Ebersberger Forst Wie aus einem Mischwald eine Monokultur wurde

Allmählich erobern sich die Buchen ihren natürlichen Raum im Wald zurück, den ihnen der Mensch einst genommen hat.

(Foto: Helmut Wohner)

Kein Wald in Bayern wurde so früh kartiert wie der Ebersberger Forst. Daten aus 300 Jahren zeigen, wie aus einem einst gesunden Mischwald ein Nadelwald wurde - und was nun dagegen getan wird.

Von Korbinian Eisenberger

Vor gut 250 Jahren zog zum ersten Mal ein Mann durch den Ebersberger Forst und zählte Bäume. Der Landvermesser Mathias von Schilcher hatte damals den Auftrag erhalten und erledigte ihn sehr gewissenhaft. Seine Prinzipien von damals sind bis heute die Grundlage, wenn in irgendeinem Wald in Bayern Baumbestände gemessen werden. Wenn die Kollegen von Forstamtsleiter Heinz Utschig heute durch den Ebersberger Forst streifen, gehen sie noch immer wie Schilcher vor. Allerdings haben sie sein System verfeinert. Vieles hat sich seither geändert, wenn es um den Umgang mit dem Wald und seinen Bäumen geht.

Der Ebersberger Forst war einmal ein gesunder Mischwald - ehe die Menschen in der Region ihn in einen Nadelwald verwandelten. In fast allen Wäldern Bayerns ist das früher oder später geschehen. Das besondere am Ebersberger Forst: Bis heute lässt sich in keinem anderen Gebiet im Freistaat so weit zurückverfolgen, wie genau sich der Wald über die Jahrhunderte verändert hat. Mit dem Ebersberger Forst hat Landvermesser Schilcher in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erstmals einen Wald in Bayern im Detail kartiert und die Verteilung der Baumarten berechnet. Er kam zu einem Ergebnis, das heute viele erschrecken würde.

Allmählich erobern sich die Buchen ihren natürlichen Raum im Wald zurück, den ihnen der Mensch einst genommen hat.

(Foto: Helmut Wohner)

Seine Messungen von damals ergaben, dass der Ebersberger Forst innerhalb eines halben Jahrhunderts kaum wiedererkennbar verändert wurde: 1750 hatten im Wald noch vier von fünf Bäumen Blätter. 1798 schon erhob Schilcher einen Laubwaldanteil von weniger als einem Drittel. In 50 Jahren wurde der Ebersberger Forst zu einem Wald, der nun zu 70 Prozent aus Fichten- und Kiefern bestand.

Das Fällen für den Profit ging weiter - ohne Rücksicht auf Verluste

Eine Entwicklung, die Schilchers Auftraggeber kaum gestört haben dürfte, wie die Historiker Joachim Hamberger und Otto Bauer in ihrem Werk "Wald. Mensch. Heimat. Eine Forstgeschichte Bayerns" durchklingen lassen: Kurfürst Karl Theodor wird gewusst haben, dass die Fichte schneller wächst als die Buche - und verkaufbares Holz bringt. So ging das Fällen weiter. Ohne Rücksicht auf Konsequenzen.

Am Zustand eines Waldes lässt sich festmachen, wie gesund eine Region ist. Deswegen hat Forstchef Utschig hier eine Verantwortung. Im Sinne von: back to the roots. Zurück zu den tiefen Wurzeln der Laubbäume. Damit der Forst wieder mehr so wird wie einst, als dort die Vielfalt daheim war. Seit Mitte der 1980er Jahre touren dafür Forstfachleute durch den Wald. In jedem der einst von Schilcher kartierten Quadrate schätzen sie den Baumbestand - nur dass heute nicht mehr einer alleine zuständig ist, sondern ein ganzes Team. Hinzu kommt alle zehn Jahre eine Inventur. Hier nehmen die Förster im Wald Stichproben. "Jeder Baum wird einzeln eingetragen", sagt Utschig, mit Holzart, Größe und Umfang. "So messen wir, an welchen Stellen Holzarten fehlen oder zu viel sind." So soll aus reinen Fichtenbeständen wieder nach und nach Mischwald werden.

Im Büro von Utschig sind Schilchers Messungen gesammelt - und alles, was danach erhoben wurde. Daraus lässt sich erkennen, wie sich der Ebersberger Forst seit 1750 unter dem gesellschaftlichen und auch politischen Druck verändert hat.

