Semesterthema der VHS Vaterstetten:"Die Legende ist oft viel schöner als die Wahrheit"

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Die Hubertuskapelle im Ebersberger Forst. Manche fahren hier nachts mit einem mulmigen Gefühl vorbei - denn hier soll die weiße Frau auftauchen. (Foto: Christian Endt)

Welche Geheimnisse suchten die Schatzgräber auf dem Schlossberg bei Aßling? War ein gewaltiger Eber schuld an der Gründung Ebersbergs? Und was ist dran an der Geschichte der Weißen Frau im Forst? Kreisheimatpfleger Thomas Warg über Sagen und Mythen aus dem Landkreis.

Interview von Anja Blum, Ebersberg

Sagen, Mythen und Legenden üben bis heute eine große Faszination aus - kein Wunder also, dass die Volkshochschule Vaterstetten sie nun zum Schwerpunktthema ihres nächsten Semesters erkoren hat. Einer, der sich mit diesen oft schon sehr alten Erzählungen bestens auskennt, ist Kreisheimatpfleger und Stadtführer-Chef Thomas Warg, er spricht bei der VHS am Mittwoch, 12. Oktober, über "Sagen, Mythen und Legenden im Land um den Ebersberger Forst". Im Interview erklärt der Historiker, was die Entstehung solcher Geschichten beflügelt, warum die Menschen sie heute noch lieben und wie man zu ihrem wahren Kern vordringt.

Kreisheimatpfleger Thomas Warg im Ebersberger Forst, um den sich besonders viele Legenden ranken. Das neueste Rätsel ist jenes um einen wiederentdeckten jahrhundertealten Brunnen. (Foto: Christian Endt)

Wenn man die Ankündigung Ihres Vortrags liest, könnte der Eindruck entstehen, der Landkreis Ebersberg sei besonders reich an Mythen, Sagen und Legenden...?

Ja, es gibt hier unfassbar viele davon - aber das ist beileibe kein Einzelfall, sondern eigentlich überall so. Der Unterschied ist nur, dass wir in Ebersberg diese Geschichten intensiv sammeln und erforschen.

Wir - das sind?

Ich und mein großes Team an Stadtführern. Wir alle haben Regale voller Bücher daheim und sind ständig auf der Suche nach neuen Legenden, schriftlichen Quellen und Zeitzeugen. Immer wieder treffen wir alte Menschen und lassen uns von der guten alten Zeit erzählen, denn gerade das ist für die Bewahrung von Heimatgeschichte ganz wichtig.

Aber beflügeln nicht regionale Besonderheiten wie ein Forst oder ein Kloster die Legendenbildung?

Ja, natürlich, so ein Wald ist gruselig, gerade nachts, und ihn zu durchqueren war früher sicher nicht ungefährlich. Da kann man schon auf Ideen kommen, was da so alles passiert sein könnte. Deshalb gibt es eine Unzahl von Legenden rund um den Forst, von den Irrlichtern der verstorbenen Seelen über einen kopflosen Reiter bis hin zu Wilderergeschichten. Und ein Kloster wie das in Ebersberg legt zum Beispiel nahe, dass es hier mittelalterliche Hexenverfolgung gegeben haben könnte. Laut unserer Erkenntnisse war die aber hier nicht intensiv, nur ein paar Mal stand es wohl Spitz auf Knopf: Eine verdächtige Frau aus Wind, einem Weiler bei Markt Schwaben, sollte im Falkenturm in München gefoltert werden - was sicher weitereichende Denunziationen zur Folge gehabt hätte. Doch bevor es so weit kommen konnte, hat sie sich selbst das Leben genommen.

Die Lust am Grusel: Auch die Walpurgisnacht der Kirchseeoner Perchten erfreut sich großer Beliebtheit. (Foto: Christian Endt)

Zu welchem Zweck erfanden beziehungsweise erzählten die Menschen Sagen und Legenden?

So schlimm es ist: Früher ging es vor allem darum, Schuldige zu benennen für Hungersnöte, Seuchen oder Kriege. Erklärungen für Unerklärliches zu finden. Deswegen ranken sich zum Beispiel unzählige Legenden um den 30-jährigen Krieg. Aber auch heute, in unserer vermeintlich aufgeklärten Welt, gibt es die Lust am Grusel und eine große Sehnsucht nach im weitesten Sinne Übersinnlichem. Die Menschen lesen Horoskope, tragen einen Talisman, haben Angst vor einem Freitag, dem 13. Das Bedürfnis, die Welt zu verstehen, in die Zukunft sehen zu können und das Glück zu beschwören: All das ist aktuell wie eh und je. Und wir wollen diesen Zauber bei unseren Führungen auch gar nicht zerstören.

Das heißt, auch die alten Mythen sind heute noch von Interesse?

Ja, unbedingt, wir sehen das an unseren Führungen. Termine zu solchen Themen sind nicht nur zu Halloween und Walpurgis ganz schnell ausgebucht. Vor allem Kinder und Krimifans rennen uns sozusagen die Bude ein - wobei es natürlich schwierig ist, diese beiden Gruppen in einer gemeinsamen Führung gleichermaßen zu bedienen. Für die einen fängt es beim Horror vom "Blair Witch Project" gerade erst an, die anderen verkleiden sich gerne als Harry Potter, wollen sich dann aber doch nur ganz ein bisschen fürchten. Insofern ist es besser, Kinder und Erwachsene hier zu trennen.

