Schäden im Ebersberger Forst:Vom Winde zerlegt

Unwetterschäden Ebersberger Forst.

Mathias Rastel (links) und sein Kollege Mihai Corjuc versuchen den Schäden mit Harvester und Motorsäge Herr zu werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Sturm hat im Ebersberger Forst Flächen zerstört, groß genug, um Windräder zu bauen. Kann man nun andere Gebiete verschonen? Ein Besuch bei den Aufräumarbeiten.

Von Korbinian Eisenberger

Der Wind offenbart seine Kraft. 40 Jahre alte Bäume, umgeknickt wie Zahnstocher. Der Waldboden hat in diesen Tagen etwas von Mikado. Es wird Wochen dauern, bis die Arbeiter im Ebersberger Forst aufgeräumt haben. Am Ende einer Schneise im Nordteil hat der Sturm das größte Loch hinterlassen: 15 000 Quadratmeter Zerstörung. Kaum ein Baum, den es hier nicht erwischt hat. Wenn die Arbeiter hier fertig sind, ist das einstige Waldstück eine Lichtung von 1,5 Hektar. Also so groß wie die Summe der Flächen, die für fünf Windräder abgeholzt werden müssten. Die Frage ist: Muss man das jetzt überhaupt noch?

Nach dem Sturm Anfang vergangener Woche sind Teile des Ebersberger Forsts kaum mehr wiederzuerkennen. Mit brachialer Willkür setzte das Gewitter dem Wald zu und schlug im Westen und Norden Schneisen und Löcher. Mindestens 15 000 Festmeter Schadholz, zwar deutlich weniger als bei dem Orkan Niklas vor sechs Jahren, aber immerhin ein Viertel des jährlichen Ertrags. Für Jäger und Schwammerlsucher sind die kommenden Wochen ein Risiko. Der Wald ist vom Winde zerlegt, ineinander verkeilt und steht deshalb unter Hochspannung.

In den Morgenstunden ist ihm eine Weide aufs Maschinen-Dach gefallen. "Zum Glück war es ein dünnerer Stamm", sagt Mathias Rastel, der gerade aus seiner Kabine steigt. Er ist einer der Fahrer, die in diesen Tagen mit schwerem Gerät im Ebersberger Forst unterwegs sind. Mit dem Harvester krallt er sich beschädigte Stämme, entastet und zerteilt sie. Bei entwurzelten Bäumen, die unter Spannung stehen, hilft ihm sein Kollege Mihai Corjuc mit der Motorsäge. Beide sind Profis, sie müssen sich ohne Worte verständigen, weil der Motor so laut dröhnt. Eine gefährliche Arbeit, bei der man sich auf den Partner verlassen können muss. Wenn einer von ihnen nicht aufpasst, kann es für den anderen böse enden.

Rastel berichtet, wie schwierig es ist, gut ausgebildete Kräfte für Privatfirmen zu gewinnen. Das Forstunternehmen Rastel geht deswegen neue Wege bei der Mitarbeiterakquise. So hat Juniorchef Mathias Rastel seinen heutigen Beifäller Corjuc aus Rumänien engagiert. Rastel spricht selbst fließend rumänisch und übersetzt seinen Kollegen ins Deutsche. Corjuc berichtet, dass in Rumänien weniger effektiv gearbeitet würde, und nicht so behutsam. Es gehe dort weniger um den Erhalt der Natur als um Profit. In Bayern erlebe er das anders. Rastel und Corjuc sind nun mit den Aufräumarbeiten im Revier Ingelsberg beauftragt, wo das größte Loch von allen noch auf sie wartet.

Es knackt und rumort seit Tagen bis in die Abendstunden im Unterholz. Und noch immer gleichen weite Teile des Ebersberger Forsts einem Schlachtfeld. Seit dem Morgen danach befinden sich Rastel, Corjuc und 15 weitere Arbeiter vom zuständigen Forstbetrieb Wasserburg und von Privatfirmen in einem Wettlauf gegen die Zeit. Neun Maschinen sind im Einsatz, um das Schadholz möglichst schnell aus dem Wald zu befördern. Grund: Zerstörte Bäume verlieren ihre Abwehrkräfte. Im gesunden Zustand ersticken erste Schädlingswellen im Baumharz. Angeknackst oder abgebrochen werden Nadelbäume beliebte Orte für ungehinderte Borkenkäfer-Gelage. Je länger das beschädigte Holz im Wald liegt, desto höher das Risiko, dass über den Ebersberger Forst eine Käferplage hereinbricht.

