bedeckt München 26°

Ebersberg: "Wir heben die Relevanz unseres Berufs hervor wie noch nie"

Die 27-jährige Julia Rettenberger hat in Ebersberg beinahe täglich mit Covid-Fällen zu tun. Wie sie und andere Pfleger in der Krise das System retten.

Von Johanna Feckl und Peter Hinz-Rosin (Fotos)

Julia Rettenberger bezeichnet es als Crux: Auf der Intensivstation sollen möglichst viele Betten für Covid-Patientinnen und -Patienten sowie Verdachtsfälle freigehalten werden. Das ist wichtig, und der Grund dafür allen bewusst: Die Fallzahlen steigen, die Kapazitäten können aber nur bis zu einem gewissen Grad mithalten. Also muss jede Anstrengung unternommen werden, um diese Grenze in möglichst weiter Ferne zu wissen.

Deshalb wurden beispielsweise alle nicht lebensnotwendigen und planbaren Operationen vorerst ausgesetzt. "Aber diejenigen, die jetzt abgesehen von Corona noch zu uns kommen, das sind ja nicht die, die um 3 Uhr nachts leichte Atemprobleme haben", so Rettenberger. Es seien die Herzinfarkte, schweren Lungenkrankheiten oder akuten Blutungen - "die brauchen dann einfach wirklich ein Bett auf der Intensivstation."

Die 27-Jährige aus dem Landkreis Mühldorf arbeitet seit zehn Jahren an der Ebersberger Kreisklinik. Nach der Mittleren Reife hat sie dort im Jahr 2010 ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin begonnen und drei Jahre später abgeschlossen. Seitdem arbeitet sie auf der Intensivstation, 2019 beendete sie erfolgreich ihre Weiterbildung im Bereich Intensiv- und Anästhesiepflege, die sie zwei Jahre berufsbegleitend durchlaufen hatte.

Seit dem Frühjahr 2020 hat sie beinahe täglich mit positiv auf das Sars-CoV-2-Virus getesteten Patientinnen und Patienten oder Verdachtsfällen zu tun. Jetzt sitzt sie an ihrem ersten freien Tag seit über einer Woche vor dem Computerbildschirm in ihrer Wohnung - ein Skype-Gespräch - und sagt: "Das Arbeitsaufkommen ist massiv gestiegen, eine gewisse Erschöpfung ist bei mir schon zu verspüren." Aber auch: "Es ist unglaublich motivierend für mich, durch meine Arbeit ein Teil der Lösung oder zumindest der Behandlung der Pandemie zu sein."

Die Crux, von der sie erzählt, geht noch weiter. Zwar habe sich die pflegerische Versorgung im eigentlichen Sinne nicht groß verändert. Aber die Organisation, um diese eigentliche Arbeit überhaupt verrichten zu können, sei deutlich komplexer und damit zeitaufwendiger geworden. Alles steht unter dem Deckmantel der Rücksichtnahme, wie Rettenberger erklärt. Im Kollegium gebe es einige, die noch keine mehrjährige Berufserfahrung und die damit einhergehende Routine und Sicherheit haben. "So jemandem kann man nicht drei Beatmungspatienten auferlegen."

Andere hingegen gehörten entweder selbst zu einer Risikogruppe, die einen schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung wahrscheinlich macht, oder hätten einen Angehörigen, bei dem das der Fall ist. Hier werde auch versucht, die Betroffenen so einzusetzen, dass sie einem möglichst geringen Risiko für eine Infektion ausgesetzt sind - das alles immer, so gut es eben geht, wie Rettenberger sagt.

Wie aber nun dafür sorgen, dass möglichst viele Betten für Corona-Erkrankte frei sind? "Es ist eine Entscheidung von Schicht zu Schicht", sagt die Intensivfachpflegerin. "Wir müssen ständig abwägen." In jeder Schicht bespreche sich das Team: Wie viele Betten sind vorhanden? Wie viele davon sind belegt? Wie viele mit Verdachtsfällen, wie viele mit Positiv-Getesteten? Wer ist der stabilste Patient, der eventuell auf die Normalstation oder in ein anderes Krankenhaus verlegt werden könnte? Dieses ständige Planen der Situation beziehungsweise das Anpassen an Veränderungen, das sei es vor allem, was das Arbeitspensum in diesen Zeiten in die Höhe schnellen lasse.

Konkret sieht das dann so aus: In der Ebersberger Kreisklinik gibt es zum Zeitpunkt des Gesprächs 20 Betten auf der Intensivstation. Davon sind zwei sogenannte Isolationskabinen, in denen jeweils ein Bett vorhanden ist. Der Rest besteht aus Zweibettzimmern. Die Isolationskabinen sind in der Regel Verdachtsfällen vorbehalten. Sollten dafür die zwei Kabinen nicht ausreichen, kommen sie in ein Zweibettzimmer - das jeweils zweite Bett ist dann gesperrt und kann solange nicht belegt werden, bis das Testergebnis des Betroffenen vorliegt.

