Ebersberg Tor in eine andere Welt

Wenn aus Schach Liebe wird: Der Wiener Opernsänger Peter Mitschitczek präsentiert am Samstag im Alten Speicher sein Schachmärchen "Die weiße Bäuerin".

(Foto: privat)

Anlässlich des Festabends zum 50jährigen Bestehen der Schachunion Ebersberg-Grafing zeigt der Wiener Opernsänger Peter Mitschitczek sein neues Schachmärchen "Die weiße Bäuerin"

Von Rita Baedeker, Ebersberg

Es gab einmal eine Zeit, da war der weiße König kein König, sondern ein Prinz. Mit ihm auf dem Schachbrett lebten acht weiße Bauern und eine weiße Bäuerin. Als sich der Prinz ganz unstandesgemäß in die Bäuerin verliebt, schäumt die schwarze Königin vor Wut. Schließlich ist sie die Herrscherin über den Bauernstaat auf dem Schachbrett. Nur durch das kluge Zusammenwirken aller weißen Figuren, die von dem unsichtbaren "Schachgeist" Tschaturanga geführt werden, gelingt es der Bäuerin, Zug um Zug die andere Seite des Bretts und den Herzallerliebsten zu erreichen. Am Ende besiegt das Paar Hass und Eifersucht. Und aus der Bäuerin wird eine wunderschöne Königin.

"Die weiße Bäuerin" lautet der Titel dieses im Dezember vergangenen Jahres uraufgeführten, an Aschenputtel erinnernden Märchens über Liebe, Mut und Treue. Kriegerische Schachausdrücke kommen dagegen in diesem Singspiel des Wiener Komponisten, Textdichters und Sängers Peter Mitschitczek nicht vor. Niemand wird "schachmatt" gesetzt, kein Bauer "geopfert". Am Samstag wird das Stück anlässlich der Feier zum 50jährigen Bestehen der Schachunion Ebersberg-Grafing im Alten Speicher in Ebersberg aufgeführt. Der Wiener spielt mit Stabpuppen von Santina Mastrosimone aus Sizilien. Am Klavier wird er begleitet von dem jungen Pianisten Dimitar Kosev. Die Gesangspartien übernimmt der Bariton Mitschitczek selbst.

Nach seiner Schauspielausbildung studiert der Wiener Solo- und Operngesang und absolviert Meisterkurse. Er gründet an zwei Orten eine "Sommeroper", entwickelt klassische Singspiele für Kinder und tritt mit einer eigenen Kasperlbühne auf. Er hat ein Schachbuch für Kinder verfasst und gleich dazu die Schachoper "Fang den König" komponiert.

Peter Mitschitczek ist selbst leidenschaftlicher Schachspieler, ohne, wie er sagt, "unbedingt gewinnen zu wollen." Überhaupt sei ihm alles Militärische, das mit diesem Spiel in Verbindung gebracht werde, fremd. "Ich habe Schach von meinem Vater gelernt, für mich bedeutet Schach Entspannung, Meditation, Genuss." Als klassisch ausgebildeter Sänger wolle er auch Kindern die Freude am Schach und an der Oper vermitteln. "Aus diesem Grund habe ich klassische Singspiele entwickelt und selbst Geschichten erfunden. Die ich ganz einfach mit meiner Opernstimme erzähle", sagt der Sänger mit dem weichen Wiener Timbre, der als Solist dem Wiener "Beschwerdechor" angehört, einem Chor, der keine gewöhnlichen Konzerte gibt, sondern sich als Sprachrohr der Stadtbevölkerung, als Ventil von Unzufriedenheit versteht.

Mitschitczek erstes Stück heißt "Papagenos Traum", das zweite handelt "vom Böckchen, das nicht schlafen will!". Und auch seine Bearbeitung der Zauberflöte mit dem Titel "Zauberglöckchen oder die Abenteuer des Monsieur Papageno!" soll Kindern den Pfad in die Opernwelt ebnen. Als Mitschitczek die Verlegerin Ulla Harms kennenlernt, die in Wien ihr "Buchkontor" eröffnet hat - "notabene das schönste Buchgeschäft Wiens", sagt er - entwickelt er eigens für sie Stücke, die dort uraufgeführt werden. Von Harms bekommt er auch die Chance, für ihren Verlag ein Schachbuch für Kinder zu schreiben. 2013 präsentiert er Buch und Uraufführung der Schachoper "Fang den König" im Wien Museum. "Schach hat viele positive Effekte. Man lernt verlieren - auch ich habe das lernen müssen! - und lernt immer ein paar Schritte voraus zu denken."

Für Peter Mitschitczek ist Schach der Stoff, aus dem er poetische Geschichten ersinnt. Den Charakter der Figuren interpretiert er gemäß der jeweiligen Bewegungsmuster. Der Springer, der um die Ecke hüpft, ist für ihn ein Freigeist, der sich mehr erlauben kann als die anderen. Der Läufer ist ein schräger Typ, ein wenig verrückt. Der Turm, "der ist aufrecht, irgendwie militant", sagt Mitschitczek. Im Märchen von der weißen Bäuerin wird aus diesen Typen ein Team, aus Gegnerschaft erwächst Kooperation. Ursprünglich, so Mitschitczek, habe er die "weiße Bäuerin" "Figurella" nennen wollen, "aber so hieß schon ein Diätjoghurt. Leider."

Das einstündige Stück beginnt damit, dass er die Bühne betritt und ein Schachbrett in der Hand hält. "Es ist das Tor in eine andere Welt", wie Mitschitczek sagt. Ein solches Tor ist in seinen Augen auch das Kasperlespiel. Von seinen beiden Kindern habe er viel darüber gelernt und nun auch ein Buch darüber geschrieben. Im September kommt es auf den Markt. "Ich lege auch immer viel Wert auf eine schöne Sprache", erklärt der Künstler. Eine Sprache, die sich dem Jargon von Kindern und Jugendlichen verweigert. "Ich drücke mich gern auch mal altertümlich aus." Gutes Kindertheater sei immer Theater für Jung und Alt, sagt Mitschitczek. "Das gilt auch für die weiße Bäuerin."

Der Festabend der Schachunion Ebersberg-Grafing beginnt am Samstag, 13. Juni, um 19.30 Uhr im Alten Speicher. Von 20.15 bis 21.15 Uhr wird "Die weiße Bäuerin" aufgeführt. Anschließend ist der russische Stummfilm "Schachfieber" von 1925 zu sehen. Von 11 Uhr an findet dort die 1. Offene Bayerische Meisterschaft "Schach 960" statt.