Süddeutsche Zeitung

Landkreis am Limit, Folge 4:Der höchste Punkt im Landkreis Ebersberg

Auf Egmatinger Gebiet ragt eine Kuppe 658 Meter über dem Meeresspiegel. Für den Waldbauern Johann Eck bedeutet dieser Ort vor allem eines: viel Arbeit.

Hier geht's nicht weiter: Das haben alle Punkte gemeinsam, die die SZ Ebersberg in einer kleinen Serie vorstellt. Denn es handelt sich um geografische Extreme - im vierten Teil geht es um den höchsten Punkt des Landkreises, der auf Egmatinger Gemeindegebiet liegt:

Das Laub raschelt unter den Füßen, der Wind streicht durch die Baumwipfel. Mild schimmert das Sonnenlicht und bahnt sich einen Weg durch die Zweige. Irgendwo ruft ein Kuckuck oder singt eine Lerche. Es riecht nach ätherischen Ölen. Und dann passiert etwas Erstaunliches: Stress fällt von einem ab. Im Wald zu sein, tut Körper und Seele gut. Das spürt der Mensch intuitiv. In den Wald einzutauchen, hat im Fernen Osten lange Tradition. 1982 prägte das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei den Begriff "Shinrin Yoku", übersetzt "Baden in der Atmosphäre des Waldes", oder kurz: "Waldbaden".

Johann Eck, Vollerwerbslandwirt und Waldbauer in Egmating, kann darüber nur schmunzeln. Der Wald ist für ihn Arbeit. Einmal in der Woche, am Sonntagnachmittag, muss er mit seiner Frau durch den Wald spazieren und nachsehen, ob irgendwo der Borkenkäfer eingezogen ist. Jetzt soll der 75-Jährige zum geografisch höchsten Punkt des Landkreises führen, weil er sich dort oben am besten auskennt. Für einen Spaziergang hat der Landwirt aber keine Zeit. Er hat noch zu tun, es ist ein Wochentag.

Mit den Koordinaten 47 Grad, 58 Minuten, 36 Sekunden nördlicher Breite und 11 Grad, 48 Minuten, 30 Sekunden östlicher Länge liegt der höchste Punkt im Landkreis Ebersberg mitten im Wald auf dem Flurstück 1089, Gemarkung Egmating, und gehört damit Johann Eck. Der begleitende Fotograf ist vorbereitet und hat die Koordinaten bereits in sein Handy eingetippt. Der Waldbauer braucht kein Hilfsmittel. Von Egmating fährt er mit seinem Auto den forstwirtschaftlichen Waldweg entlang mitten durchs Bernriederholz, einer Landschaft, die vom Gletscher geprägt ist.

Der Weg führt über herabgefallenes Geäst bergauf und schlängelt sich in wechselnden Richtungen durch eiszeitliches, bewaldetes Hügelland. Links und rechts liegen mehr oder weniger verlandete Toteiskessel. Eine idealer Nährboden für Mücken. Der Weg ist gerade so breit, dass ihn ein Traktor befahren kann, an den Seiten begrenzt ihn das Wurzelwerk der Fichten. Es geht kurvig hinauf, wird immer steiler. Auf einem Bergrücken, ganz oben, hält Johann Eck den Wagen an. Er steigt aus und zeigt auf ein blätterbedecktes Stück Waldboden. Das sei der höchste Punkt, 658 Meter über dem Meeresspiegel. Ein Blick auf die GPS-App am Telefon zeigt: Stimmt.

Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zum Nachbarlandkreis

Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zum Landkreis München. Als ehrenamtlicher Feldgeschworener weiß Johann Eck auch, wo sich der Grenzstein befindet. Dann fängt er an zu erzählen, von den Siebenerzeichen, dem Geheimzeichen der Feldgeschworenen. Wenn die Ehrenamtlichen mit dem Geometer Steine setzen, vergraben sie in der unmittelbaren Nähe heimlich dauerhaftes Material, Glasscherben zum Beispiel oder Ziegelsplitter. "Sie helfen bei der Suche nach dem Grenzstein und sorgen so für die Wahrheit", sagt Eck. Für den Fall, dass sich Grundbesitzer einmal nicht einigen können, weil sie zum Beispiel den Grenzverlauf der Vorfahren anders in Erinnerung haben und sich dem Nachbarn gegenüber benachteiligt sehen.

Johann Eck blickt sich um und begutachtet die Bäume. "Schaut, wie die Äste herunterhängen", sagt er. "Die brauchen dringend Wasser. Drei Wochen Regen wäre jetzt schön." Auf 120 bis 140 Jahre schätzt er den Baumbestand auf dem höchsten Punkt im Landkreis. Von dort blickt er den Abhang hinab nach Westen auf eine beinahe kahle Fläche. 250 Bäume musste er im vergangenen Jahr fällen. Weil er während der langen Arbeitstage in der Dreschzeit zwei Wochen lang seinen Wald nicht kontrollieren konnte, fraß sich der Borkenkäfer durch die Fichten. Ein Jammer. 200 Kubikmeter Holz gingen verloren. Jetzt sieht er sich die Randbäume genau an, hält Ausschau nach Löchern in den Stämmen und Mehl auf dem Boden. Alles in Ordnung.

Wenn es wärmer wird, muss Eck wieder sehr engmaschig kontrollieren. "Bei Temperaturen um die 15 Grad beginnt der Borkenkäfer zu fliegen", erläutert er. Für einen Waldbauern wie ihn beginnt dann der Wettlauf gegen die Zeit. Die befallenen Fichten müssen geschlagen und aus dem Wald geschafft werden. Sonst droht ein wirtschaftlicher Verlust. Durch Notfällungen kommt zu viel auf den Markt, das Holz verliert an Wert. "Der Wald ist ja die Sparkasse des Bauern", sagt Eck. Es sei ein Zubrot, wenn die Arbeit auf den Feldern ruht.

Jetzt darf der Fotograf noch rasch Fotos machen, und dann muss der Waldbauer auch schon wieder weg. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sich auf dem Rückweg ein Blick in die Ayinger Grotte lohnen würde. Zehn Minuten Fußweg entfernt, Richtung Westen, steht eine kleine Holzblockhütte. Neben der Kapelle steht ein Marterl, das an einen schrecklichen Unfall erinnert. An dieser Stelle wurde Theres Pichler im Jahr 1876 von einer Fichte erschlagen, als sie den Holzarbeitern das Essen bringen wollte. Sie war 17 Jahre alt. Wer in den Wald geht, um etwas für sein Wohlbefinden zu tun, sollte an diesen Vorfall lieber nicht denken.

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SZ vom 26.04.2019/koei
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