Das dauert etwa ein bis eineinhalb Tage, an Wochenenden können es auch einmal zwei Tage sein. Sobald ein positives Ergebnis vorliegt, wird die bis dahin als Verdachtsfall eingestufte Person in ein Zimmer mit einem zweiten Infizierten gelegt. Rettenberg erzählt von Spitzenzeiten, in denen es in der Klinik bis zu acht Isolationen gleichzeitig gegeben hat. Im Sommer seien es mal ein oder zwei Fälle gewesen. "Das Warten auf die Abstriche, wer darf wo zusammenliegen und wer nicht, und wie viele freie Betten macht das am Ende, das bildet einen sehr scharfen Punkt in unserer Arbeit", so die 27-Jährige weiter. Scharf deshalb, weil eine Pflegefachkraft pro Schicht im Moment bis zu vier Patienten versorgen muss, sonst seien es zwei bis drei.

"Diese jungen Menschen reißt die Krankheit massiv aus ihrem Leben"

Daneben gibt es noch etwas anderes, das Rettenberger umtreibt. Es sind die Menschen, die auf ihrer Station behandelt werden. Wie etwa ein Mann, zwischen 40 und 50 Jahre alt, keine relevanten Vorerkrankung - ein Covid-Patient. Nachdem sich sein Zustand auf der Normalstation verschlechterte und er nicht mehr ausreichend atmen konnte, kam er auf die Intensivstation. Dort wurde er invasiv beatmet, dabei wird eine Maske fest über Mund und Nase gezurrt und dem Patienten darüber ein hoher Sauerstoffgehalt zugeführt, wie Rettenberger erklärt. Die erhoffte Verbesserung des Zustands blieb aus, der Mann musste intubiert werden.

Er wurde auf den Bauch gelegt, da diese Lage den Gasaustausch in der Lunge verbessern soll. 16 Stunden Bauchlage, acht Stunden Rückenlage über mehrere Tage hinweg - kein Erfolg. Schließlich wurde der Patient in eine andere Klinik verlegt, wo es die Möglichkeit einer speziellen Beatmungsmethode gibt. Vor ein paar Tagen bekam Rettenberger die Info, dass diese Therapie angeschlagen hat. Der Patient ist mittlerweile sogar so stabil, dass er bald mit einer Reha beginnen kann.

Es sind Erlebnisse wie diese, die Rettenberger als Erfolge bezeichnet, die sie antreiben. Und gleichzeitig lassen sie ihr aber keine Ruhe, wie sie sagt. Denn: Fälle, in denen gesunde und fitte Männer mittleren Alters äußerst schwere Verläufe einer Corona-Erkrankung durchleben, genau so wie der Patient, der kurz vor seiner Reha steht, sehe sie immer häufiger. "Diese eigentlich noch jungen Menschen reißt die Krankheit massiv aus ihrem Leben", so die 27-Jährige. Im Frühjahr habe sie solche Verläufe fast ausschließlich bei hochaltrigen oder vorerkrankten Personen erlebt.

Für Rettenberger kommt es einem Rätsel gleich: "Wie haben Pflegekräfte in eine so schlechte Position geraten können?" Über viele Jahre hinweg sei der Pflegenotstand toleriert worden, Corona mache ihn nun auf eine sehr harte Weise sichtbar. Sie spricht davon, dass es für jeden Menschen möglich ist, sich von seiner Geburt an bis zum Tode medizinisch und pflegerisch versorgen zu lassen - und dass eine solche Versorgung auch von allen in Anspruch genommen wird.

"Das muss sich jeder bewusst machen", betont sie. Denn erst dann werde klar, dass Pflege nicht nur existent, sondern wichtig ist. "Wir heben die Relevanz unseres Berufs und unser Können im Moment hervor wie noch nie", so die 27-Jährige. "Vielleicht sehen die Menschen jetzt, dass wir nur zusammen unsere Arbeitsbedingungen verbessern können." Rettenberger hofft, dass die Pandemie wenigstens diese eine gute Folge hat.

© SZ vom 19.12.2020/koei
Zur SZ-Startseite

Steuerkraft im Kreis Ebersberg
:Entschädigungen wegen Corona: Wer kriegt was?

Städte und Gemeinden sollen für Steuerausfälle wegen der Pandemie Geld erhalten. Für einige Kommunen im Landkreis Ebersberg könnte sich das mehr lohnen als für andere.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB