Geheimnisvolles BauwerkNeues Ausflugsziel im Ebersberger Forst

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Aus Douglasienstämmen haben Georg Schuder und seine Helfer die Brunneneinfassung und das Brunnenhaus gezimmert. Abgedeckt wird der Brunnenschacht durch ein Gitter, in das bruchsichere Fenster eingebaut werden.
Aus Douglasienstämmen haben Georg Schuder und seine Helfer die Brunneneinfassung und das Brunnenhaus gezimmert. Abgedeckt wird der Brunnenschacht durch ein Gitter, in das bruchsichere Fenster eingebaut werden. (Foto: Barbara Mooser)

Der historische Brunnen mitten im Wald soll Besuchern zugänglich gemacht werden. Kopfzerbrechen bereitet er Forschern aber nach wie vor. Wer hat ihn gebaut, wann und für wen? Theorien gibt es einige – Chat-GPT trägt eine besonders spannende bei.

Von Barbara Mooser, Ebersberg

Einmal hat sich der Ebersberger Historiker Thomas Warg einen Spaß gemacht und Chat-GPT gefragt, was man alles zum geheimnisvollen Brunnen im Ebersberger Forst wissen muss. Die Künstliche Intelligenz zeigte sich dabei recht fantasievoll: Die Weiße Frau, die nachts an der Hubertuskapelle herumspuke, wohne tagsüber im Brunnen, ließ sie Warg wissen. Der 66-Jährige lacht, als er das erzählt. Auch wenn er Chat-GPT hier nicht so ganz vertraut, ist doch eines klar: Fünf Jahre nach seiner Wiederentdeckung gibt der Brunnen nach wie vor noch viele Rätsel auf. Weil er wohl gerade deshalb auf die Menschen in der Region sehr faszinierend wirkt, wird er nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht – sogar eine Abkürzung zur Staatsstraße 2080 durch den Forst wird es geben.

Mitarbeiter der Staatsforsten legen letzte Hand an das Dach an. Im September soll noch Richtfest gefeiert werden.
Mitarbeiter der Staatsforsten legen letzte Hand an das Dach an. Im September soll noch Richtfest gefeiert werden. (Foto: Barbara Mooser)

Vielleicht hat der Brunnen, der Mitte des 20. Jahrhunderts versiegelt und 2020 wiederentdeckt worden war, bei seiner Errichtung ungefähr so ausgesehen, wie ihn Georg Schuder vom Verschönerungsverein und seine Helfer von den Staatsforsten jetzt hergerichtet haben: eine massive hölzerne Umfassung, ein Dach, das Schutz bietet. An diesem sonnigen Tag Anfang September hämmern Mitarbeiter der Staatsforsten gerade noch am Dach, der Boden wird planiert, rund um die Brunneneinfassung soll später ein einfacher Holzboden gelegt werden, auch überdachte Sitzbänke an den Pfeilern hat sich Schuder ausgedacht. Aus Sicherheitsgründen wird später der Brunnen von einem Gitter, in das Glasluken eingebaut sind, abgedeckt. Mit dem Landesamt für Denkmalpflege ist die Gestaltung abgesprochen, mittlerweile ist der Brunnen offiziell in der Denkmalliste eingetragen.

Georg Schuder vom Verschönerungsverein (links) und Kreisheimatpfleger und Historiker Thomas Warg hoffen, dass der Brunnen irgendwann seine Rätsel preisgibt.
Georg Schuder vom Verschönerungsverein (links) und Kreisheimatpfleger und Historiker Thomas Warg hoffen, dass der Brunnen irgendwann seine Rätsel preisgibt. (Foto: Barbara Mooser)

„Brunnen, spätmittelalterlich, zwischen 1411 und 1444“, steht da. Dass der Brunnen um diese Zeit entstanden sein muss, schließen die Fachleute aus der Untersuchung des hölzernen Brunnenkastens, auf den die Steinmauer im Schacht aufgebaut ist. Die sogenannte C14-Methode, die den Zerfall von Kohlenstoffatomen misst, ermöglicht es, das Alter organischer Stoffe wie Holz sehr präzise festzustellen.  Für Thomas Warg und Georg Schuder wäre trotzdem denkbar, dass der Brunnen sogar älter ist. Der Brunnenkasten könnte ja bei einer späteren Wiederinstandsetzung eingebaut worden sein, so die Theorie.

Schon mehrmals haben sich Forscher in den Brunnenschacht abgeseilt, erkennbar ist die gleichmäßige und solide Bauweise.
Schon mehrmals haben sich Forscher in den Brunnenschacht abgeseilt, erkennbar ist die gleichmäßige und solide Bauweise. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Es lässt sich nur spekulieren, warum der Brunnen in den Forst gebaut wurde und von wem. Thomas Warg vergleicht das mit der Sage von Atlantis – bloß umgekehrt: Zu Atlantis gibt es eine Geschichte, aber niemand weiß, wo es einmal lag. Zum Brunnen hingegen gibt es einen Ort, aber bisher noch keine Geschichte.

