Ebersberg Revue der Melancholie

Rotraut Arnold gibt dem 1976 in München gestorbenen Hollaender wieder eine Stimme, mit theatralischen Einlagen verzaubert sie ihr Publikum.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im Alten Kino erinnern eine Schauspielerin und ein Kapellmeister vom Gärtnerplatztheater an das Lebenswerk des Chansonisten Friedrich Hollaender

Von Anselm Schindler, Ebersberg

Heute steht an der Ansbacher Straße Nummer 9, zwischen dem Kurfürstendamm und dem Tiergarten im Herzen von Berlin, ein Hotel. An einem lauen Sommerabend des Jahres 1919 traf Friedrich Hollaender dort auf Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz und andere Intellektuelle und Künstler. Die Intellektuellen-Kneipe, existiert heute nicht mehr, doch das, was aus dem Aufeinandertreffen der Künstler entstand, wirkt bis heute nach.

Friedrich Hollaender war einer der ganz Großen der Berliner Kulturszene der Zwanziger und der darauffolgenden Jahrzehnte: Ein virtuoser Chanson-Komponist und Kabarettist. Zu verdanken hat er diese Karriere nicht zuletzt besagtem Sommerabend. Knapp einhundert Jahre nach dem Aufeinandertreffen haben sich eine Sängerin und ein Kapellmeister vom Münchner Gärtnerplatztheater dem Werk von Hollaender angenommen: Rotraut Arnold und Andreas Kowalewitz. Sie gibt dem 1976 in München Verstorbenen wieder eine Stimme, er begleitet am Klavier. "Mensch bin ick hysterisch" heißt das Programm, dem Text des Hollaender-Klassikers "die hysterische Ziege" entlehnt. Am vergangenen Freitagabend traten Arnold und Kowalewitz mit ihrer Hommage an den Chansonisten im Alten Kino auf.

Aus dem ersten Treffen, an dem neben Tucholsky und Ringelnatz auch Walter Mehring und Mischa Spoliansky mit von der Partie waren, entstand ein Projekt mit dem Arbeitstitel politisch-literarisches Kabarett. Über das Projekt lernte Friedrich Hollaender auch seine langjährige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Blandine Ebinger kennen. Das Kabarett trat im Schall und Rauch auf, den Kellerräumen von Max Reinhardts Großem Schauspielhaus.

Rotraut Arnold rekelt sich auf dem Klavierflügel, trällert "zwei dunkle Augen, zwei Eier im Glas". In dem Chanson, einem der früheren Werke von Hollaender geht es um einen intellektuellen Kneipenabend, um Schlüpfer, Anzüglichkeiten. Amouröse Anspielungen, ohne allzu zotig zu werden, die Chansons sind auch Ausdruck der recht freizügigen goldenen 20er Jahre. Populärmusik, die auch gesellschaftspolitisch Anspruch hatte. In den USA kamen die Chansons, mal mit feiner Ironie das Establishment auf den Arm nehmend, mal anzüglich, nicht wirklich an.

1933 war Hollaender, der aus einer jüdischen Familie kam, erst nach Paris, dann nach Hollywood emigriert. Rechtzeitig, schon in den Jahren zuvor hatte er den Antisemitismus zu spüren bekommen, hatte sich über den primitiven anti-intellektuellen Hass auch auf der Bühne lustig gemacht. Am Santa Monica Boulevard versuchte sich Hollaender wenig erfolgreich am Theater, schwenkte dann aber zum Komponieren von Filmmusik um, sein Lebenswerk umfasst unter anderem Beiträge zu rund 200 Hollywood-Filmen. Darunter auch Kassenschlager wie "Berlin-Express" und "Wir sind keine Engel". Mitte der Fünfziger zog es den Emigranten zurück in die Heimat, er landete schließlich in München. Dort fühlte er sich hinter dem Flügel wohl, dann gehen die künstlerischen Spuren des lächelnden Melancholikers langsam verloren. Im Januar 1976 verstarb Friedrich Hollaender in München.

Das alles in einen Abend zu packen, kann gar nicht gelingen, es ist ein Querschnitt, den Arnold und Kowalewitz da auf die Bühne bringen. Das gelingt ihnen, trotz der großen thematischen und zeitlichen Bandbreite des Werks von Friedrich Hollaender, ganz gut. Die Coburgerin Arnold überzeugt mit viel Durchhaltevermögen und starken theatralischen Einlagen: Auf ein Mal geht das Licht auf der Bühne aus, "oh Mond!", jault sie, schreit fast. Nach ihrer Schauspiel-Ausbildung, die sie 1978 abschloss, verlief der künstlerische Weg der Coburgerin über die Bildregie in Musikredaktionen und eine Musical-Inszenierung bis zum Münchner Gärtnerplatztheater, dort war sie, als Sängerin und Schauspielerin, bereits in 40 Rollen zu sehen und zu hören. Die Erfahrung merkt man ihr an, Arnold tänzelt auf der Bühne des Alten Kinos förmlich von Rolle zu Rolle, mal verführend, mal gebrochen, mal Wunderkind, mal Kleptomanin. Das alles ohne viele Requisiten, ein schicker Mantel, eine graues Tuch, ein Kleiderständer. Und natürlich die souveräne musikalische Begleitung durch Andreas Kowalewitz, der auch ein Klavier- und Dirigierstudium abschloss, bevor er 1985 Kapellmeister am Staatstheater Kassel wurde.

Das Wechselspiel der Emotionen und Genres kann bisweilen etwas verwirren, gerade wenn man es komprimiert an einem Abend erlebt. Doch die Schnulzen von damals klingen noch den ganzen Abend über im Kopf nach, die Goldenen Zwanziger sind noch lange nicht vorbei.