Süddeutsche Zeitung

Ebersberg:Für Firmen im Landkreis ist der Bus- und Bahnverkehr ein großes Problem

Defizite beim öffentlichen Personennahverkehr, Wohnraummangel und sprachliche Hürden bei der Ausbildung. Wie das den Unternehmen schadet.

Für die Unternehmen im Landkreis stellt der öffentliche Bus- und Bahnverkehr ein großes Problem dar. Das wurde in der Sitzung des Regionalausschusses der IHK Ebersberg deutlich, in der sich der neue Vorsitzende der IHK München und Oberbayern, Manfred Gößl, und Landrat Robert Niedergesäß (CSU) den Anliegen der Unternehmer stellten. Die Wirtschaftsvertreter fordern den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), sehen aber auch bei der Schaffung günstigen Wohnraums für ihre Mitarbeiter erheblichen Verbesserungsbedarf. Beides wirkt sich nachteilig auf das Angebot von Fachkräften aus. Aber auch die Sprache stellt zunehmend ein Hindernis dar.

An der grundsätzlichen Verkehrsproblematik ändert auch das 365-Euro-Ticket für Schüler und Azubis nichts, das vergangenen Dienstag von der Staatsregierung für den Großraum München in Aussicht gestellt wurde. Auf Nachfrage nach weiteren Vergünstigungen entgegnet Gößl den Unternehmern, dass zunächst der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel vorangetrieben werden müsse, bevor an weitere Preissenkungen zu denken sei: "Das würde nur zu einem Kollaps führen. Wir haben jetzt schon überfüllte Busse und Bahnen." Zumal der Preis nicht immer das größte Problem ist, wie eine Wirtschaftsvertreterin deutlich macht: "Vergünstigungen helfen nichts, wenn der Bus nicht fährt." Auch andere Unternehmer kritisieren, dass man nach wie vor nur schlecht mit dem Bus im Landkreis vorankomme. Außerdem sei der Informationsfluss mangelhaft, wenn es zu Ausfällen kommt, was nicht selten der Fall sei.

Niedergesäß geht auf die Kritik ein und konstatiert: "Wir haben ein massives Infrastrukturproblem." In Bezug auf das Schienennetz sei der Infrastrukturausbau jahrelang verpennt worden. Er plädiert für die Ausweitung von Bus- und Bahnverkehr, damit Azubis und Mitarbeiter besser zu ihren Arbeitsplätzen kommen. Bei der S-Bahn werde das durch die langen Planungszyklen jedoch noch Jahre dauern, sagt der Landrat mit Blick auf ein zweites Gleis.

Der Landrat betont die Fortschritte

Außerdem brauche es dafür ausreichend Mittel von Freistaat und Bund. Niedergesäß betont aber auch, dass es Fortschritte gebe, etwa bei Vergrößerung und Verdichtung des MVV-Gebiets und auch was die Kommunikation mit Kunden über die MVV-App anbelange. Außerdem arbeite der ÖPNV heute deutlich wirtschaftlicher als früher. Nichtsdestotrotz kommt die Kritik an der Abdeckung und der Zuverlässigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel bei den Wirtschaftsvertretern deutlich zum Tragen.

Insgesamt gut, aber...

Laut einer Umfrage der IHK München und Oberbayern vom vergangenem Juli bewerten die Unternehmen ihren Wirtschaftsstandort im Landkreis als "gut". Besonders schätzen die Betriebe die Anbindung an Fernstraßen, das regionale Straßennetz und die Nähe zu Absatzmärkten und Kunden. Dagegen sind die Befragten weniger zufrieden mit der Anbindung an Schienengüterverkehr, dem Wohnraumangebot und den Grundstückspreisen für Gewerbeflächen. Die Studie wurde nach 2015 und 2017 dieses Jahr zum dritten Mal durchgeführt. Sie gibt Aufschluss darüber, wie Betriebe aus ganz Oberbayern insgesamt 44 Standortfaktoren beurteilen hinsichtlich Infrastruktur, Arbeitsmarkt und Fachkräfte, Standortkosten, Unternehmensumfeld, Marktpotenzial, Netzwerke und Attraktivität des Standorts sowie der Zusammenarbeit mit der Verwaltung. Aus dem Kreis Ebersberg nahmen 121 Unternehmen daran teil.

Im Vergleich zum oberbayerischen Durchschnitt zählt der Landkreis mit einer Gesamtnote von 2,0 weiterhin zu den besten Standorten. Unterm Strich würden sich 88 Prozent der befragten Betriebe wieder für den Landkreis als Standort entscheiden. Allerdings gaben auch 30 Prozent der Unternehmen an, durch Standortmängel nicht so schnell gewachsen zu sein, wie sie es gerne getan hätten. Ein in etwa gleicher Anteil an Firmen hatte das bereits vor zwei Jahren bei der Umfrage angegeben. Die Bereitschaft zu investieren, geht wohl aber zukünftig ohnehin zurück. Während 29 Prozent der Betriebe angaben in den vergangenen drei Jahren in ihren Standort investiert oder diesen ausgebaut zu haben, planen nur noch 23 Prozent in den kommenden drei Jahren das zu tun.

