Ebersberger Kulturtage Integration mit Hindernissen

Die Teilnehmer an einem Kochkurs lernen die afrikanische Küche kennen. Dabei wundert sich so mancher über die Zutaten - und drückt sich vor dem Abspülen

Von Moritz Kasper

Sollen wir wirklich noch mehr schneiden?", fragt eine Studentin mit pinkem Tanktop und schaut ungläubig auf den gigantischen Berg Zwiebelwürfel, der sich schon vor ihr auftürmt. "Jaja, alle. Und wenn ihr fertig seid, hab ich da hinten noch mehr", antwortet ein junger, athletisch gebauter Afroamerikaner in gelbem T-Shirt und Jeans, während er sorgfältig mit einem großen Messer Salatherzen zerteilt. Um ihn herum sitzen etwa zwölf junge Hobbyköche an orangen Biertischen. Sie schnippeln, hacken und schälen solche Mengen an Gemüse, Kräutern und Fleisch, dass man meinen könnte, sie wollten nicht nur sich selbst, sondern gleich alle Besucher der Ebersberger Volksfesthalle mitversorgen. Bei den dortigen Kulturtagen nämlich findet gerade ein afrikanischer Kochkurs statt.

Einer der Organisatoren, Andreas Stadler vom katholischen Kreisbildungswerk, mustert gerade skeptisch eines der dicken Kabel, die zu riesigen, fahrbaren Kochplatten führen. "Wenn wir Pech haben, gibt's heute Abend Rohkost", sagt er. Die monströsen Geräte hängen nämlich alle an einem Anschluss. "Das ist in etwa so, als würde man einen Föhn, einen Wasserkocher und eine Waschmaschine über eine Steckdose laufen lassen", erklärt Stadler den Hobbyköchen.

Der Abend ist ein Experiment, nicht nur, was die Technik betrifft. Der Koch Hassan Goeye und seine beiden Helfer Maka Seck und Adama Dieng wohnen in einer Ebersberger Flüchtlingsunterkunft und haben noch keine Arbeitserlaubnis - sie haben ihre Sprachkurse noch nicht abgeschlossen. Das frustriert sie, denn ihr Deutsch ist schon relativ gut. Sie wollen raus aus der Unterkunft und suchen den Kontakt mit Menschen außerhalb ihres Bekanntenkreises. Aus diesem Grund organisiert Barbara Lux vom Helferkreis regelmäßig Ausflüge, bei denen man sich über gemeinsame Aktivitäten näher kommt, statt nur im Frontalunterricht zu sitzen. Viele der jungen Asylbewerber haben in ihrem Heimatland schon einen Beruf ausgeübt, besitzen also Kenntnisse und Fertigkeiten, die für Andere interessant sein könnten. "Da liegt viel Potenzial brach", sagt Lux. Ihr Ziel ist es, Flüchtlinge in Situationen zu bringen, wo sie erklären müssen, was sie machen. Vor kurzem zum Beispiel waren sie Trommeln in einem Kinderhort und einem Altenheim - sowohl die Kinder, als auch die Senioren waren laut Lux begeistert. Heute steht also Kochen auf dem Programm - wahlweise Couscous oder Reis zu Geschnetzeltem in einer Kartoffel-Zwiebel- oder Erdnuss-Tomatensoße. Schließlich sind die Verantwortlichen des Ebersberger Kulturtage stets um Integration bemüht.

Nachdem alles klein geschnitten ist, umringen die Teilnehmer erwartungsvoll den jungen Koch, der ihnen nun das Rezept erklären soll. Goeye ist erst etwas aufgeregt, schafft es aber dann auf Anhieb, alle Zutaten auf Deutsch beim Namen zu nennen. Nur das Wort "Sultaninen" will ihm einfach nicht über die Lippen kommen. "Rosinen", hilft ihm ein kleines Mädchen, und er lächelt erleichtert. Doch als der ausgebildete Koch in Aktion tritt, wird es kompliziert. Unendliche Mengen an Öl, Erdnussbutter, Tomatenmark - und was ist das? Bolognese-Sauce aus der Tüte? Knoblauchpulver? Verdutzte Mienen rund um die Töpfe. So hatte sich wohl nicht jeder die afrikanische Alltagsküche vorgestellt.

Koch-Kultur: Bei einem Kurs zur afrikanischen Küche lernen die Teilnehmer typische Gerichte des Kontinents kennen.

(Foto: Christian Endt)

Nach dieser kurzen, virtuosen Vorstellung ist dann erst einmal "Deckel drauf und Warten" angesagt. Nicht 20, nicht 40, sondern mehr als 90 Minuten müssen die bunt zusammengewürfelten Gerichte laut Goeye köcheln, damit das Fleisch zart und die Soße sämig wird. Während dieser langen Wartezeit trennt sich dann die Spreu vom Weizen: Während die meisten die Halle verlassen oder zum gleichzeitig stattfindenden Kicker- und Schafkopfturnier hinüberschauen, räumen die Köche mit ein, zwei Dagebliebenen auf, wischen die Tische, spülen bergeweise Teller ab.

Erst als alles schön wie bei einem Cateringservice aufgebaut ist, gesellen sich die weniger fleißigen Mitköche wieder dazu, um ihr nicht ganz so hart erarbeitetes afrikanisches Essen zu genießen. Und das kommt sichtlich gut an: Die Teller werden voller geladen als in einem bayerischen Wirtshaus. Die neu entdeckten Leibspeisen werden aber leider nicht zusammen mit den Köchen verzehrt - diese essen hinten in der Kochecke und niemand kommt auf die Idee, sie herüberzubitten. Nur Goeye gesellt sich nach einer Weile an den Rand der Biertischrunde - zu ein paar Teilnehmern des Kickerturniers, die mitbekommen haben, dass es hier was Leckeres zu essen gibt.