Rot-weiße Absperrungen waren quer über den Weg gebaut, im Hintergrund wüteten Motorsägen, krachend stürzten mächtige Baumstämme zu Boden – man kann sich gut vorstellen, dass Spaziergänger, die in jenen Februartagen 2018 hier ihre übliche Runde drehen wollten, von Entsetzen gepackt wurden. Es sah nach Kahlschlag aus, nach willkürlicher Waldvernichtung. Heute ist davon am nördlichen Ufer des Langweihers bei Ebersberg nichts mehr zu spüren – zumindest nicht, wenn man nicht genau hinsieht. Versteckt unter dichtem Grün lassen sich noch Reste der etwa 250 Eschenstämme entdecken, die damals abgesägt werden mussten.
Längst bilden die stehengelassenen Stümpfe inzwischen Habitate für Fauna und Flora, erfüllen also nach wie vor eine wichtige Funktion im Ökosystem. Doch den Waldumbau, den der Eigentümer der Fläche, Martin Otter, auch in seinen anderen Waldstücken betreibt, wie er erzählt, den hatte er sich doch ganz anders vorgestellt, nicht ganz so radikal.
Otter hat jetzt, gut sechs Jahre danach, zum Ortstermin geladen, an den Fuß der Waldfläche, die sich etwa 200 Meter in Richtung Süden und den ganzen Hang hinauf erstreckt, circa 2500 Quadratmeter ist sie groß. Sie war bis 2018 völlig von Eschen verschiedener Größe bedeckt und das hätte auch so bleiben sollen, bis die Bäume erste Krankheitssymptome entwickelten, die Untere Naturschutzbehörde und das zuständige Ebersberger Forstamt aktiv wurden.
Fachleute der Waldbesitzervereinigung, wie Franz Maierhofer, wurden zur Baumpflege herbeigerufen, entfernten kaputte Äste. „Als Eigentümer haben wir eine Verkehrssicherungspflicht, das ist ein öffentlich gewidmeter Weg, da darf nichts passieren“, sagt Otter. Doch alles vergeblich. Die erste Esche stürzte ganz oben am Hang, riss eine andere mit sich. „Da war klar, das Wurzelwerk ist geschädigt“, sagt Revierförsterin Astrid Fischer.

2008 war das Eschentriebsterben erstmals in Bayern nachgewiesen worden. Fischer erinnert sich: „Das war ein Schock für uns, schon wieder eine neue Krankheit.“ Ein Pilz, das Falsche Weiße Stengelbecherchen, eingeschleppt aus dem asiatischen Raum, ist verantwortlich für das Sterben der Bäume, die bis zu 40 Meter hoch werden können. Er verstopfe die Leitungsbahnen im Baum, erklärt Fischer. Doch erst der Befall der geschädigten Wurzeln durch einen weiteren Pilz, den Hallimasch – „eigentlich eine natürliche Müllabfuhr im Wald“ – setzte der Standfestigkeit der Bäume damals so zu, dass sie zur Gefahr wurden.

Doch was tun? Hätte man den Hang sich selbst überlassen, wären wohl erneut Eschen gewachsen, erläutert die Försterin. „Wir hätten natürlich alles rausholen können, aber dann hätten wir einen ökologischen Kahlschlag.“ Noch dazu wäre dem nach Süden ausgerichteten, steilen Hang dann alle Feuchtigkeit und jeder Halt verloren gegangen. Gemeinsam mit Eigentümer Otter fand man eine Lösung: Eine Mischung aus heimischen Gehölzen, die sich selbst ansiedeln, der Klimaerwärmung zumindest bisher trotzen, aber im Gegensatz zur Esche nicht von flächendeckenden Krankheiten bedroht sind – und die Elsbeere. „Aus ihren Beeren kann man einen guten Schnaps machen“, sagt Baumpfleger Maierhofer, der ebenfalls zum Ortstermin geladen ist.