Für die Zukunft wünschen sich die Unternehmen einen Bürokratieabbau in der Verwaltung, vor allem um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Das würde auf beiden Seiten zu Zeit- und Kostenersparnissen führen. So könnten freiwillige Zeitvorgaben der Verwaltung für die Dauer von Genehmigungen die Planungssicherheit der Unternehmen verbessern. Ebenso erhoffen sich die Betriebe eine Erleichterung durch die Digitalisierung von Verwaltungsverfahren. Daran anknüpfend fordern die Betriebe eine zuverlässige, flächendeckende Internetversorgung zu moderaten Preisen. Ein schnelles und störungsfreies Internet sei sowohl für Bestandsunternehmen als auch für neue Betriebe unerlässlich, um in Zeiten der digitalen Wirtschaft nicht abgehängt zu werden. Um eine entsprechende Versorgung zu gewährleisten, plädieren die Unternehmen für einen glasfaserbasierten Breitbandausbau in Gewerbegebieten. Weiterhin zählt der Fachkräftemangel zu den dringlichsten Problemen der Unternehmer. Bereits jetzt könnten dadurch Aufträge nicht mehr angenommen oder müssten Öffnungszeiten gekürzt werden. Die Betriebe schlagen deshalb vor, die Vernetzung zwischen Schule, Politik und Wirtschaft, zum Beispiel durch Bildungspartnerschaften, zu verbessern.sigr

Um daran etwas ändern zu können, braucht es mehr Personal, zum Beispiel bei den Busfahrern. Doch auch dort hakt es, wie zwei Busunternehmer im Regionalausschuss berichten. Herbert Larcher bemängelt, dass die Prüfung am Ende der Busfahrerausbildung ausschließlich auf Deutsch abgehalten wird, obwohl sie schon lange keine deutschen Fahrer mehr bekämen. Das kritisiert ebenfalls Josef Ettenhuber, der aber auch den Inhalt der Prüfung in Frage stellt: "Das Niveau ist viel zu hoch. Die Azubis leiten kein Unternehmen, sie wollen Busfahren."

Zudem sei die Ausbildung aufgebläht und teuer. Beide Unternehmer haben schon Deutschlehrer eingestellt, um ihre Azubis besser auf die Prüfung vorbereiten zu können. Doch die Vorstellung die Prüfung in anderen Sprachen zu stellen, sieht Gößl kritisch und gibt zu Bedenken, dass auch Busfahrer in der Lage sein sollten mit ihren Fahrgästen zu kommunizieren, abgesehen von den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die ein Ausscheren einzelner Berufsgruppen bei der Ausbildung nicht vorsehen. Beide Seiten können sich jedoch darauf einigen, dass alle Fragen, die in der Prüfung abgefragt werden können, veröffentlicht werden wie beim privaten Führerschein, sodass sich die Azubis besser vorbereiten könnten.

Außerdem hätten Azubis und Mitarbeiter aus dem Ausland häufig das Problem, eine bezahlbare Unterkunft zu finden, bemängelt die Vorsitzende des Regionalausschusses, Sonja Ziegltrum-Teubner. Grund dafür sei auch, dass die strikte Bauordnung es Unternehmern erschwere erschwinglichem Wohnraum für Mitarbeiter zu schaffen. Viele Unternehmen hätten zwar die Kapazitäten, um einfache Mitarbeiterwohnungen zu errichten, allerdings sei der Wohnungsbau in Gewerbegebieten strikt untersagt. Dabei gebe es immer mehr ausländische Mitarbeiter, die vorerst eine günstige Unterkunft in der Nähe des Betriebs suchten. Ziegltrum-Teubner schlägt vor, bei Mitarbeiterwohnungen andere Maßstäbe anzulegen als bei üblichen Wohnungen, auch was den Lärmschutz anbelangt. Ettenhuber pflichtet der Vorsitzenden bei und fordert insgesamt eine Entschlackung der Bauordnung.

"Wenn die zweite Stammstrecke kommt, brauchen wir 300 neue Lokführer"

Gößl kennt die Grundproblematik und verweist darauf, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Baunormen enorm gestiegen sei: "Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen bei immer längeren Prüfverfahren ist kaum möglich." Er sieht hier die Politik am Zug. Landrat Niedergesäß bekräftigt, sich für eine Vereinfachung der Bauordnung auf höherer Ebene einzusetzen, betont aber auch, dass die selbst auferlegte Prüfungshöchstdauer bereits stark gesenkt worden sei und mittlerweile bei 40 Tagen liege.

Dabei verzögere sich die Bearbeitung oft durch unvollständige Bauanträge. Auch deshalb arbeite die Verwaltung an der Digitalisierung der Genehmigungsverfahren, die zu einer Beschleunigung führen soll. Nicht zuletzt verweist Niedergesäß auf die Ende 2016 gegründete Kommunale Wohnbaugesellschaft, die in den kommenden Jahren den Bestand der Sozialwohnungen erweitern soll.

Wie eng die Problemfelder des Infrastruktur-, Fachkräfte- und Wohnungsmangels miteinander zusammenhängen, verdeutlicht der Landrat gegen Ende der Sitzung: "Wenn die zweite Stammstrecke kommt, brauchen wir 300 neue Lokführer - und die müssen auch irgendwo wohnen."

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SZ vom 14.10.2019/koei
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