Ihre Führungen folgen also keinem starren Konzept, sondern sind jeweils individuell aufs Publikum zugeschnitten?

Genau so ist es. Ganz nach Bedarf schalten wir beim Gruselfaktor einen Gang rauf oder runter. Denn erstens kann man ein und dieselbe Legende ja so oder so erzählen, außerdem haben wir dermaßen viele davon auf Lager, dass wir jederzeit spontan eine andere auswählen können.

Sie schreiben: "Mythen, Sagen und Legenden sind nie ganz wahr, aber auch nie ganz falsch." Wie und wie oft lässt sich der wahre Kern wissenschaftlich herausdestillieren?

Wie? Dank der Historiker und der Archäologen. Aber zu einem echten Ergebnis kommt man nur ab und zu, je nach Quellenlage. Manches bleibt unerklärlich. Dazu muss man wissen: Viele Geschichten verändern sich, es gibt sie in verschiedenen Varianten, denn jeder Erzähler will sie noch ein bisschen schöner machen. Auch von der Legende der Weißen Frau im Forst gibt es mehrere Varianten. Sie alle besagen, dass ein rücksichtsloser Unfallfahrer die Frau sterbend im Wald zurückgelassen habe und sie nun - als Anhalterin - auf der Suche nach ihrem Mörder sei. Manchmal aber ist nicht nur sie, sondern auch ihr Kind gestorben.

Am Tag des offenen Denkmals wird die Weiße Frau an der Hubertuskapelle nachgestellt. (Foto: Christian Endt)

Und was haben Sie bislang über den Wahrheitsgehalt dieser berühmten Erzählung herausgefunden?

Wir wissen, dass sie wohl erst Mitte der 70er entstanden ist. Keiner der älteren Förster oder Waldarbeiter hatte zuvor von ihr gehört. Außerdem gab es diesen Unfall wohl nicht wirklich, zumindest haben wir bisher keine Indizien dafür gefunden. Und: In Kanada grassiert dieselbe Geschichte - aber unsere ist älter.

Auf welche Quellen greifen Sie als Historiker bei der Legenden-Recherche zurück?

Natürlich auf viele. Allerdings muss man den Quellen kritisch begegnen, je älter sie ist, desto mehr. Wenn etwa irgendwo von 10 000 Pferden die Rede ist, kann man nur davon ausgehen, dass es viele waren. Die Zahl an sich ist meist irrelevant. Für die Ebersberger Geschichten gibt es zum Beispiel ein Buch von einem Pfarrer namens Franz Xaver Paulhuber von 1847 und eine Sammlung aus dem Jahr 1972: "Die schönsten Sagen aus dem Münchner Osten". Unsre größter Schatz aber ist die Chronik der Ebersberger Mönche, sie ist eine einzigartige Quelle und schon sehr gut erforscht. Damit lässt sich ziemlich gut wissenschaftlich herausarbeiten, was stimmt, und was nicht.

Zum Beispiel an der Geschichte, dass Graf Sieghart einst Ebersberg gegründete, weil er einem teuflischen Eber den Garaus machen wollte?

Ja, genau. Dieser Graf hatte seinen Sitz bis dahin in Sempt, also nördlich des Forstes. In diesem soll er auf der Jagd einem gewaltigen Eber begegnet sein - ohne ihn erlegen zu können. Also flüsterten ihm weise Eremiten ein, dass man es hier mit dem Leibhaftigen zu tun habe - und er die Höhle des Tieres zerstören und an deren Stelle eine Kirche und eine Burg bauen solle. Nur so sei der böse Bann zu brechen. Ein wunderbarer Gründungsmythos. In Wirklichkeit aber hatte der Umzug des Grafen von Sempt nach Ebersberg damals rein pragmatische, wirtschaftliche Gründe. Das heißt: Die Legende ist oft viel schöner als die Wahrheit.

Was ist denn Ihre persönliche Lieblingslegende?

Naja, eigentlich erzählen Mythen ja oft von verwunschenen Orten, die es zu suchen und zu finden gilt, Atlantis etwa oder Eldorado. Bei uns aber ist es umgekehrt: Wir haben einen rätselhaften Ort, jedoch keine Geschichte dazu - zumindest noch nicht. Die Rede ist von dem jahrhundertealten Brunnen mitten im Ebersberger Forst, der ist ja Fakt. Wer diesen aber wann für wen gebaut hat: Das ist meine Lieblingsgeschichte. Da sind wir mitten drin in der Detektivarbeit.

In manchen Legenden geht es auch um unauffindbare Schätze...

Richtig, auf dem Schlossberg bei Aßling etwa waren Schatzgräber aus München zugange, die Gold finden wollten, und angeblich von Geistern daran gehindert wurden. Den entsprechenden Burgstall kann man immer noch sehen. Und auch im Kloster Ebersberg soll irgendwo eine Kiste mit Preziosen versteckt, genauer gesagt, eingemauert worden sein. Doch keiner weiß, wo genau. Die Suche geht also immer weiter.

Vortrag bei der VHS Vaterstetten : Thomas Warg spricht am Mittwoch, 12. Oktober, um 19.30 Uhr im Bildungszentrum, Baldhamer Straße 39 (Konzertsaal) über "Sagen, Mythen und Legenden im Land um den Ebersberger Forst". Der Eintritt ist frei, aber um Voranmeldung wird gebeten. Auch online kann der Vortrag verfolgt werden. Führungen kann man buchen per Mail an thomas.warg@t-online.de.

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