Süddeutsche Zeitung

Coronakrise:Der Ebersberger Frauennotruf rechnet mit einem Ansturm

Die Ausgangsbeschränkungen schützen nicht nur vor einer Coronainfektion, sondern können auch ein höheres Risiko für Fälle von häuslicher Gewalt bedeuten.

Zu Hause bleiben. Frauen, Männer, Kinder - alle. So lautet das Gebot der Stunde, das Politik und Wissenschaft wegen der Corona-Pandemie ausgerufen haben. In Bayern gelten im Vergleich zu anderen Bundesländern strenge Ausgangsbeschränkungen. Das Haus verlassen darf hier nur jemand, der "triftige Gründe" dafür vorweisen kann, wie es in der betreffenden Regierungserklärung heißt. Zu Beginn vergangener Woche gab Minderpräsident Markus Söder (CSU) bekannt, dass diese Anordnung verlängert werden müsse und nun bis zum 19. April gelte. Also: Eine ganze Weile weiterhin zu Hause bleiben, und zwar "zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung", so die Allgemeinverfügung. Was aber, wenn das eigene Zuhause gar kein Schutzraum ist, zumindest nicht für das eigene Wohl? Das ist etwa bei häuslicher Gewalt der Fall - am häufigsten davon betroffen sind Frauen.

Birgit Dimotsios meldet sich am Telefon. Sie ist Sozialpädagogin und Beraterin beim Ebersberger Frauennotruf. Der Verein ist eine Beratungsstelle für Frauen, die körperliche und psychische Gewalt oder Belästigung erfahren oder sich beispielsweise in einer Trennungssituation vom Partner befinden. Wie schätzt also Dimotsios die Lage ein? Was bedeuten die strengen Ausgangsregeln in Kombination mit Home-Office oder Kurzarbeit, wie es derzeit in vielen Familien der Fall ist, für Frauen, in deren Zuhause häusliche Gewalt ein Thema ist? "Für diese Frauen ist es im Moment eine sehr schwierige Zeit", sagt sie. "Wir gehen davon aus, dass die Gewalt unter den aktuellen Bedingungen steigen wird." Und: "Die Frauen haben kaum eine Möglichkeit, sich unbeobachtet bei uns zu melden oder sich woanders Hilfe von außen zu holen."

Auch die Politik rechnet damit, dass die Lage für betroffene Frauen noch prekärer wird. So stellt Doris Rauscher (SPD), Vorsitzende und Sprecherin des Sozial- und Familienausschusses im Landtag, in einer Pressemitteilung fest, dass viele Familien durch die Pandemie existenzielle Sorgen hätten. Zudem sei die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, Kinder könnten nicht mehr zur Schule oder in die Kita und die Eltern müssten die Betreuung mit ihrem Beruf außer Haus oder im Home-Office vereinbaren. "Nicht bewältigte Stressfaktoren werden jetzt erst recht Aggressionen fördern", so Rauscher weiter. "Wir dürfen bedrohte Frauen nicht in einer ausweglosen Situation zurücklassen."

Als Maßnahme schlägt die SPD-Landtagsfraktion in einem Brief an Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) vor, dass die Staatsregierung in Zusammenarbeit mit zuständigen Trägern und Beratungsstellen vor Ort kurzfristige Alternativen finden sollen, um Opfer von häuslicher Gewalt sicher unterzubringen. Das könnten beispielsweise Hotels oder leer stehende Appartements sein.

Gleiches fordert auch der Ebersberger Kreisverband der SPD. "Schon vor dem erhöhten Druck durch die Coronainfektion haben die Frauenhäuser in Bayern nicht genug Platz für alle Hilfesuchenden gehabt und mussten jede zweite Frau abweisen", erinnert Bettina Marquis, SPD-Kreisvorsitzende und Mitglied des Bundesvorstands der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF), in einer Pressemitteilung.

Tatsächlich ist es so, dass laut einer Richtlinie des bayerischen Familienministeriums ein Frauenhausplatz pro 10 327 Einwohnerinnen im Alter von 18 bis 80 Jahren zur Verfügung stehen soll. Für Ebersberg bedeutet das 5,25 Plätze bei 54 234 Einwohnerinnen. Für den Erdinger Kreis, an dessen Frauenhaus sich Ebersberg mit 50 Prozent der Kosten beteiligt, ergibt die Rechnung einen Bedarf von 5,05 Plätzen bei 52 309 Einwohnerinnen. Insgesamt kommen die beiden Kreise also auf einen Bedarf von 10,31 Plätzen. Im Verbund gibt es aber nur fünf. Deshalb entschieden die Fraktionen im Kreis- und Strategieausschuss in einer Sitzung Anfang Dezember auch, dass notwendige Maßnahmen in die Wege geleitet werden, um bis März 2022 eigene Strukturen zum Schutz von Frauen bei häuslicher Gewalt aufgebaut zu haben.

Zurück in de Gegenwart: Ist der Bedarf an Hilfsangeboten bei häuslicher Gewalt gestiegen, seitdem die Ausgangsbeschränkungen gelten? Nein, lautet die Antwort von Birgit Dimotsios vom Frauennotruf. Wobei sie erzählt, dass sie in der vorvergangenen Woche gleich dreimal ein Fax von der Polizei erhalten haben - mehr als gewöhnlich.

