SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 32:Leidensgenossen an Heiligabend

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Ein Christbaum darf zur Weihnachtszeit auch auf der Ebersberger Intensivstation nicht fehlen. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

An Weihnachten sitzen Patienten und Pflegekräfte im selben Boot - sie alle können nicht bei der Familie sein. Julia Rettenberger versucht trotzdem, den Tag so positiv wir möglich zu gestalten.

Protokoll von Johanna Feckl, Ebersberg

Weihnachten beginnt bei uns auf der Station eigentlich schon im Oktober. Ab dann nämlich hängt in unserer Küche ein Zettel aus, wer wann arbeiten möchte: an Weihnachten oder Silvester. An beiden Festen frei zu haben, klappt in der Regel nicht. Wir schauen im Team sehr aufeinander, sodass diejenigen mit kleinen Kindern den Heiligabend auch zu Hause mit ihrer Familie verbringen können. Das sind Momente, die braucht eine Familie - und deshalb versuchen alle im Team, das auch zu ermöglichen.

Hinzu kommt: Nicht alle haben eine Familie oder sie feiern sowieso kein traditionelles Weihnachten. Für sie ist es dann ganz schön, den 24. Dezember abends nicht alleine zu Hause zu verbringen, sondern im Nachtdienst mit Kolleginnen und Kollegen, die sie mögen. Und die Jüngeren unter uns wollen ohnehin lieber an Silvester mit den Freunden feiern, die kümmert ein Nachtdienst an Heiligabend oft gar nicht so sehr - das war bei mir genauso, als ich Anfang 20 war.

Dennoch wollen wir uns auch auf der Station den 24. Dezember so schön wie möglich machen. Nicht nur sorgt unser Stations-Christbaum für Weihnachtsatmosphäre - wenngleich das bei seinem Standort zwischen den vielen Sauerstoffflaschen, die wir derzeit lagern müssen, gar nicht so leicht ist. Darüber hinaus bringen die Kolleginnen und Kollegen der Nachtschicht jedes Jahr etwas zu Essen mit: Salate, selbst gebackenes Brot, besondere Aufstriche und unglaublich leckere Nachspeisen. Das Essen steht dann in unserer Stationsküche und wer Pause macht, kann bei unserem selbst kreierten Buffet zugreifen. Die übrigen vom Team, die am 25. Früh- oder Spätdienst haben, macht diese Kulinarik ebenso glücklich: Vor Schichtbeginn wird da erst einmal der Kühlschrank aufgerissen, um zu schauen, welche Köstlichkeiten übrig geblieben sind.

Julia Rettenberger arbeitet als Intensivfachpflegekraft in der Ebersberger Kreisklinik. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch für unsere Patienten lässt sich der Sternekoch unserer Klinikküche in jedem Jahr etwas besonderes einfallen - er tischt ohne Zweifel kulinarische Höchstleistungen auf. Dennoch: Die Stimmung an Heiligabend ist gedrückter als sonst. Denn selbst ein noch so leckerer Braten kann nicht verhindern, dass unsere Patienten an ihr Zuhause denken, wo vielleicht gerade die Familie bei Schweinswürstel und Sauerkraut am Essenstisch beisammensitzt.

Meine Devise für Weihnachtsdienste lautet deshalb: Den Tag so positiv gestalten wie möglich. Ich frage unsere ansprechbaren Patienten dann zum Beispiel, wie bei ihnen der Heiligabend verbracht wird. Bei vielen spricht diese Frage eine Herzensangelegenheit an, sie erzählen gerne darüber. Aber ich bohre nicht nach oder beende das Gespräch, indem ich sage: "Ach, schade, dass Sie nun aber auf der Intensiv sein müssen." Das macht die Situation schließlich nicht besser.

Wir Pflegekräfte sind kein Ersatz für die Familien unserer Patienten, das ist jedem bewusst. Aber wir sind in diesem Moment sozusagen Leidensgenossen, weil wir alle nicht zu Hause bei unseren Lieben sein können. Und ich habe den Eindruck, das sehen auch viele unserer Patienten so.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 28-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station .

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