Ebersberger ForstEintauchen in die aufregende Welt des Waldes

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Revierförster Matthias Markmiller erklärt großen und kleinen Besuchern die verschiedenen Baumarten.
Revierförster Matthias Markmiller erklärt großen und kleinen Besuchern die verschiedenen Baumarten. Ulrich Pfaffenberger

Die Bayerischen Staatsforsten präsentieren einen Tag lang im Ebersberger Forst das ganze Spektrum ihrer Aufgaben. Und nicht nur Kinder sind begeistert von der Vielfalt, die der Wald als Naturraum und Arbeitsplatz zu bieten hat.

Von Ulrich Pfaffenberger, Hohenlinden

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Aus Simon sprudelt es nur so heraus. „Da war ein ganzes Glas mit Borkenkäfern. Soooo klein sind die!“ sagt der Sechsjährige und zeigt die Größe mit dem Finger auf dem Wirtshaustisch in der Hohenlindener Sauschütt an. Dort, mitten im Ebersberger Forst, nimmt er gemeinsam mit seinen Eltern und dem drei Jahre älteren Bruder Quirin gerade eine Stärkung zu sich nach zwei aufregenden Stunden im Wald.

Nach der Station am Forsthaus Hubertus freut sich der Bub jetzt auf weitere Abenteuer in der Natur, von denen er offenbar nicht genug bekommen kann. „Ein Vogelhäuschen haben wir auch gebaut! Und beim Schnitzen mit der Kettensäge zugesehen und wie das Pferd das Holz aus dem Wald gezogen hat.“ Die beiden Brüder aus Eicherloh tragen voller Überzeugung die orangefarbenen Waldarbeiter-Kappen, die sie geschenkt bekommen haben. Sie sind angekommen in einer Welt, die auch ohne Smartphone und Headset die Sinne erreicht – und die vielleicht, der Vater merkt respektvoll die Vielfalt möglicher Berufe im Wald an, ihr Leben künftig nicht nur in der Freizeit begleitet.

Hört man sich unter den Gästen im Biergarten oder bei den diversen Vorführ- und Erklärstationen um, dann ist die Botschaft von der Vielfalt des Waldlebens angekommen. Die Bayerischen Staatsforsten haben aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens zum „Tag des offenen Waldes“ eingeladen. Weil man bei einer Geburtstagsfeier eben gern ein paar Gäste um sich hat, mit denen sich die Freude teilen lässt, inklusive Musik, Würstl und kühler Getränke. Wie attraktiv das Angebot ist, lässt sich beispielsweise an der Sauschütt daran messen, dass die Zufahrtsstraße fast auf ganzer Länge zugeparkt ist und sich Fuß- und radelndes Volk im Ausweichverkehr zwischen Kommenden und Gehenden üben dürfen. Gedrängel gibt’s aber sonst kaum, weil sich in einem ausgedehnten Wald wie dem Ebersberger Forst auch eine Masse Menschen ins kaum Wahrnehmbare verläuft.

Gar aus Regensburg sind Anja und Martin extra nach Hohenlinden gekommen. Die beiden Mittvierziger, die sich wie die meisten Besucher nur mit Vornamen vorstellen, haben schon in ihrer Kindheit den Wald als Spiel- und Tummelplatz kennengelernt. Jetzt, als Erwachsene, finden sie dort den Ausgleich zur Arbeitswelt. „Nicht unbedingt an einem Sonntag mit Veranstaltung wie heute, aber wir tanken im Wald das ganze Jahr über Energie auf“, sagt Anja. Wobei ihnen nicht nur die Ruhe entgegenkommt, sondern vor allem die Vielfalt der Perspektiven. „Du stellst dich hin und rund um den Baum siehst du 360 Grad einzigartige, lebendige Bilder, im Großen und im Kleinen. Wo hat man das sonst?“, sagt Martin. Dazu komme das abwechslungsreiche, spannende Spiel von Licht und Schatten zwischen Büschen, Stämmen und der grünen Blätterdecke über den Köpfen: „Da ist immer Bewegung, aber nicht hektisch, sondern völlig unaufgeregt.“

Ein 72-Jähriger kehrt zurück an den Ort seiner Kindheit und erinnert sich ans Radeln und Laubholzsammeln

