Wohnen:"Obdachlosigkeit wird nicht mehr nur Randgruppen betreffen"

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Noch trifft man im Landkreis Ebersberg eher selten auf obdachlose Menschen. Bilder, wie dieses aus der Stadt Grafing, könnte es künftig aber häufiger geben. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch im vermeintlichen Wohlfühllandkreis Ebersberg sind immer mehr Menschen von Wohnungslosigkeit bedroht. Grund dafür sind nicht zuletzt die steigenden Mietpreise, die sich inzwischen auch Normalverdiener nicht mehr leisten können.

Von Andreas Junkmann, Ebersberg

Der Landkreis Ebersberg mit seiner guten Infrastruktur und den zahlreichen Naherholungsgebieten rangiert bei Rankings zur Lebensqualität stets auf den vorderen Plätzen. Die Qualität in der Region bekommt allerdings nur derjenige zu spüren, der sich das Leben dort auch leisten kann - und das sind immer weniger Menschen. Manche von ihnen fallen sogar komplett durchs Raster und landen schließlich ohne Dach über dem Kopf auf der Straße. "Wohnungslosigkeit ist ein immer drängenderes und wichtigeres Problem in allen Gemeinden", sagt deshalb Susanne Podchul, Geschäftsleitung der Diakonie Rosenheim. Sie ist mit ihrem Team dafür zuständig, Menschen im Landkreis Ebersberg vor der Obdachlosigkeit zu bewahren. Das gelingt jedoch nicht immer.

Ist das Zuhause aber erstmal weg, ist die Rückkehr dorthin oftmals kompliziert, wie Podchul nun im Sozialausschuss des Kreistags warnte. "Ist man erstmal wohnungslos, ist es schwer, wieder herauszukommen", so die Rosenheimer Diakonie-Chefin. Ihr Team versuche deshalb viel Präventionsarbeit zu leisten, um eine mögliche Obdachlosigkeit zu verhindern. Diese kann viele Gründe haben, häufig sind es Podchul zufolge aber die hohen Mietpreise in der Metropolregion München, die für manche Menschen schlichtweg nicht mehr zu bezahlen sind.

203 Fälle von drohender Wohnungslosigkeit hat die Diakonie 2021 begleitet

Das trifft auch immer mehr auf den Landkreis Ebersberg zu. Im Jahr 2021 hat die Diakonie 203 Fälle begleitet, bei denen der Verlust des eigenen Zuhauses drohte. 28 Familien, 23 Alleinerziehende und 23 Paare waren darunter, die restlichen 129 waren Einzelpersonen. Wie viele Fälle von drohender oder tatsächlicher Obdachlosigkeit es im Landkreis gebe, lasse sich Podchul zufolge nicht seriös sagen. Denn die Diakonie ist darauf angewiesen, dass die Menschen selbst aktiv werden - und das am besten so schnell wie möglich. "Je früher sich jemand bei uns meldet, umso besser können wir helfen", so Podchul.

Dabei hat sich der Diakonieleiterin zufolge das Klientel in den vergangenen Jahren stark verändert. "Es ist nicht mehr nur der langjährige Alkoholiker, sondern inzwischen auch die Bäckerei-Fachverkäuferin, die sich die Miete nicht mehr leisten kann." Im Landkreis Rosenheim sei dieser Trend schon deutlich zu erkennen, weshalb Susanne Podchul damit rechnet, dass die Zahlen heuer auch im Raum Ebersberg merklich ansteigen werden. "Obdachlosigkeit wird in den nächsten Jahren noch heftiger werden und nicht mehr nur Randgruppen betreffen", ist sich die Diakonie-Chefin sicher.

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Das Problem betrifft vor allem die großen Gemeinden im Landkreis

Derzeit tritt Wohnungslosigkeit vor allem in den größeren Gemeinden des Landkreises auf. Podchul nennt etwa Vaterstetten, Poing, Kirchseeon und die Stadt Ebersberg als Beispiele. Kleinere Kommunen wie Bruck oder Moosach dagegen würden in der Statistik keine große Rolle spielen. Dort, so die Diakonie-Chefin, seien die familiären Strukturen oft noch stärker. Wenn also jemand seine Wohnung verliere, könne er häufig bei Verwandten unterkommen. In größeren Gemeinden ist das seltener möglich, dort droht dann unter Umständen die vorübergehende Unterbringung in einer Herberge.

Die Obdachlosenunterkunft in der Ebersberger Eberhardstraße ist inzwischen wieder geschlossen. (Foto: Christian Endt)

Eine solche gab es etwa in der Ebersberger Eberhardstraße. Das von der Europäischen Union mitfinanzierte Projekt war jedoch zeitlich befristet. Zuletzt habe es laut Podchul Unstimmigkeiten mit dem Vermieter gegeben, weshalb die Diakonie inzwischen Abstand von dem Objekt genommen habe. Die Alternativen in der Ebersberger Region sind allerdings rar - und eine landkreisweite Lösung nur schwer umzusetzen. Das liege vor allem daran, dass viele kleine Kommune kein Problem mit dem Thema Obdachlosigkeit hätten und deshalb auch nicht bei einer gemeinsamen Finanzierung von Unterkünften mitmachen wollen. Andere Gemeinden - etwa jüngst die Stadt Grafing - würden bereits selbst entsprechende Immobilien bereitstellen, wie Landrat Robert Niedergesäß (CSU) ergänzte, "die werden sich an einem Landkreis-Projekt auch nicht beteiligen".

Die Diakonie-Chefin mahnt : "Kümmert euch um eure Obdachlosen!"

Letztendlich bleibt es also den einzelnen Rathäusern überlassen, sich zusammen mit Partnern wie der Diakonie um die von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen zu kümmern. "Wir können den Gemeinden anbieten, dass wir das koordinieren. Die Kosten müssen sie aber letztendlich selbst tragen", so Niedergesäß. Als Unterstützung legte Susanne Podchul den Kreisräten ein Förderprogramm des Freistaats ans Herz, wodurch man zumindest in den vorhandenen Unterkünften eine dauerhafte Betreuung einrichten könne.

Das sei auch dringend notwendig, denn die Menschen dort seien oft sehr allein und hätten entsprechend häufig mit psychischen Problemen zu kämpfen - auch, weil sich die Zeitspanne bis zur Rückkehr in eine eigene Wohnung immer weiter verlängere. "Wohnungslosigkeit ist meist langfristig", sagte Susanne Podchul, die den Kreisräten noch eine eindringliche Mahnung mit auf den Weg gab: "Kümmert euch um eure Obdachlosen!"

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