Das Gewitter war lokal und kam in der Nacht auf den 7. Juli. Zwei Jäger auf dem Ansitz schafften es in ihrem von herabgefallenen Ästen zerbeulten Auto gerade noch rechtzeitig in Sicherheit. Die gute Nachricht ist, dass niemand verletzt wurde. Nicht auszudenken, welche Folgen dieser Sturm tagsüber gehabt hätte.

Wind im Wald. Es war das große Landkreis-Thema der vergangenen Jahre und gipfelte im Mai 2021 in einem denkbar knappen Bürgerentscheid für das Projekt, im Ebersberger Forst fünf Windkraftanlagen zu errichten. Nun also hat der Wind genau hier eine markante Note hinterlassen: 50 Hektar Wald werden demnächst Kahlfläche sein, wie die Bayerischen Staatsforsten erklären. Im Verhältnis zur Gesamtfläche des Forsts von 9000 Hektar "ist das nur eine kleiner Kratzer", wie Forstbetriebsleiter Heinz Utschig erklärt. Im Verhältnis zu der Rodungsfläche für die fünf Windräder hingegen ist der Sturmschaden eher schon eine gewaltige Delle. Er hat mehr als 33 Mal soviel Wald zerstört, wie für die Windräder gefällt werden müssten. Die Frage ist, ob man den freigewordenen Raum nun womöglich nutzen kann.

Noch steht nicht fest, wie groß die Freiflächen durch Sturmschäden im Einzelnen sein werden. Dafür müssen sich Mihai Corjuc und Mathias Rastel noch durch viele Festmeter Fichte, Buche und Eiche kämpfen. Klar ist aber, dass einzelne Areale so groß sind, dass sie im aufgeräumten Zustand locker Platz für ein Windrad bieten würden. Zum Beispiel in dem Loch im Revier Ingelsberg. Dem Revier von Förster Wolfgang Richter.

Der Lärm von Rastels Harvester verhallt in der Ferne, Richter und Utschig stehen an der Stelle, wo die Gewalt des Sturms besonders eingeschlagen und ein Areal von 20 Meter hohen Fichten oberhalb der Stammhälfte regelrecht rasiert hat. 50 mal 60 Meter Freifläche braucht es für eine Windkraftanlage, ein Fünftel dessen, was sich hier demnächst bietet. "Für ein Windrad mehr als groß genug", sagt Richter. Problematisch ist jedoch die Lage: zu nahe am Zornedinger Ortsteil Wolfesing, um der bayerischen 10-H-Abstandsregel eines Windrads zur nächsten Siedlung gerecht zu werden. Zweites Problem: Die zerstörten Bäume stehen in einem sogenannten Wasserschutzgebiet, wo es Windradanträge naturgemäß schwierig haben.

Wie realistisch also ist die generelle Überlegung, die Windradstandorte in vom Winde zerlegtes Gebiet zu verlegen? "Der Wald ist an diesen Stellen schon mal weg, also ist der Gedanke naheliegend", sagt Forstchef Utschig, der gerade an einem Stapel gespaltener Fichtenstämme vorbei stapft. Das alleine reicht jedoch bei weitem nicht für eine Genehmigung. "10 H, Wasserschutzgebiete und Naturschutzüberlegungen müssen in die Erwägung miteinfließen", so Utschig. Zudem ist der gesamte Ebersberger Forst Landschaftsschutzgebiet. Dieser Status müsste aufgehoben werden. Und der Wald aufgeräumt. Aus der Ferne schnauft ein Harvester. Das Team Rastel-Corjuc rückt näher.

© SZ vom 16.07.2021/koei
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