Fichtenstämme ohne Ende schleppten die Waldarbeiter nach der Nonnenkatastrophe Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Ebersberger Forst.

(Foto: Helmut Wohner)

Mit Beginn der Industrialisierung in Bayern Mitte des 19. Jahrhunderts ließen Fürsten und Könige ihre Förster auch noch die letzten Buchen im Ebersberger Forst einschlagen und durch Fichten ersetzen. Als Brennstoff für die Industrieöfen war die Buche zwar beliebt. Die Fichte galt jedoch als flexibler, weil sie sich anders als die Buche als Bau-, Werk- und Heizstoff gleichermaßen eignet und zudem schneller wächst. So kam es, dass sich der Ebersberger Forst Mitte des 19. Jahrhunderts wie viele andere bayerische Wälder zu einer fast reinen Monokultur entwickelt hatte. Messungen aus dem Jahr 1845 ergaben einen Fichtenanteil von 90 Prozent, während die Buche nur noch drei Prozent ausmachte. Weil das Geschäft mit dem Fichtenholz boomte.

Und dann: Die große Katastrophe

All das hatte seinen Preis. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zur großen Katastrophe. In den Jahren 1892 und 93 wurde der Ebersberger Forst mit seiner fast reinen Fichtenmonokultur Opfer einer Raupeninvasion. Gewitter, Sturm und ein heißer Sommer führten dazu, dass sich die sogenannte Nonnenraupe im Forst ausbreiten konnte, ein Insekt, das Buchen nicht mag, aber Kiefern und Fichten dafür umso mehr. Ohne eine Durchmischung mit Laubbäumen aber ließen sich die Nonnen nicht aufhalten. Und so reichten zwei Sommer, da hatten sie knapp die Hälfte des 7500 Hektar großen Forsts vernichtet.

Tote Bäume und ein hoher wirtschaftlicher Schaden - da zeigten sich im Ebersberger Forst zum ersten Mal die drastischen Folgen für Mensch und Natur, wenn in die Natur eingegriffen wird. "Letztlich spüren wir den Buchenkahlschlag bis heute", sagt Forstamtsleiter Utschig. Hinzu kommt die Klimaerwärmung unserer Zeit, mit Hitzesommern wie in diesem Jahr. Dem vorangegangen sind schwere Stürme, sie reißen Fichten deutlich leichter aus dem Boden, weil ihre Wurzeln nicht so tief nach unten wachsen wie die von Laubbäumen. Sturmschäden und Trockenheit schwächen auch die noch stehenden Bäume und lassen Schädlinge wie den Borkenkäfer erstarken. Im Mischwald hätten sie nicht so leichtes Spiel.

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Die Nonnenraupe hinterließ in den 1890ern ein Schlachtfeld im Ebersberger Forst: Eine kahl gefressene Fläche so groß wie 4500 Fußballfelder. Ein Anblick, der die bayerische Staatsforstverwaltung in jenen Jahren erstmals zu Gegenmaßnahmen veranlasste. "Sie wollten damals 600 Hektar Laubholz aufforsten", sagt Utschig, Details, die er aus alten Akten hat. Doch Wildverbiss und Spätfrost vernichteten einen Großteil der jungen Buchentriebe. Nur jeder zehnte gepflanzte Laubbaum überlebte. So dass die Förster letztlich doch wieder Fichten pflanzten - eine Baumart, die später austreibt und deswegen nicht in den Spätfrost hineinkommt.

Es dauerte bis kurz vor der Jahrtausendwende, ehe sich in den Forstbetrieben Bayerns was rührte. Mitte der Achtziger kam der Kampf gegen Monokulturen, Hitzewellen und Schädlinge langsam in Gang. "Es war Zeit", sagt Utschig, der seine Behörde nun seit acht Jahren leitet. Was das bayernweite Umdenken für die Vielfalt im Ebersberger Forst und so manch anderem Wald in der Region gebracht hat? Es lässt sich anhand der Bestandszahlen seit 1987 erahnen. Damals lagen Fichte und Kiefer noch bei 84 Prozent. In den folgenden drei Jahrzehnten dann ging ihr Bestand zurück. Bei der jüngsten Zählung vor zwei Jahren kamen die Nadelbäume im Ebersberger Forst auf 64 Prozent. Immerhin schon etwas weniger als bei der letzten Zählung des einsamen Landvermessers vor 220 Jahren.

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