Die Faxe von der Polizei haben folgenden Hintergrund: Wenn die Polizei zu einem Fall von häuslicher Gewalt gerufen wird, kann die betroffene Frau der Weitergabe ihrer Kontaktdaten an das Team vom Frauennotruf zustimmen. Dimotsios und ihre Kolleginnen wenden sich dann proaktiv an die Frau - der Verein agiert hier also in der Rolle einer Interventionsstelle.

Ob die drei Fälle innerhalb einer Woche, von denen Dimotsios berichtete, im Zusammenhang mit den Ausgangsbeschränkungen stehen, lässt sich allerdings kaum belegen. Eine Nachfrage bei der Polizeiinspektion in Poing ergibt, dass es aktuell nicht mehr Einsätze in diesem Bereich gibt als im Vorjahr. Konkrete Zahlen dürfen aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genannt werden, wie es heißt.

Bei einem Anruf in der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, an die die Ebersberger Polizei verweist, ist ähnliches zu hören: Gesteigerte Einsatzzahlen bei körperlichen Gewaltdelikten sind nicht verzeichnet - und unter dieser Kategorie fällt häusliche Gewalt. Eigens ausgewiesen werden Fälle von häuslicher Gewalt in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht. Das bedeutet: Selbst bei einem Anstieg der körperlichen Gewaltdelikte ist ein Rückschluss auf mehr Einsätze im Bereich häuslicher Gewalt nicht sicher möglich, wie ein Sprecher erklärt.

Was hingegen sicher ist: Die Beraterinnen vom Frauennotruf brauchen schon jetzt mehr Zeit für ihre Klientinnen, so Dimotsios. Weil neben dem Thema der häuslichen Gewalt viele weitere Probleme hinzugekommen seien, etwa die Angst um den Job. Die Beraterin betont, dass viele der Frauen in ihrer Psyche vorbelastet seien. "Wenn dann auf einmal das bislang sichere äußere Netz ins Wanken gerät, dann trifft sie das meistens schlimmer als Leute ohne entsprechende Vorgeschichte.

Hinzu komme, so Dimotsios, dass auch für Kinder aus solchen Familien Schutzfaktoren weggebrochen seien: Kitas, Schulen und Vereine haben geschlossen. Die Erwachsenen dort fungieren aber als Vertrauenspersonen für Kinder und Jugendliche. Sollte ihnen etwas auffallen, würden sie sich dementsprechend an Beratungsstellen oder beim Jugendamt melden.

Vom Kreisjugendamt gibt es die Auskunft, dass derzeit kein Mehr an betreuten Fällen vorliegt. Die Kontakte mit Kindern, Jugendlichen und Familien finde aktuell vorwiegend über Telefonate, E-Mails, Whatsapp und auch Skype statt. Ob die Fälle ansteigen werden, sei "nur schwer zu prognostizieren".

Beim Frauennotruf haben die Beraterinnen ihre Klientinnen mit Weitblick auf die Ausgangsbeschränkungen vorbereitet. Mit einigen Frauen hätten sie Notfallpläne erarbeitet, sie gebrieft, wo sie im Zweifel unterkommen könnten, und sie auch darin bestärkt, die Polizei zu rufen, sollte eine Situation eskalieren, so Dimotsios. So weit es möglich ist, finden telefonische Beratungen weiterhin statt - die Nummer des Frauennotrufs ist wie bisher zu den Geschäftszeiten besetzt. Aber auch im Büro ist in aller Regel immer jemand anzutreffen. "Vielen ist gar nicht klar, dass unsere Beratung eine systemrelevante Arbeit ist", sagt Dimotsios. Das bedeutet, dass ein Gang zu den Büros des Vereins zu den triftigen Gründen zählt, unter denen man das Zuhause verlassen darf.

Dennoch ist klar, dass dieses Angebot für einige Frauen nicht unbemerkt wahrzunehmen ist. Eine Beratung per E-Mail ist laut Dimotsios aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht erlaubt - sie könnten gehackt werden. Um einen ersten Kontakt zum Frauennotruf herzustellen, sei dieser Weg aber in Ordnung. Theoretisch gäbe es die Möglichkeit, über spezielle Online-Programme zu beraten. Es gibt Vereine, die das bereits anbieten. Der Ebersberger Frauennotruf gehört nicht dazu. Eine Frage des Geldes, so Dimotsios. Solche Programme seien teuer, und die Beraterinnen müssten im Umgang damit geschult werden. Dazu reichen die vorhandenen finanziellen Mittel nicht aus.

Über die Finanzen machen sich die Beraterinnen derzeit viele Gedanken. Etwa zehn Prozent ihrer Ausgaben müssen durch Spenden gedeckt werden, der Rest kommt vom Landkreis. Ausgangsbeschränkungen und das Abstandnehmen von sozialen Kontakten mache die herkömmliche Spendenakquise kaum mehr möglich. "Das bedeutet für uns im Moment einfach eine große Planungsunsicherheit", sagt Dimotsios. Ziemlich sicher ist für sie jedoch eines: "Wir gehen davon aus, dass es bei uns zu einem Ansturm kommen wird, sobald die Einschränkungen gelockert werden."

Der Ebersberger Frauennotruf ist telefonisch erreichbar unter (08092) 88110 und per E-Mail an info@frauennotruf-ebe.de. Die Geschäftsstelle in der Von-Feury-Straße 10 in Ebersberg ist von Montag bis Freitag zwischen 8.30 Uhr und 16.30 Uhr besetzt.

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SZ vom 07.04.2020/koei
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