SZ-Kolumne: Auf Station, Übergabe:"Es ist noch nicht alles gesagt"

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SZ-Kolumne: Auf Station, Übergabe: Seit sieben Jahren sind sie Kolleginnen auf der Ebersberger Intensivstation: Pola Gülberg (links) und Julia Rettenberger.

Seit sieben Jahren sind sie Kolleginnen auf der Ebersberger Intensivstation: Pola Gülberg (links) und Julia Rettenberger.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Intensivfachpflegerin Pola Gülberg wird Nachfolgerin der SZ-Kolumnistin Julia Rettenberger - nach 35 Folgen hört die 28-Jährige auf. Wie es mit der Pflegekolumne weitergeht, verraten die beiden im Interview.

Interview von Johanna Feckl, Ebersberg

Es war Mai 2021 als die Intensivfachpflegerin Julia Rettenberger zum ersten Mal in der SZ-Kolumne "Auf Station" in Erscheinung getreten ist. Damals schien es still geworden um die vielen Menschen in Pflegeberufen - für sie geklatscht, wie es zu Beginn der Corona-Pandemie der Fall war, hat kaum jemand mehr. Ihre Arbeit war aber nicht weniger wichtig: Krank werden Menschen immer und sie zu versorgen und im Idealfall gesund zu pflegen bleibt der Anspruch der Pflege. Die vierte Corona-Welle im Herbst sowie die nun erreichten Höchstzahlen an Neu-Infektionen in der fünften Welle verdeutlichen jedoch vielleicht wie noch nie: Die Pflege ist eine Säule der Gesellschaft.

Seit 35 Folgen beweist die 28-jährige Rettenberger dies Woche für Woche. Nun aber wird es Zeit, eine weitere Perspektive zu hören: Pola Gülberg ist nicht nur eine Kollegin von Rettenberger auf der Intensivstation in der Ebersberger Kreisklinik, sondern auch ihre Nachfolgerin als Pflege-Kolumnistin für die SZ. Von kommender Woche an übernimmt die 37-Jährige den Staffelstab von Julia Rettenberger und wird im Format "Auf Station" von ihrer Sichtweise auf die Pflege erzählen. Im Gespräch mit der SZ berichten die beiden Kolleginnen über ihre Wahrnehmung der Pflegekolumne, weshalb für sie das Ebersberger Intensivteam ein besonderes ist und was die Stationsband mit ihnen beiden zu tun hat.

SZ: Frau Rettenberger, haben Sie schon alles zum Thema Pflege gesagt oder weshalb gehen Sie als Kolumnistin in den Ruhestand?

Julia Rettenberger: Nein, es ist definitiv noch nicht alles gesagt - es gibt extrem viel zur Pflege zu erzählen! Ich bin nun schon seit einigen Jahren in dem Job, im gleichen Krankenhaus auf der gleichen Station, aber es passiert trotzdem immer wieder etwas, was ich zuvor noch nie erlebt habe. Auf mich warten aber neue Projekte, die ich betreuen darf. Um dafür genügend Zeit zu haben, möchte ich meine Arbeit für die Kolumne deshalb beenden.

Frau Gülberg, fortan werden Sie Ihre Gedanken über Ihren Beruf einmal in der Woche mit den Leserinnen und Lesern der SZ teilen. Warum?

Pola Gülberg: Ich bin nach wie vor begeistert von meinem Beruf, obwohl ich meine Ausbildung schon vor 15 Jahren beendet habe. In der Pflege bleibt nichts stehen, es gibt immer wieder etwas Neues, da stimme ich Julia vollkommen zu. Diese Faszination möchte ich weitergeben. Durch die Kolumne haben wir in der Pflege eine Stimme bekommen, das finde ich wichtig - und ich habe bislang jede Folge sehr gerne gelesen. Deshalb hoffe ich, das Projekt ehrenvoll weiterführen zu können.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Sie das gleiche erzählen wie Ihre Vorgängerin?

Gülberg: Nein, überhaupt nicht. Wir sind unterschiedliche Menschen, nehmen Dinge unterschiedlich wahr und arbeiten auch unterschiedlich - jeder in der Pflege hat seinen eigenen Schwerpunkt. Das heißt nicht, dass die Versorgung am Ende besser oder schlechter ist. Aber wie ich zuvor schon sagte: Die Pflege ist unglaublich vielfältig.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass ein neues Gesicht der Kolumne neue Perspektiven und Geschichten bringt"

Rettenberger: Ich bin auch fest davon überzeugt, dass ein neues Gesicht der Kolumne neue Perspektiven und Geschichten bringt - und ich freue mich schon sehr darauf, sie dann zu lesen.

