Süddeutsche Zeitung

Immobilienmarkt im Landkreis:Wohnung, leer stehend, sucht

Lesezeit: 3 min

Sie besitzen zwei Immobilien im Wert von 1,2 Millionen, sind aber womöglich bald obdachlos: Das Ehepaar S. hat sich verschuldet, weil derzeit kaum jemand eine Immobilie kaufen will - ein Problem, das im Landkreis immer mehr Menschen in eine Schuldenspirale treibt.

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Eigentlich sollte es eine sichere Sache sein: Erika S. und ihr Mann Peter, beide in Rente, wollten ihre alte Wohnung am Münchner Stadtrand verkaufen, und davon eine neue Wohnung im Landkreis Ebersberg finanzieren. Die alte Wohnung war bereits abbezahlt. Notwendig war der Umzug geworden, weil Erika S. schwer erkrankte; die neue Bleibe war im Parterre und mit Gartenanteil. "Die neue Umgebung hat mir tatsächlich sehr geholfen", erzählt sie. Mit der Zeit kommt sie wieder zu Kräften.

Weil die neue Wohnung etwas teurer ist als die alte, verschuldet sich das Ehepaar S. Sie nehmen einen neuen Kredit auf, die Bank ist nun bei beiden Immobilien im Grundbuch eingetragen. Das heißt, wenn das Ehepaar S. zahlungsunfähig werden sollte, werden die Wohnungen verpfändet. Kurz darauf beginnen die Probleme.

In der Corona-Zeit verdient Peter S. als selbständiger Fahrer kein Geld. Dann geht der Wagen kaputt und muss repariert werden; wenige Zeit später hat es wieder einen kompletten Motorschaden. Der Zähler in der alten Wohnung muss ausgetauscht, das Dach überraschend repariert werden, ebenso die Balkone - 45 000 Euro.

Auch die Makler sind anfangs optimistisch, was den Wohnungsverkauf angeht - zu Unrecht

Schließlich schreiben sie Anfang 2023 ihre alte Wohnung zum Verkauf aus. Die Makler machen ihnen große Hoffnungen: Die Immobilie ist in einer guten Lage am Münchner Stadtrand, vor wenigen Jahren aufwendig renoviert. Doch zur großen Bestürzung des Ehepaars S. will niemand die Immobilie kaufen. "Monat für Monat stand die Wohnung leer", erzählt Erika S. Hin und wieder kommen Interessenten vor bei, aber keiner entschließt sich zum Kauf. Von den ursprünglich 660 000 Euro gehen die Wohnungsbesitzer auf 519 000 Euro runter. Doch das ändert auch nichts daran: Niemand will die Wohnung kaufen. Die Zinsen sind zu hoch, die Preise der Immobilien, die noch vor wenigen Jahren immer weiter in schwindelerregende Höhen stiegen, fallen dramatisch.

Obwohl schließlich Mieter in die alte Wohnung ziehen, bekommen sie keinen neuen Kredit von der Bank. Die Schulden werden erdrückend. Erika S. fasst es so zusammen: "Wir haben zwei Immobilien im Wert von insgesamt 1,2 Millionen Euro, aber wo ist das Geld?" Die finanzielle Not stürzt ihren Mann in eine schwere Krankheit.

Bei der Schuldnerberatung der Diakonie bemerkt man einen unguten Trend

Nicht nur die hohen Zinsen, sondern eher die allgemeine wirtschaftliche Lage tragen dazu bei, dass sich derzeit immer mehr Menschen verschulden, sagt Günther Reiser. Der studierte Jurist ist seit 13 Jahren als Schuldner- und Insolvenzberater in Ebersberg für die Diakonie Rosenheim tätig. "Oft hat eine Verschuldung nicht nur eine, sondern mehrere Ursachen", erklärt er, "wie zum Beispiel eine Scheidung und Erwerbslosigkeit." Mitunter werde auch die Geburt eines Kindes zu einem wirtschaftlichen Problem, sowohl für Alleinerziehende als auch Familien mit zwei Elternteilen. "Letzteres", so Reiser, "ist für mich besonders bitter."

Günther Reiser rät, möglichst früh zur Schuldnerberatung zu gehen. "Wir können zwar nicht alles abfangen, aber wir können Tipps geben und Strategien suchen, wie man vielleicht finanziell mit einem blauen Auge davonkommen kann." Es gebe auch ein untrügliches Zeichen dafür, dass es Zeit für ein Beratungsgespräch ist: Wenn der Dispo ständig ausgeschöpft ist und das zu den normalen Lebenshaltungskosten schon mit einkalkuliert wird.

Der Besitz einer Immobilie wird für immer mehr Leute zum finanziellen Risiko

Auffällig sei derzeit, dass bei immer mehr Menschen, die sich verschuldeten, eine Immobilie eine Rolle spielt. Dabei gäbe es verschiedene Konstellationen: Mal habe man die Immobilie in wirtschaftlich guten Zeiten gekauft, als dies mit den niedrigen Zinsen noch zu finanzieren gewesen sei. Andere hätten ein Haus geerbt, das renoviert werden muss; dazu wurde Hypotheken aufgenommen, eine Krankheit sei dazugekommen, und das Darlehen konnte nicht mehr bedient werden. "Was aber allen Fällen gemein ist, die zu uns kommen: Es handelt sich um selbst genutzte Immobilien", so Reiser.

Mit dem Verkauf der Immobilie würde man also auch das eigene Dach über dem Kopf veräußern. "Aufgrund der hohen Mieten ist es oft nicht möglich, eine andere Bleibe zu finden", erklärt der Schuldnerberater.

Erika S. beschreibt ihre derzeitige Situation als "Spirale, die kein Ende hat". Auch sie plant nun, ihre neue Wohnung zu verkaufen, in der sie und ihr Mann derzeit leben. Wohin die beiden dann ziehen werden? "Unter die Brücke", sagt Erika S. und lacht nicht dabei. Bei allen Bekannten habe sie schon nachgefragt, doch niemand hat eine Unterkunft, die er zur Verfügung stellen könnte.

Wie es weitergehen soll? Erika S. weiß es nicht. Am Nachmittag, ein paar Stunden nach dem Gespräch mit der SZ Ebersberg, wollen Interessenten die neue Wohnung anschauen. Vielleicht, so hofft Erika S., findet sich doch noch ein Käufer für eine der beiden Immobilien.

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