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Ebersberger Reaktionen auf SPD-Doppelspitze:"Mein Dreamteam sind sie nicht"

Doris Rauscher 2018 bei einem SPD-Wahlkampfauftritt in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Das neu gewählte Duo an der SPD-Bundesspitze hatten viele führende Sozialdemokraten im Kreis Ebersberg nicht auf dem Schirm.

Die ganz große Euphorie bleibt aus im Landkreis. Während einige Sozialdemokraten ihre neue Doppelspitze eher skeptisch betrachten, können andere ganz gut mit Norbert Walter-Borjans und Saskia Eskens leben. Dabei waren die beiden selbst für langjährige SPD-Mitglieder wie den Chef der Kreistagsfraktion und Poinger Bürgermeister Albert Hingerl bisher eher unbeschriebene Blätter. "Ich habe sie erst bei ihrer Bewerbung richtig wahrgenommen", sagt Hingerl. Zu den beiden Neuen äußert er sich zurückhaltend: "Es ist noch zu früh, um ein stimmiges Urteil abzugeben", sagt er.

"Mein Dreamteam sind sie nicht", gesteht Landtagsabgeordnete Doris Rauscher, aber es gebe sicher "keinen Grund, von vornherein gegen sie zu schießen". Andere, wie etwa Julia-Vanessa Thalmeier, die Vorsitzende der Jusos im Landkreis, sind hingegen optimistisch, dass die SPD mit dem neuen Team auf dem richtigen Weg ist: Linksorientiert und Groko-kritisch - so etwas brauche man jetzt, sagt sie.

So ähnlich sieht das auch Bianka Poschenrieder, Zweite Bürgermeisterin in Zorneding und Kreisrätin. Der "Ruck nach links" sei durchaus in ihrem Sinne, sagt sie. Sie verbinde mit der neuen Doppelspitze die Hoffnung, dass es ihr gelingt, das "Päckchen", das die große Koalition zum Klimaschutz geschnürt habe, noch einmal aufzumachen und deutlich mehr wirksame Maßnahmen hineinzupacken. Sie habe durchaus das Gefühl, sagt Poschenrieder, dass die beiden Neuen das Thema Klimaschutz sehr ernst nähmen, "das habe ich bei Olaf Scholz vermisst".

Sie hoffe nun, dass Walter-Borjans und Eskens bei den angekündigten Verhandlungen mit der Union "diplomatisch handeln zum Wohle unseres Landes", sagt die Zornedingerin. Der schnelle Bruch der großen Koalition wäre nicht das, was sich Poschenrieder unbedingt wünscht. Bei Neuwahlen, das befürchtet sie jedenfalls, würden die Sozialdemokraten womöglich ein noch schlechteres Ergebnis einfahren als 2017.

SPD Kreisvorsitzende

Bettina Marquis.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Koalitionsvertrag einhalten? Doris Rauscher bezieht klar Stellung

Auch Doris Rauscher plädiert dafür, die große Koalition nicht vor dem Ende der Legislaturperiode zu beenden: "Wir sind einen Vertrag eingegangen und sollten ihn auch einhalten", sagt sie. Noch deutlicher als in der Vergangenheit müsse die SPD aber zeigen, wofür sie stehe und was sie von der Union unterscheide. Dies sei jetzt auch eine der Aufgaben der beiden neuen Vorsitzenden, denen Rauscher trotz ihrer gewissen Skepsis ein "glückliches Händchen" wünscht - bei innerparteilichen Prozessen ebenso wie bei politischen Entscheidungen.

"Ich würde nichts davon halten, Knall auf Fall rauszugehen", sagt auch Elisabeth Platzer über die große Koalition. Die Ebersberger Stadträtin und stellvertretende Landrätin blickt nicht unbedingt zufrieden zurück auf die vergangenen Wochen und Monate. Den Auswahlprozess bei der Suche nach den neuen Vorsitzenden habe sie "unglücklich" gefunden, er habe viel zu lange gedauert.

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Auch die beiden Kandidaten waren nicht die Favoriten der Ebersbergerin, "ich habe jemand anderen gewählt", sagt sie. Man müsse nun eben sehen, wie sich das neue Spitzenteam bewähre. Dass sich bisher weitgehend Unbekannte durchgesetzt haben, muss nach Einschätzung Platzers nicht unbedingt ein Nachteil sein: "Sie sind vielleicht nicht so vernetzt, sie sind aber auch nicht so gebunden." Was die große Koalition betreffe, sei diese zwar ungeliebt, dennoch hätten die Sozialdemokraten in dieser Konstellation einige wichtige Ziele durchsetzen können. Dies dürfe man auch bei den anstehenden Gesprächen nicht vergessen.

So sieht das auch Albert Hingerl, der aber auch ein bisschen frustriert klingt: Kaum etwas von dem, was die SPD in den vergangenen Jahren erreicht habe, werde honoriert. Inzwischen, sagt Hingerl, sei ihm manchmal ein "Rätsel", was der Wähler überhaupt wolle. In der großen Koalition seien seiner Überzeugung nach die Sozialdemokraten der bessere, aktivere Partner gewesen. Als Realpolitiker habe er die große Koalition immer befürwortet: "Denn in der Opposition kann man viel fordern, aber wenig bewirken."

Anders als viele andere Mitglieder der Jungsozialisten will auch Julia-Vanessa Thalmeier nicht unbedingt auf Biegen und Brechen die Koalition verlassen: "Man sollte hier nichts überstürzen", sagt sie. Außer einer stärkeren Ausrichtung der Partei nach links erhofft sie sich von den neuen Vorsitzenden auch, dass es diesen gelingt, statt innerparteilicher Debatten wieder mehr die für die Menschen wichtigen Themen in den Mittelpunkt zu stellen und Sachfragen zu diskutieren.

SPD-Kreisvorsitzende Bettina Marquis freut sich vor allem darüber, dass es endlich bei der SPD eine Doppelspitze gibt - dies sei schon lange eine Forderung der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen gewesen, sagt sie. Was die Personalien betrifft, so seien die beiden Bewerber zunächst nicht ihre Favoriten gewesen, sie hätte gern Nina Scheer, die sie wegen ihrer Energiepolitik sehr schätze, als eine der Vorsitzenden gesehen, sagt Marquis.

Doch das neue Duo habe sich sehr gut präsentiert und thematisch wichtige Strömungen aufgegriffen. Viele Sozialdemokraten hätten sich eine Abkehr vom "Regierungs-Einerlei" gewünscht und auch, dass deutlich Flagge gezeigt werde. Die Wahl könne nun durchaus für einen Aufbruch stehen, so Marquis. Bei der großen Koalition ist in ihren Augen die Luft weitgehend raus, "ich sehe es so, dass die Groko zum Ende kommt und finde es auch ganz gut".

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