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Porträt einer Institution:Er kam, sah und spielte

Rupert "Bert" Lindauer, Volksmusik Sprecher Wasserburg

Sprecher Bert Lindauer aus Griesstätt ist in der Volksmusikszene der Region eine Institution.

(Foto: Privat)

Rupert "Bert" Lindauer prägt die Volksmusik in der Region zwischen Ebersberg und dem Chiemsee seit Jahrzehnten, vor allem als Sprecher. Trotz der Corona-Pandemie und einem hohen Altersdurchschnitt bei Veranstaltungen blickt er optimistisch in die Zukunft

Von Ulrich Pfaffenberger

Die staade Zeit war für Bert Lindauer diesmal in einer ganz anderen Form "staad" als sonst. Sonst, da ist er im Advent mit Volksmusikanten unterwegs, um deren vorweihnachtlichen Konzerte mit seiner Stimme zu begleiten. Er gilt als einer, dem man gut zuhören kann, wenn er mit sonorer Stimme mundartliche Geschichten vorträgt. Alte Überlieferungen, Heiteres und Besinnliches aus dem bäuerlichen Leben im Voralpenland, Anekdoten aus dem echten und dem erträumten Leben. Doch dieses Jahr musste Lindauer stumm bleiben. "Abgesagt" stand im Terminkalender, noch bevor Auftritte vereinbart werden konnten. Dafür hat er den Planer für 2021 schon zur Hand und meint, fast lakonisch, "es schaut eigentlich ganz gut aus" - dass nämlich "das Corona-Virus die Volksmusik nicht hinwegrafft".

In der Volksmusik der Region ist Lindauer eine Institution. Sowohl in seiner Heimat, dem Altlandkreis Wasserburg, wie auch im Kreis Ebersberg, dem er über viele Jahre als Mitarbeiter im Landratsamt gedient hat. Bauwesen, Kommunalwesen waren seine Bereiche, Themen also, in denen wenig Musik drinsteckt - und auch nicht unbedingt das, was dem ungestümen jungen Mann damals vorschwebte, als er zunächst zur Gitarre griff und loslegte, "egal was, Hauptsache mit Freunden zusammen". Die musikalische Wandlung vom Saulus zum Paulus kam ihm dann bei einem Berufspraktikum in Traunstein. "Da habe ich eine Harfe gesehen und gehört und ich wusste: Die muss ich haben", erinnert sich der heute 77-Jährige.

Ab da war der weitere Weg vorgeprägt: Lindauer schlug Wurzeln in der Wasserburger Hackbrett- und Geigenmusi. Dass er nicht in die Klassik wanderte, sondern in die Volksmusik, das lag wieder am Miteinander und der gestalterischen Freiheit: "Bei einem Hoagascht ist das ein bisschen wie beim Jazz: Da wechseln die Gruppen auch mal untereinander durch und improvisieren zu fortgeschrittener Stunde ganz locker." Oder jene Wettbewerbe, bei denen sich die einzelnen Gruppen Halbton für Halbton in die Höhe schrauben - "das geht nach dem Bier etwas leichter" - bis keiner mehr überbietet: Das hat dem Alperer-Jodler, einem Viergesang, eine gewisse Berühmtheit eingebracht. Wichtiger aber war Bert Lindauer noch, der Volksmusik Öffentlichkeit zu geben, sie außerhalb der praktizierenden Gemeinde hörbar zu machen. Eine Art Hoagascht hat er darum in den "Wasserburger Volksmusiktagen" aus der Taufe gehoben, die er ab 1966 bis vor einigen Jahren geleitet hat. "Es war Zeit, den Jungen eine Plattform zu geben", sagt er dazu und macht wenig Aufhebens darum.

Auf einen ausgeprägten Freiheitsdrang stößt man auch an anderer Stelle in seiner Biografie. Dass einer wie Lindauer, der in Sichtweite der Berge lebt, dorthin auch oft zum Wandern und Bergsteigen geht, liegt ja noch auf der Hand. Aber 30 Jahre Gleitschirmfliegen? Da hatte einer eine Leidenschaft entdeckt, lange bevor daraus ein Modesport wurde. Auf ähnliche Indizien stößt man, wenn man ihn nach seinen musikalischen Vorbildern fragt. Den Kiem Pauli nennt er da und dessen unkonventionelle Art im Umgang mit dem "Das muss man so oder so machen", oder den Fanderl Wastl, der es verstanden hat, die Volksmusik zu öffnen, sie aber fein säuberlich von der volkstümlichen Musik - hat er jetzt gerade "volksdümmlich" gesagt? - zu trennen. Mit denen, "die es überzogen und eine reine Lehre daraus gemacht haben", hat es Lindauer aber wirklich nicht so. Zu streng, zu wenig Spaß an der Freud.

Einmal während des Gesprächs macht Lindauer einen Punkt, den man als Gelegenheitshörer auf BR Digital kaum vor Augen führt, respektive vors Ohr: "Es gibt keine Monokulturen in der Volksmusik", sagt er. Vielmehr sei es seit jeher üblich, sich von anderen Volksmusikanten inspirieren zu lassen und Grenzen zu übersehen. "Unsere Musik war immer schon multikulturell und offen für Adaptionen." Peer Gynt führt er an, der Melodien seiner norwegischen Heimat sinfonisch verarbeitet hat genauso wie Smetana in der "Moldau" oder Brahms in den "Ungarischen Tänzen".

Wie Lindauer so erzählt, klingt beim oberflächlichen Zuhören die Mär von der guten, alten Zeit mit. Was dem aufmerksamen Beobachter der Musikwelt aus Griesstätt nicht gerecht wird. Gut: Wer sich nur gelegentlich auf Volksmusikkonzerten oder -Treffen umtut, könne den hohen Altersdurchschnitt der Anwesenden nicht ignorieren. Lindauer ist sich der Herausforderung bewusst, will sie aber auch nicht übergroß und existenziell darstellen, verweist auf immer wieder nachwachsende junge Ensembles: "So lange es Vorbilder gibt - und meistens kommen die aus der Familie oder der Nachbarschaft - ist die Volksmusik im weiten Land nicht bedroht", meint der 77-Jährige. In den Städten habe sie sowieso schon immer eine untergeordnete Rolle gespielt. Keine Frage, die Blasmusiken fänden eher Zulauf als Ensembles mit Streich- und Zupfinstrumenten oder Gesangsgruppen. "Aber wenn es ein Publikum gibt, finden sich Musiker ein - auch immer wieder junge." Zumal die Volksmusik stets offen sei für Neues und für Experimente: "Zwar sind nicht alle gleich entspannt damit. Aber eins kommt nie vor: Dass man jemand wegschickt." Der Satz: "Komm her, spui mit", gehöre in der Volksmusik zum guten Ton.

© SZ vom 05.01.2021/van
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