Er ist der Praktiker, gewissermaßen der Vater der Elsbeere und auch der anderen jungen Exemplare vier verschiedener Baumarten, die jetzt im kuratierten Dickicht oberhalb des Langweihers wachsen und die Fläche zukunftssicher machen sollen. Außer der Elsbeere hat Maierhofer Speierling, Wildbirne und Wildapfel in den Steilhang gepflanzt, sorgfältig aufgereiht und mit Pflöcken versehen, damit die Jungpflanzen sichtbar bleiben. Sie dürften nicht zu wenig Licht bekommen, aber auch nicht zu viel, erläutert der Waldexperte, damit sie gezwungen seien, in die Höhe zu wachsen und nicht in die Breite.
Alle vier Baumarten vertragen wärmeres Klima ebenso wie Trockenheit und sind bisher in Oberbayern nicht sehr verbreitet. Hier greife man auf genetische Untersuchungen zurück, erklärt Försterin Fischer. Wenn ein Baum seit der Eiszeit hier heimisch sei, aber jetzt zum Beispiel gut auf dem Balkan gedeihe, dann könne man darüber nachdenken, ihn hier neu anzusiedeln. Die Elsbeere etwa gebe es vor allem im fränkischen Raum, sie liebe also jenes wärmere Klima, das künftig wohl auch im Voralpenraum herrschen wird. Elsbeere ebenso wie Speierling, Wildbirne und Wildapfel brächten ökologisch wertvolle Eigenschaften mit, dienten der Artenvielfalt, weil ihre Blüten von Insekten wie Bienen, Hummeln oder auch Vögeln besucht werden.

Als Tiefwurzler zeichneten sie sich durch eine hohe Standfestigkeit aus – was für den Standort am Hang ebenso wichtig sei, wie für den Hang selbst. Und mit Blick auf das von ersten Algen bereits leicht grünlich schimmernde Seeufer wirft Baumpfleger Maierhofer ein: „Sie werden nicht ganz so groß und produzieren weniger Laub, das ist besser fürs Wasser.“ Dass die Früchte der Elsbeere auch noch als Grundstoff für Hochprozentiges dienen könnten, ist natürlich nur ein Nebenaspekt.
Etwa 1000 Jungpflanzen hat Martin Otter für seinen Hang gekauft, die Elsbeeren, wie er erzählt, 2019 für 5,54 Euro pro Stück. „Da ist aber noch nichts gepflanzt“, erklärt er. Schwere Maschinen sind in so steilem Gelände nicht einsetzbar, Handarbeit sei also nötig gewesen. „An diesem Hang ist alles teuer“, seufzt er. Und auch wenn die gepflanzten Bäume langfristig ein gutes Holz aufweisen, stehe hier die Erhaltung des Lebensraums, die Erholungsfunktion und die Sicherung der Trasse im Vordergrund, betont Fischer. „Allzu oft werden Waldbesitzer von der Öffentlichkeit so wahrgenommen, dass sie sich nur eine goldene Nase verdienen wollen.“ Doch das, was hier geschehe, sei Generationenvorsorge.

„Wir pflanzen ja für die nächsten 100, 200 Jahre und tun das aus einer Mischung aus Wissen und Gefühl heraus“, sagt Otter. Natürlich könne man nicht genau vorhersehen, wie sehr sich das Klima verändern wird, so habe man im Wald das stehen lassen, was möglich war. Pflanzen wie Hainbuche, Ahorn, Roteiche und Weißdorn, die unter den jetzigen Bedingungen noch gut gedeihen. Zumal an jedem bestehenden Baum auch zahlreiche ökologische Gesellschaften hingen, da könne eine neue Baumart oft erst einmal nicht mithalten. „Da sitzen die Vögel halt mal drauf, mehr nicht.“ Aber weiter nichts zu tun und nicht über Veränderungen nachzudenken, hätte bedeutet, „die Chance auf einen Fortschritt zu verpassen“.