Einen Eindruck, den Rudi aus Ebersberg nur bestätigen kann. Zusammen mit seiner Frau ist der 72-jährige, wie immer wieder mal, an den Ort zurückgekehrt, an dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. „Da oben, aus dem Fenster, habe ich herausgeschaut, wenn ich nicht sowieso draußen war“, sagt er und zeigt auf die Dachgaube. Der Vater Förster, die Mutter Wirtin – da war das Radeln im Wald genauso Alltag wie das Laubholzsammeln. Seine Lieblingszeit im Wald sei der Mai, wenn die Buchen austreiben. „Das ist ein Grün, da möchtest du am liebsten reinbeißen.“

An den bunten Pflanzgarten gleich hinter der Sauschütt habe er sich immer erinnert gefühlt, wenn er ein 50-Pfennig-Stück in der Hand hielt, das eine Frau zeigt, die einen Setzling behutsam in der Hand hält. „Der Konflikt zwischen erhaltenswerter Natur und gefragtem Erholungsgebiet war immer schon da“, erklärt er und berichtet von Schwammerlsuchern, die mit Taschenlampen durch den nächtlichen Wald gestürmt sind, weil sie „ihre“ Pilze keinem anderen gönnten. „Aber wenn ich heute die Leute seh, die mit dem Kopfhörer durch den Wald joggen, dann frage ich mich schon: Nehmen die die Natur noch wahr – oder ist ihnen der Wald nur noch Kulisse?“

Alle Wege führen durch den Wald.
Alle Wege führen durch den Wald. Ulrich Pfaffenberger

Alexander und Dominik, die mit ihren Partnerinnen gerade die Brotzeit beendet haben, unterhalten sich über die besondere Qualität des „Arbeitsplatzes Wald“. Viel Freiheit und Raum für Eigenverantwortung biete sich dort, sagt Alexander, der nach zehn Jahren bei den Staatsforsten gerade in die Privatwirtschaft wechselt. Vor allem im Vergleich zu Berufen im Büro oder im Werk sei das spürbar: „Im Wald wirst du nicht rund um die Uhr eingesehen und erlebst die Jahreszeiten intensiv.“ Außerdem bekomme man natürliche Innovation rund um die Uhr mit, wobei einem gleichzeitig bewusst werde, mit welch langen Fristen man bei der Forstwirtschaft denken müsse: „Womit ich heute arbeite, das haben zwei Generationen vor mir auf den Weg gebracht. Und was ich heute anfange, da sehe ich erst in 30 Jahren, was daraus geworden ist.“ Bei der täglichen Arbeit mit all dem Holz und dem Grün, das rund um ihn heranwächst, hat er sich gleichwohl einen nüchternen Blick bewahrt, der Wald als Ursprungsort von Märchen und Sagen nährt sich aus seiner Sicht weniger aus der Flora, denn aus der Fauna: „Wenn es eine Mystik gibt, dann kommt die eher vom Fuchs.“

Wie viel den Wald und die Menschen verbindet, zeigt sich einige Schritte weiter am Rande des Arboretums, wo Revierförster Matthias Markmiller eine Handvoll interessierter Laien mit der Vielfalt der zahlreichen Baumarten vertraut macht. Eine solche Ansammlung in direkter Nachbarschaft angepflanzter Gehölze kennt man sonst aus Botanischen Gärten. Im Ebersberger Forst dient sie zu Studien und zum Erklären. Wer verträgt sich mit wem – und mit wem nicht? Wieviel Schatten fällt hier und was macht er mit dem Boden? Wer setzt sich durch und wer verkümmert? Woran delektieren sich die Wildtiere mehr: an der Elsbeere, dem „Schnitzel fürs Reh“, oder an der Eiche, den Baum mit der größten „Schadgesellschaft“? Der Wald, ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Förster Markmiller hat eigens noch zwei Kästen mit diversen Setzlingen mitgebracht und dort können Groß und Klein den Unterschied zwischen Stieleiche und Roteiche erkunden und erfühlen, zwischen Douglasie und Baumhasel, zwischen Esskastanie und Rosskastanie („Die hat’s nicht ganz einfach“). Alle Genannten stehen im Fokus der Waldwirtschaft, wenn es darum geht, die Übermacht der Kiefer zugunsten eines Waldes mit mehr Vielfalt zu reduzieren. Während das Publikum aufmerksam lauscht und nickt, neugierige Fragen stellt und Tipps für den eigenen Garten holt, löst sich hinter ein paar Büschen und Sträuchern das Gewusel und das Geräusch der benachbarten Wirtschaft in ein Flüstern auf. Wie wenig Blätter und Zweige es braucht, um mitten im Wald einen geschützten Raum zu finden – auch wenn alle Türen offenstehen.

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