Das heißt nicht, dass es gar keine Erkenntnisse gäbe. Der Bauherr, so viel ist klar, wird wohl recht wohlhabend gewesen sein, denn das Baumaterial ist homogen und die Bauweise einheitlich und gleichmäßig, das spricht laut Warg für eine kurze Bauzeit. Die Steine, aus denen der Brunnenschacht zusammengefügt sind, stammen wohl aus der Nähe, etwa aus der Stelle im Forst, wo heute die Müllumladestation und -deponie Schafweide liegt. Wären die Steine aus dem Gebiet nördlich des Forsts herbeigeschafft worden, wären sie wohl kleiner, erläutert Warg. Wer auch immer den Brunnen gebaut hat, hat den perfekten Ort im großen Forst gefunden: Fast überall stoße man nämlich erst in 40 Metern Tiefe auf Grundwasser, sagt Warg, hier jedoch musste man nur elf Meter tief graben. Wer sich auskennt, kann so etwas an der Vegetation erkennen.

Mehrere Theorien gibt es zur Entstehungsgeschichte. Da wäre etwa die von der Waldweide: Jahrhundertelang wurden Schweine im Herbst in den Forst getrieben, wo sie sich vor dem Winter noch einmal richtig an Eicheln und Kastanien satt fressen konnten. Die Schweine selbst brauchten zwar keinen Brunnen, aber vielleicht diejenigen, die auf sie aufpassten. Oder er könnte von einem Förster genutzt worden sein, der auf die Einhaltung der Regeln im Wald achten musste – immerhin ist für den Ebersberger Forst die älteste Waldordnung Deutschlands überliefert. Aber würde man für einen so kleinen Personenkreis extra einen Brunnen bauen? „Das kann ich mir nicht vorstellen, dass für einen Unterförster so ein Aufwand betrieben worden wäre“, sagt Thomas Warg.

Durch ein Gatter im Wildzaun wird ein neuer Zugang geschaffen

Für ihn wäre viel plausibler, dass der Brunnen an einer Versorgungstation entlang der Salzstraße lag, wo Händler Rast gemacht und ihre Pferde versorgt haben. Auch Georg Schuder gefällt diese Theorie, er führt zu einer Senke in der Nähe des Brunnens, hier könnten die Tiere getränkt worden sein. „Arbeitshypothese!“, fügt er an. Wäre der Brunnen ein Halt entlang der Salzstraße gewesen, müsste er freilich schon vor 1411 existiert haben, denn diese Route durch den Forst wurde nur bis zur Gründung der Stadt München im Jahr 1158 genutzt.

Obwohl die Umgebung des Brunnens intensiv untersucht wurde, fand sich bisher kein Beleg dafür, dass es hier einmal eine Siedlung gab, doch wenn die Gebäude aus Holz waren, könnte es sein, dass sie einfach spurlos verrottet sind. Die Bäume könnten Überreste überdecken. Der Brunnen selbst gibt wenig Aufschluss über das, was um ihn herum vorgefallen ist: Anders, als in vielen anderen Fällen, fanden sich am Grund des Brunnens keine Gegenstände, der Brunnen wurde wohl über die Jahrhunderte hinweg gut gepflegt und sauber gehalten. Eine Holzdeichel, eine Art Wasserleitung, die Archäologen geborgen haben, wird künftig im Museum Wald und Umwelt ausgestellt. Thomas Warg will weiter versuchen, dem Geheimnis auf den Grund zu geben, unter anderem will er sich noch intensiver mit den Materialgruben in der Umgebung befassen.

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Was man über den Brunnen schon weiß und was es über seine Umgebung Wissenswertes zu erfahren gibt, wird künftig auf Informationstafeln zu lesen sein. „Man muss die Menschen mitnehmen“, sagt Georg Schuder, nur wer etwas über die Vergangenheit wisse, könne daraus für die Gegenwart lernen. Noch im September ist das Richtfest für das neue Brunnenhaus geplant, das mit einer großzügigen Finanzspritze des Verschönerungsvereins und durch tatkräftige Unterstützung von Mitarbeitern der Staatsforsten realisiert wurde.

Im Frühjahr könnte dann alles soweit fertig sein, dass der Brunnen zum neuen Ausflugsziel im Forst avancieren kann. Während er bisher am einfachsten über den südlichen Waldzugang und das Lindacher Geräumt zu erreichen ist, soll es dann einen direkten Zugang vom Radweg entlang der Staatsstraße 2080 geben; ein paar hundert Meter südlich der Hubertuskapelle wird ein Tor in den Wildzaun eingebaut – natürlich nur für Radler und Fußgänger.

Der Brunnen wird dann nicht nur von außen zu bewundern sein, man kann auch einen Blick in die Tiefe werfen. Ein Leuchtband, das von einer Solaranlage Strom bekommt, soll in den Brunnen hineinführen und nach einem Knopfdruck für das nötige Licht sorgen. „Und wenn man zweimal drückt, kommt die Weiße Frau und bringt einen Espresso“, witzelt Thomas Warg.

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