Tisch sitzt die CDU-Politikerin Serap Güler, Staatssekretärin für Integration im "Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration" in Nordrhein-Westfalen.

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"Etwas Besonderes, dass Sie das eigenständig betreiben"

"Es ist schon etwas Besonderes, dass Sie das eigenständig betreiben", sagt sie. Ein Lob für den Mann neben ihr, Ebersbergs Landrat Robert Niedergesäß (CSU). Warum sie diesen Job in Ebersberg selbst machen? Niedergesäß erklärt, dass sich damals vor dreieinhalb Jahren keine Träger finden ließen. "Also haben wir es selbst in die Hand genommen."

Selber machen, das hat sich auch einer der WG-Bewohner gedacht. Asthar Uarwin kniet in seinem Zimmer und fummelt an einer Bodenleiste herum. Den Holzboden hat er eigenhändig verlegt, "hat keine zwei Stunden gedauert". Uarwin ist 17 und heißt eigentlich anders. Nach drei Jahren in Bayern ist er jetzt mit der Schule fertig geworden. Sein nächstes Ziel: eine Ausbildung zum Altenpfleger, sagt er. In wenigen Tagen beginnt er mit dem Probearbeiten.

Staatssekretärin Serap Güler (schwarzes Jackett) neben Landrat Robert Niedergesäß an einem Tisch mit Bewohnern und Betreuern der Ebersberger WG.

(Foto: Korbinian Eisenberger/oh)

Selbständigkeit, Sprache, Ausbildung, Arbeit. Darum geht es, seit das Landratsamt im Februar 2015 in Steinhöring die erste WG für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge eröffnet hat. "Bunte Dächer" heißt das Projekt, 65 Menschen, haben sie im Landkreis zeitweise betreut, die Hälfte davon lebt nun eigenständig. Auf Wunsch können Jugendliche bis zum 21. Lebensjahr in den WGs wohnen. Mit dem 18. Geburtstag steht es jedem Bewohner frei, ob er die Betreuung und das Wohnrecht annehmen will oder nicht. 3400 Euro kostet die Betreuung pro Person und Monat - also weniger als bei einer Auslagerung an einen externen Träger. Die Rechnung übernimmt die Regierung von Oberbayern.

Es gibt auch Rückschläge

In der Ebersberger WG gibt es jetzt Kuchen, außen Schoko, innen pappsüß - ein Gemeinschaftswerk der Bewohner und der Betreuer, angesichts des politischen Besuchs. Zum harmonischen Bild passen die aufgeräumten Zimmer, und die Fotos an der Wand, beim Tischtennis oder beim Fußball. Und dass alle hier schon gut deutsch sprechen. Aber nicht alles läuft immer ideal. Ein großes Thema ist Geld. "Manche bekommen finanziellen Druck von ihrem Familien", sagt Carolin Kausche, sie leitet die Einrichtung. Die Folge: In den vergangenen Jahren haben manche ihre Ausbildung wieder abgebrochen, um in einem anderen Job schneller und mehr zu verdienen.

Das sind die Rückschläge in der Arbeit von Teamleiter Jochen Specht und seinen Kollegen vom Kreisjugendamt. Ziel sei es ja, jeden in eine ordentliche Ausbildung zu bringen, erklärt Specht. Oder eben zunächst in Praktika, Lerncamps und Schulen. "Der Sprung von der Integrationsklasse in die Regelklasse ist oft sehr schwierig", sagt Kausche. In solchen Momenten heißt es für sie und ihre Kollegen oft: Wieder aufbauen, motivieren, weitermachen. Und auch das gehört dazu. Specht, Kausche und ihre Kollegen helfen bei der Suche nach Sportvereinen oder Nachhilfelehrern, vermitteln Übersetzer und organisieren Schwimmkurse - die sind verpflichtend. Damit niemand auf der Strecke bleibt oder untergeht.

Zwei Küchen und zwei Bäder hat diese WG, jeder Bewohner hat ein Einzelzimmer, mittlerweile geht das, weil über die Monate mehr Platz entstanden ist. 33 junge Männer sind ja mittlerweile wieder auf sich gestellt. Die meisten von ihnen sind im Job oder in einer Ausbildung gelandet, bei manchen ist es nicht ganz klar, weil sie die WG aus freiem Willen verlassen haben. Die 32 verbliebenen Bewohner sind alle in irgendeiner Form beschäftigt - zehn von ihnen machen eine Ausbildung, elf sind in einer Integrationsklasse an der Berufsschule, die anderen im Praktikum oder an Schulen - von ihnen haben drei einen Ausbildungsvertrag unterzeichnet.

Klar wird auch mal gestritten. Untereinander, oder mit einem Betreuer. Weil das Rauchverbot gebrochen wurde, oder das Alkoholverbot. Dann kann auch mal die Tür knallen. Weil es zu laut oder zu spät würde. Oder einer sein Zimmer verwüstet hat. Weil ein Saustall noch lange keine Garantie ist für einen ordentlichen Schweinsbraten.

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