Süddeutsche Zeitung

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 40:Zeit für Haushalt, Zumba und Kaffee-Treffen

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Oft wird Pola Gülberg gefragt, ob sie mit dem Schichtdienst zurechtkomme. Für die Pflegerin ist klar: Es nervt sie nicht, sie schätzt vielmehr die Vorteile.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Es gibt eine Frage, die uns Pflegekräften immer wieder gestellt wird: "Wie machst du das nur mit der Schichtarbeit?" Jede Woche anders arbeiten, mal frühs, dann nachts oder ab dem späten Mittag, auch an Wochenenden und Feiertagen - viele Menschen gehen davon aus, dass solche Arbeitszeiten eine große Belastung für uns darstellen, dass es nervt. Das aber ist ein Vorurteil und trifft in Wirklichkeit nur auf wenige zu. Denn ansonsten würden sich die Betroffenen früher oder später einen anderen Job suchen. Ich jedenfalls kann absolut sicher behaupten: Nein, mich nervt es nicht. Überhaupt nicht - im Gegenteil. Ich schätze meinen Schichtdienst sogar sehr.

In Ebersberg können wir im Voraus Wünsche für den Dienstplan eintragen - ein Wunschdienstplan also. Außerdem können wir mit unserem Chef feste Absprachen für Dienste vereinbaren, an denen wir jede Woche frei haben. Bei mir ist es zum Beispiel der Dienstagnachmittag, da betreue ich meine Jugendgruppe vom Roten Kreuz. An diesem Tag kann ich also nur Früh- oder Nachtdienste übernehmen.

Das erlaubt viel Flexibilität, viel mehr als in den meisten anderen Berufen. Wenn etwa ein Behördengang ansteht, dann erledige ich das eben an einem Vormittag vor meinem Spätdienst. Oder wenn ich einen Arzttermin vereinbaren muss, dann lege ich ihn auf einen Tag, an dem ich Spät- oder Nachtdienst oder ganz frei habe. Andere Menschen müssen sich für solche Erledigungen extra einen halben Tag frei nehmen!

Wenn vormittags bei mir daheim alle aus dem Haus sind, in der Arbeit oder Schule, dann kann ich in Zeiten von Spät- und Nachtdiensten in aller Ruhe Sachen im Haushalt erledigen, ins Zumba gehen oder mich zum Kaffee verabreden. Ich kenne auch viele Mütter, die in ihrem Beruf mit regulären Arbeitszeiten nicht in Vollzeit arbeiten, weil sie den Haushalt am Feierabend nicht schaffen, denn dann wollen die Kinder bespaßt werden. Das sind Probleme, die ich nicht kenne. Unter der Woche habe ich sogar immer wieder Zeit für mich alleine und das genieße ich.

Dennoch funktioniert das Arbeiten im Schichtmodell für Mütter wie mich nur dann, wenn eine gute Organisation herrscht und es Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld gibt. Wenn mein Partner die Zeit vor der Schule oder abends nicht bei meinem Sohn wäre, würde meine Arbeit nicht funktionieren. Früher, als ich mit meinem Sohn alleine lebte, waren es meine Eltern, die dann auf ihn aufpassten. Wenn wichtige Termine in meinem Umfeld anstehen, dann muss ich das wissen, um dementsprechend meine Wunschdienste eintragen oder eine Schicht tauschen zu können. Ohne diese Hilfe könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass ich solch tolle Menschen um mich habe.

Als Nachteil meiner Arbeitszeiten bleibt für mich eigentlich nur, wie manche Menschen damit umgehen - das erleben vielen in der Pflege ähnlich. Freunde vernachlässigen den Kontakt zu uns, wir werden schneller vergessen. "Ich habe mich nicht getraut, dich anzurufen, weil ich nicht wusste, wie du arbeitest." So etwa lauten dann die Begründungen. Aber das ist Quatsch: Wenn wir gerade schlafen oder arbeiten, dann ist das Handy aus oder lautlos, da stört niemand. Also: Ruft uns an und schreibt uns!

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 37-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station .

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