Süddeutsche Zeitung

Ebersberg goes Hollywood:Ordentlich Druck auf dem Kessel

Urkomische Männer-WG: Das Alte Kino hat ein ausgesprochen sehenswertes Filmwerk geschaffen. Nun sind "Die Heizer" in der hauseigenen Mediathek frei verfügbar.

Von Michaela Pelz, Ebersberg

Bye-bye Babelsberg - hier kommt die Talentschmiede Altes Kino Ebersberg! Eindrucksvoller Beweis dafür ist die satirische Eigenproduktion "Die Heizer". Eigentlich als Mini-Serie angelegt, wurde nun die erste Staffel zu einem Film zusammengeschnitten - und der frenetische Applaus nach der Premiere am Samstagabend zeigt, dass das Team der Kleinkunstbühne hier alles, aber auch wirklich alles richtig gemacht hat.

Denn seit Jack Lemmon und Walter Matthau hat es mit Sicherheit keine Männer-WG gegeben, die liebenswerter, verschrobener oder urkomischer gewesen wäre als Bertl (Alex Liegl) und Alfons (Peter Voith). Zumal sich die Wohnstätte des Duos an einem wirklich singulären Ort befindet, nämlich ganz zufällig unter dem Dach eines Kleinkunsttheaters.

Entstanden war die Idee mitten in der Pandemie bei einem Kreativ-Workshop mit Drehbuchautor Alexander Liegl, Mitgründer des Vereins "Altes Kino", sowie Regisseurin Gabi Rothmüller. Um das vom physischen Besuch ausgeschlossene Publikum weiterhin versorgen zu können, hatte das Alte Kino sich eine Profi-Filmausrüstung für Live-Streams und Aufzeichnungen beschafft und das passende Know-how angeeignet.

Mit diesem sowie einer ordentlichen Portion Enthusiasmus ausgestattet, ging die Produktion - Liegls Arbeitstitel: "Untenrum" - im August 2020 los. Erst im darauffolgenden Mai war auch die letzte der zwischen sieben und 15 Minuten langen Folgen abgedreht.

Im Zentrum stehen "Die Heizer" - zwei Männer, die seit Jahren ihr karg möbliertes Domizil nicht mehr verlassen haben, aber dank eines - nach Dafürhalten von Erfinder Bertl völlig unauffälligen - Sehrohrs im Zuschauerraum an allem teilhaben, was sich in "ihrem" Haus abspielt. Die beiden Freunde werden verkörpert von Schauspielprofi Liegl und einem Mann, der normalerweise seine Brötchen als Architekt verdient: Peter Voith. Dass niemand anderer als er mit der zweiten Hauptrolle betraut werden konnte, wird schnell klar, wenn man weiß, dass die beiden Spezln schon als 14-Jährige ihre ersten gemeinsamen Super-Acht-Filme gedreht haben. So ist es für Voith, der das Spielen als große Leidenschaft bezeichnet und regelmäßig in den Hausproduktionen des Alten Kinos auf der Bühne steht, auch eine hochwillkommene "Rückkehr in die Vergangenheit".

Unfassbar lakonisch und gleichzeitig von bezaubernder Naivität gibt der Diplomingenieur und Stadtplaner nun also die zweite "Dachboden-Assel". Dabei besteht seine Hauptbeschäftigung aus der Lektüre der immer gleichen uralten Zeitung, "natürlich einer Originalausgabe der SZ aus dem Jahr 1967" - wie er im Gespräch lachend behauptet. Außerdem verfolgen Alfons und sein Kumpel Bertl gebannt das Schicksal der von ihnen angebeteten Servicekraft Elli. Sie wird gespielt von Margit Schwarz, seit Jahren Vereinsmitglied, aber keineswegs Profischauspielerin - was bei ihrem Vollkörpereinsatz durchaus erstaunt.

Beim Wetteifern um ihre Gunst sind Bertl und Alfons zwar Gegner, doch eint sie die Abneigung gegen einen schmierigen Schnauzbartträger, mit dem die Angebetete verlobt ist. Der zwielichtige Lokalpolitiker und halbseidene "Geschäftsmann aus der Energiebranche" (kongenial verkörpert von Schauspieler Sebastian Winkler) stellt gleichzeitig eine akute Bedrohung für die berufliche Daseinsberechtigung der beiden Freunde dar, denn er treibt die Installation einer neuen Heizung im Alten Kino voran.

Und so entwickelt sich eine spannende, anrührende und immer wieder völlig absurde Geschichte, in der eine Sprachperlen-Pointe die nächste jagt. In Szene gesetzt von der erfahrenen Schauspielregisseurin Gabi Rothmüller und dem Kamera-Experten Valentin Winhart, brillieren in Nebenrollen bekannte Mimen wie Constanze Lindner als durchgeknallte Komödiantin Mandy Motz, Hans Klaffl als entschlossener Traum-U-Boot-Käpt'n in schneidiger Uniform (eine Mischung aus Florian Silbereisen, Raimund Harmstorf und dem Fischstäbchen-Mann) sowie Michael Altinger als durchgeistigtem Künstler. Nicht zu vergessen, der süße Mops Brünö, der den menschlichen Akteuren mehr als einmal die Schau stiehlt.

Hervorzuheben sind aber auch die darstellerischen Leistungen des eigentlich diesbezüglich aus Laien bestehenden Teams rund um Bühnenchef Markus Bachmeier, dessen eigene souveräne Schauspielleistung niemanden überrascht. Zu nennen sind Ton-Mann Daniel Hitzke als Revoluzzer im Putzmann-Outfit, Matthias Reinelt, langjährige Servicekraft, der mit großer Spielfreude ein Ein-Mann-Spezialkommando im Kampfanzug gibt oder Günther Beutel in einer Gastrolle als Bodyguard.

Ganz besonders begeistert Violetta Ditterich als maximal aufgebrezeltes Sekretärinnen-Dummchen. Sie hat die Dreharbeiten sehr genossen: "Das Schönste daran war, sich in eine Rolle zu begeben, die maximal weg ist von mir, und in den alten Klamotten von der Mama die Achtziger und Neunziger wieder auferstehen zu lassen." Wobei es im Sommer "sauheiß" gewesen sei unterm Dach, und im Winter ziemlich kalt.

Dort sähe es übrigens ganz genau so aus wie im Film gezeigt, erklärt Bachmeier. Genau dieser Raum sei sein persönliches Highlight gewesen, sagt Liegl, demzufolge das Haus selbst eine wichtige Rolle in der Serie übernehmen sollte. "Dadurch, dass der Dachboden so war, wie er ist, wurde man dort automatisch zum verschrobenen Vogel." Allerdings sei es schon eine Herausforderung gewesen, das ganze Equipment über eine klapprige Leiter nach oben zu bringen, ergänzt Bachmeier. "Deswegen haben wir eine Menschenkette gemacht."

Das Publikum honoriert die Leistung dieser beiden Ritter von der philosophischen, poetischen, teilweise irre komischen, grenzenlos absurden und doch immer wieder überwältigenden Gestalt mit der Hoffnung, dass das "Fortsetzung folgt..." am Ende des Films möglichst bald Wirklichkeit werden möge. Peter Voith jedenfalls kann sich das durchaus vorstellen. Zumal er als Endfünfziger in einigen Jahren sehr viel mehr freie Zeit haben werde. "Wie heißt es so schön: Mit 66 Jahren...". In der Zwischenzeit sind alle Folgen kostenlos auf https://www.alteskino.tv/ zu sehen.

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