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Eine besondere Predigt:Der Superhirte

Pf. Rainer Maria Schießler Lesung

Anlass für den Besuch Rainer Maria Schießlers beim Literarischern Herbst in Zorneding ist sein neues Buch "Jessas, Maria und Josef". Doch der Pfarrer liest nicht viel, er erzählt lieber.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler mahnt beim Literarischen Herbst in Zorneding eine Erneuerung der katholischen Kirche an. Die Veranstaltung ist ausverkauft

Man hätte tatsächlich meinen können, es sei schon Heilig Abend - denn wann sonst ist die Kirche so voll? Zumal, wenn lediglich eine Predigt zu erwarten ist, ohne großes Konzert oder Ornat? Beim Literarischen Herbst in Zorneding beweist Rainer Maria Schießler wieder einmal, dass die Schäflein durchaus zahlreich kommen - wenn der Hirte sie nur richtig zu rufen weiß: Beim Besuch des populären katholischen Pfarrers am Dienstagabend ist die evangelische Christophoruskirche bis zum letzten Platz besetzt.

Auf die Frage, wer denn kein Protestant sei, erhebt die Mehrzahl der Zuhörer den Arm. Erwischt?! Eine ganz kurze Irritation, die sich sogleich im ersten lauten Gelächter des Abends auflöst. Und schon ist Schießler bei einem seiner Lieblingsthemen: der Ökumene. Katholiken in der evangelischen Kirche - oder andersherum? Für den Geistlichen aus München kein Problem, ganz im Gegenteil. Er plädiert "nicht für Gleichheit, aber für Einheit", für ein ungezwungenes Miteinander, für die Akzeptanz interkonfessioneller Ehen, für ein gemeinsames Abendmahl. "Das Brot ist Jesus - das ist doch unsere Schnittmenge!" Überhaupt wettert Schießler gegen jede Form der Ausgrenzung, theologisch wie gesellschaftlich. Geradezu absurd sei es, wenn man christliche Werte schützen wolle - durch Abschottung. "Was zählt, ist doch die Liebe. Sich die Liebe Gottes gefallen zu lassen, und sie weiterzugeben."

Schnell wird in Zorneding klar, warum die Menschen diesem Geistlichen, der in München zwei Pfarreien betreut, so gerne zuhören und so gerne seine Bücher lesen: Er spricht ihnen aus dem Herzen. Schießler predigt mit großer Leidenschaft, mit Humor und in vergleichsweise einfacher, volksnaher Sprache. Und seine Inhalte entspringen dem, was man landläufig wohl als den "gesunden Menschenverstand" bezeichnen würde: Er interessiert sich nicht für theologische Detailfragen oder Spitzfindigkeiten des Kirchenrechts, sondern plädiert für eine aufgeschlossene, der modernen Lebenswirklichkeit entsprechende Glaubensgemeinschaft. Manchmal werde er gefragt, warum er denn keine eigene Kirche gründe, erzählt er - "aber bled wear i sei: Woast, was des kost'?"

Außerdem legt Schießler großen Wert darauf, dass er die Kirche nicht von außen, sondern von innen heraus kritisieren möchte. Er wolle sie retten, wolle den Trend von Priestermangel und verwaisten, aufgelassene Kirchen aufhalten, umkehren. "Dafür brauche ich keinen Schuldigen, sondern Lösungen."

Für Schießler steht die Existenz der Kirche auf dem Spiel - wenn es ihr nicht gelingt, "völlig neu anzufangen". Für alle Erzkonservativen ist Schießler freilich eine Provokation. Denn der Pfarrer geht streng mit seiner Institution ins Gericht, geißelt ihre Dogmen, die die Menschen oftmals zu Tätern abstempelten, ihre Machtmechanismen, ihre Intransparenz in der Missbrauchsaffäre und ihre "Phantomschmerzen", sprich: ihre Angst vor Veränderungen, die an der Basis längst angekommen seien.

Eine zentrale Frage ist dabei, wer zur Eucharistie zugelassen werden soll: "Nur, wer katholisch getauft, kirchenrechtlich einwandfrei verheiratet oder ledig ist, nicht an Zöliakie leidet und unter die reine Lehre sein Amen setzt? Da bleiben nicht mehr viele übrig", sagt Schießler und lacht. Er hingegen wolle alle Menschen in die Kirche einladen, ohne Ausnahme: "Kommt, die ihr mühselig und beladen seid!" Und habe schon einmal jemand über behinderte Kinder nachgedacht, die gar nicht dazu in der Lage seien, ein klares Bekenntnis zu äußern? Im Erstkommunionsunterricht erkläre er ihnen: "Das ist Brot für dein Herz - und das Schoki für den Bauch. Diesen Übersprung versteht jedes Kind."

Auch in puncto Sexualmoral sollte sich die Kirche laut Schießler mal ein Bußschweigen auferlegen - und nur zuhören. Den Menschen immer nur ein schlechtes Gewissen zu machen, sei der falsche Weg, vielmehr gelte es, aufeinander zuzugehen, Gemeinschaft zu stiften und zu begleiten. "In unserer Diözese sind etwa 40 Prozent der Pfarrer und Ordensleute homosexuell - Menschen, die tolle Arbeit machen. Hat sich mal jemand Gedanken gemacht, wie es denen bei so mancher Debatte geht?" Der Münchner Pfarrer jedenfalls plädiert dafür, Traditionen "auch mal loszulassen", und erzählt von einem Mann, der das Floß, das ihn einst sicher über einen Fluss trug, bis in die Wüste mitschleppt - und am Ende unter der unnützen Last tot zusammenbricht.

Wer nun aber glaubt, Schießler predige einen konturlosen Wohlfühlglauben, der irrt. Trotz aller Liberalität fordert er den Menschen durchaus etwas ab - und zwar, Verantwortung zu übernehmen. "Beten allein reicht nämlich nicht." Vielmehr gelte es, stets am Frieden zu arbeiten, den Hass zu besiegen, "zuallererst bei sich selbst", sich einzusetzen gegen Krieg, Hunger und Gewalt, keinen Götzen wie dem Körperkult hinterherzulaufen und die Umwelt konsequent zu schützen. "Autofahren in der Stadt ist ein unnötiger Luxus, das muss in den Köpfen endlich ankommen", echauffiert sich der Pfarrer.

Schießlers Gottesbild ist ein duales: Der Herr sei wie ein See, wie Wasser, das einen trage, aber zugleich einen unbekannten Abgrund bereit halte, sagt er. Obwohl der Herr immer da sei: eine Garantie gegen Schicksalsschläge gebe es nicht. Der Pfarrer selbst brauchte seinen Schutzengel schon in jungen Jahren einmal - auf dem Weg nach Zorneding: Mit seinem besten Freund, einem Oberpframmerner, wollte Schießler in einem ganz alten VW-Käfer zum Italiener am Daxenberg fahren, als plötzlich ein Reifen platzte. Das Auto überschlug sich mehrmals, Schießler wurde meterweit herausgeschleudert, denn Sicherheitsgurte hatte der Käfer nicht. Doch außer einem etwas verbeulten Dach war nichts passiert. "Das hat mir die Augen geöffnet für das Geschenk des Lebens." Wenig später seien sein Freund und er - ohne große Worte - nach Altötting gelaufen, "einfach zum Dankschönsagen".