Studie zu Rassismus:Das Risiko Mittelschicht

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Studie zu Rassismus: Jene, die wie in Ebersberg am 3. Oktober gegen Rechts protestiert haben, könnten laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung immer weniger werden.

Jene, die wie in Ebersberg am 3. Oktober gegen Rechts protestiert haben, könnten laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung immer weniger werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im evangelischen Gemeindezentrum Grafing stellt eine Forscherin ihre Studie zu Rechtsextremismus vor: Die Erkenntnisse überraschen.

Von Thorsten Rienth

Die Kernbotschaft macht zuerst einmal Mut: Rechtsextreme Einstellungen sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Das sagt nicht irgendwer, sondern Daniela Krause vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Sie ist Mitautorin einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Im Grafinger evangelischen Gemeindezentrum hat sie die Eckpunkte der Studie vorgestellt.

Wer eine Ebene tiefer und zu Ursachen und Zusammenhängen forscht, stellt fest: So positiv ist das Ergebnis gar nicht. Denn obwohl rechtsextreme Einstellungen generell zurückgehen, so sind sie in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet. "Fragile Mitte - feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014", heißt der Titel der Studie. Sie zeichnet auf repräsentativer Basis die gesellschaftlichen Bruchstellen einer fragilen Mitte. Dazu kombiniert sie die Ergebnisse der "Mitte"-Studie der Universität Leipzig mit einer eigenen Erhebung zur sogenannten gruppenbezogenen Menschlichkeit. "Es geht dabei weniger um einzelne Vorurteile wie Antiislamismus, Rassismus oder Antisemitismus", erklärte Krause. "Sondern um die Zusammenhänge dahinter."

Ihnen auf den Grund gingen die Autoren, indem sie bestimmte Aussagen trafen, und die Studienteilnehmer nach ihrer Zustimmung fragten. Elf Prozent sagten etwa Ja zu der These: "Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert." 39,9 Prozent teilen die Ansicht: "Wer schon immer hier lebt, sollte mehr Rechte haben, als die, die später zugezogen sind."

Die Studie zeigt: Grundrechte stehen bei vielen zur Diskussion

Bei den etwa 35 Zuhörern rufen die Zahlen sichtliches Erstaunen hervor. Für Krause ist die Reaktion nicht neu. "Das heißt, dass Grundrechte in einer breiteren Öffentlichkeit zur Diskussion stehen." Etwa das Gleichheitsprinzip. Was das für die politische Rechtsextremismusdebatte bedeute? Es lasse sich eben nicht mehr einfach so als Privatsache abtun, was ein Mensch politisch denkt, schlussfolgert jemand aus dem Publikum. Bemerkenswert ist Krause zufolge auch die Verteilung rechtsextremer Einstellungen auf die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Der Studie zufolge sind sie in der sozioökonomischen Mitte noch immer am wenigsten verbreitet. Das seien einerseits gute Nachrichten.

Doch genau diese Information mache die Untersuchung sozialpolitisch so relevant, geht die Mitautorin einen Schritt weiter. "Sie zeigt nämlich damit die drohende Problematik auf, wenn die sogenannte Mittelschicht immer kleiner wird."

Prekäre Lebenswirklichkeiten können Rassismus hervorrufen

In der Erklärung für den Zusammenhang ließen die DGB-Kreisverbandsvorsitzende Eva Maria Volland und der SPD-Bundestagsabgeordneter Ewald Schurer keinen Zweifel: Je prekärer die Lebenswirklichkeit der Geringverdiener sei, desto eher - und pauschaler - würden Schuldige für den ökonomischen Status gesucht.

Durchgeführt worden waren die Befragungen zwischen Juni und August 2014. In einem Zeitraum also, bevor "Pegida" marschierte. Sie fürchte, dass das Ergebnis ein Jahr später anders ausgefallen wäre, sagte Krause. Die nächste Studie folgt im Sommer 2016. Über einen Trend wird man im Herbst Bescheid wissen. Oder auch nicht. Denn auch Studien hätten ihre Grenzen. "Einerseits ist denkbar, dass die Leute wegen der öffentlichen Debatte selbst in anonymen Umfragen vorsichtiger antworten." Andererseits könnte sie rechtsextreme Äußerungen auch salonfähig gemacht haben.

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