SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 33:Auf ein unbeschwertes 2022!

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SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 33: Ein neues Jahr 2022, in dem die Pandemie unter Kontrolle gerät - das wünscht sich Pflegerin Julia Rettenberger.

Ein neues Jahr 2022, in dem die Pandemie unter Kontrolle gerät - das wünscht sich Pflegerin Julia Rettenberger.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Silvester ist für viele Pflegekräfte und Patienten gleichermaßen ein Tag wie jeder andere auch. Das findet auch Julia Rettenberger: Sie wird auch heuer wieder wenige Stunden vor dem Jahreswechsel arbeiten.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Seit einigen Jahren schon trage ich mich für eine Silvester-Schicht ein. Mir macht es nichts aus, wenige Stunden vor dem Jahreswechsel Dienst zu haben oder sogar direkt ins neue Jahr hinein zu arbeiten. Das sehen viele meiner Kolleginnen und Kollegen ähnlich. Silvester nimmt bei uns keine solch hohe Priorität ein wie Heiligabend. Der Tag ist wie jeder andere auch. Das sagt ebenso ein Großteil unserer Patienten. Ein Grund dafür mag sein, dass die meisten älter als 60 sind und damit nicht dem typischen Silvester-Partyvolk entsprechen. Ein schon oft gehörter Spruch unserer Patienten geht in etwa so: "Ins neue Jahr schlafe ich eh immer hinein, ob ich das zu Hause oder hier im Krankenhaus mache, ist auch schon wurst!"

Klassische Silvester-Patienten gibt es bei uns kaum, unser Betrieb läuft wie eh und je. Raketenverletzungen und Alkoholvergiftungen kommen in der Regel zunächst in die Notaufnahme und werden dann, wenn überhaupt, auf Normalstation verlegt. Aber ab und an landet einer, der zu tief ins Glas geschaut hat, auch mal bei uns. Das ist nicht viel - zu Grafinger Volksfestzeiten sieht das anders aus.

Die Stimmung an Silvester ist deshalb nicht so gedrückt wie es an Heiligabend vorkommt. Wenn es dann auf Mitternacht zugeht, lassen wir Pflegekräfte es uns trotzdem nicht nehmen und stoßen mit einem Sekt an - alkoholfrei natürlich. Dazu haben wir uns in der Vergangenheit immer einen freien Bettplatz am Fenster gesucht, um ein paar Feuerwerkslichter sehen zu können.

Aber nur, weil wir nicht an unserer Zentrale am Eingang der Intensivstation sind, bedeutet das keinesfalls, dass wir unsere Patienten nicht im Blick haben, denn unsere Aufsichtspflicht macht nie Pause. Und so haben wir an dem Bettplatz, von dem wir aus das Feuerwerk beobachteten, den Überwachungsmonitor eingeschaltet. Darüber haben wir sofort gesehen, wenn in einem der anderen Zimmer Alarm geschlagen wurde.

SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 33: Julia Rettenberger arbeitet als Intensivpflegefachkraft in der Ebersberger Kreisklinik.

Julia Rettenberger arbeitet als Intensivpflegefachkraft in der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im vergangenen Jahr hatten wir keinen freien Bettplatz. Wegen der vielen Covid-Patienten war unsere Station bis zum letzten Bettplatz belegt, so wie es wohl auch heuer sein wird. Aber ein Feuerwerk, das wir hätten beobachten können, hat es ja ohnehin nicht gegeben, genau wie in diesem Jahr.

Und so bleibt eigentlich nur eine Sache, die zumindest die Silvester-Nachtschicht von anderen unterscheidet: Nach Mitternacht rufen immer einige der Kolleginnen und Kollegen, die frei haben, auf der Station an, um ein schönes neues Jahr zu wünschen. Das tun sie bestimmt auch heuer wieder.

Ein solches haben wir nötig: Ein schönes Jahr 2022, in dem wir die Pandemie in den Griff bekommen, wieder unbeschwert leben sowie ohne Risiko Familie und Freunde treffen und umarmen können, in dem uns ein Leben in Harmonie und ohne Gespaltenheit erwartet - das wünsche ich uns allen. Und wenn irgendwann hoffentlich eine neue Normalität einkehrt, dann hoffe ich, dass weiterhin an uns Pflegekräfte gedacht wird und wir nicht in Vergessenheit geraten.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 28-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station.

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