Sie beide arbeiten seit sieben Jahren gemeinsam auf der Ebersberger Intensivstation. Können Sie sich an Ihre erste Begegnung erinnern?

Rettenberger: Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen ...

Gülberg: Wenn man auf der Intensiv anfängt, hat man auf einmal 60 neue Kollegen. Das ist so viel Input - ich kann mich deshalb daran auch nicht mehr erinnern. Aber an die Weihnachtsaktion, die wir zusammen vorbereitet haben, da erinnere ich mich noch sehr genau! Dadurch haben wir uns auch persönlich besser kennengelernt.

Rettenberger: Stimmt! Wir haben quasi eine Stationsband gegründet (lacht).

Eine Stationsband?

Rettenberger: Auf unserer stationseigenen Weihnachtsfeier gibt es immer ein paar Aufführungen, Sketche oder Musik zum Beispiel. Da haben wir beide irgendwann angefangen, mit einem dritten Kollegen an der Gitarre Weihnachtslieder zu singen. Das war immer eine Mordsgaudi!

Gülberg: Oh ja (lacht)! 2018 und 2019 muss das gewesen sein - die beiden vergangenen Jahre musste die Weihnachtsfeier wegen Corona leider ausfallen.

SZ-Kolumne: Auf Station, Übergabe: Neben der Arbeit lernten sich Julia Rettenberger (links) und Pola Gülberg durch gemeinsame Musikeinlagen auf der stationsinternen Weihnachtsfeier besser kennen.

Neben der Arbeit lernten sich Julia Rettenberger (links) und Pola Gülberg durch gemeinsame Musikeinlagen auf der stationsinternen Weihnachtsfeier besser kennen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Protagonistin der Pflegekolumne wechselt - wie sieht es mit der Fluktuation auf der Intensivstation aus?

Rettenberger: Es gibt immer mal wieder welche, die wegen des Partners wegziehen oder sich den südöstlichen bayerischen Raum zum Wohnen nicht mehr leisten können - es ist also eigentlich immer ein spezifischer Grund, wenn jemand aus dem Team geht, und der hat sehr oft gar nichts mit dem Job an sich zu tun. Wir haben aber einen harten Kern, der schon lange besteht.

Gülberg: Das spricht für unser tolles Team. Es gehen auch viele von unserer Intensiv direkt in Rente, das hat man auf Intensivstationen normalerweise selten.

Warum?

Gülberg: Die Arbeit wird irgendwann immer schwieriger, körperlich und psychisch. Ein Beispiel: Unsere typischen Patienten sind nicht die Jungen. Wenn man selbst dem Alter der Patienten immer näher rückt, dann bedeutet das für die meisten eine stärkere emotionale Belastung. Viele wechseln deshalb im fortgeschrittenen Alter in andere Bereiche, wo sie sich weniger belastet fühlen.

Frau Rettenberger, bei einem der Vorgespräche zur Pflegekolumne haben Sie hervorgehoben, dass Sie nicht jede Woche über Corona berichten möchten. Warum?

Rettenberger: Es gibt auch andere Menschen mit anderen Krankheiten, die wir versorgen. Das darf nicht unter den Tisch fallen! Corona ist eine schlimme Krankheit, wir sehen viele unschöne Dinge auf unserer Station. Aber rein die pflegerische Versorgung betrachtend ist Corona nicht sehr einfallsreich. Wir haben Patienten, die wir viel individueller behandeln müssen - das ist eigentlich spannender!

Gülberg: Das sehe ich genauso. Wir in Ebersberg sind eine gemischte Intensiv: Im Gegensatz zu Fach-Intensivstationen in manch größerer Klinik kommen zu uns Patienten aus jeder Fachrichtung - darüber sind wir sehr froh. Diese Vielfalt unserer Patienten und unseres Wissens sollte auch abgebildet werden.

"Ich war überrascht, welch positives Feedback mich erreicht hat."

Frau Rettenberger, was nehmen Sie persönlich aus den 35 Folgen Pflegekolumne mit Ihnen mit?

Rettenberger: Ich war überrascht, welch positives Feedback mich erreicht hat. Es sind Leute an mich herangetreten, mit denen ich seit Jahren nicht mehr in Kontakt stehe. Es freut mich, dass viele Menschen so interessiert an unserem Job sind. Ich interpretiere das als Dankbarkeit unserem Berufsstand gegenüber. Das über den Weg der Kolumne zu spüren ist toll!

Den Dank geben wir gerne an Sie zurück: Herzlichen Dank für all die Einblicke, die Sie uns gewährt haben. Frau Gülberg, wir sind gespannt auf Ihre Geschichten.

Gülberg: Ich freue mich schon!

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