Kunst und Artenvielfalt:Denkmal für einen Lieblingsbaum

Ein Bildhauer und ein Baumhirte erschaffen aus einer vom Sturm gefällten Weide eine archaische Installation - und damit neues Leben.

Von Anja Blum

Was hat ein Schreinermeister mit Klimawandel und Artensterben zu tun? Nicht so viel, möchte man meinen. Bei Sebastian Müller aber ist das anders. Ihn bewegen diese Themen - deswegen hat sich der Grafinger nun über einen Auftrag aus Ebersberg besonders gefreut. Es geht um eine alte, große Trauerweide, die einen der jüngsten Sommerstürme leider nicht überlebt hat. Der ganze Baum stürzte um, lag im Gras wie ein im Kampf gefallener Krieger. Das Übliche wäre nun gewesen, das ganze Holz zerkleinern und wegräumen zu lassen. Doch in diesem Fall kam es anders: Der Besitzer des Grundstücks im Kapellenweg - eine mit Bäumen und Gebüsch bestandene und einem fantastischen Ausblick gesegnete Wiese am nord-östlichen Ortsrand von Ebersberg - sah den vom Sturm gefällten Baum und beschloss, ihm sozusagen ein Denkmal zu setzen. "Ich bin einst unter dieser Weide groß geworden", erklärt Fritz Hindelang, "deswegen kam ich auf diese Idee."

Also kontaktierte Hindelang den Schreiner und Holzbildhauer Sebastian Müller und bat ihn, aus den Resten des Baums etwas Neues zu schaffen. An Ort und Stelle wohlgemerkt, keine Skulptur oder ähnliches für Zuhause, sondern ein Stück Land-Art auf der Wiese. Müller sah sich die traurige Bescherung an - und hatte gleich eine Idee, nämlich aus dem Stamm und den Ästen ein großes Nest zu bauen, genau an jener Stelle, wo die Baumkrone in den Boden eingeschlagen hatte. Um dies bewerkstelligen zu können, holte sich der Bildhauer einen Partner an die Seite, den "Baumhirten" Julian Quel, der die Zerkleinerung und Umschichtung des Holzes mit seinem Lastwagen samt Kran überhaupt erst möglich machte. Denn die Ausmaße der alten Weide waren durchaus bemerkenswert: Sie war etwa 20 Meter hoch, schätzt Müller, der Durchmesser des Stamms maß 1,20 Meter. Doch selbst so ein Riese von Baum habe es schwer, wenn der Pilz ihn erst einmal befallen habe. "Denn dann wird das Holz irgendwann auch ganz unten am Stamm feucht und morsch - und dann hat der Sturm leichtes Spiel."

Ebersberg Land-Art

Sebastian Müller (links) und Julian Quel während der Arbeit an ihrem Nest am Ebersberger Ortsrand. Zwei Tage waren sie damit beschäftigt.

(Foto: privat)

Also machten sich Müller und Quel an die Arbeit, sägten, schleppten und sinnierten immer wieder, was sie denn nun aus dem vielen Holz formen sollten. "Denn Inspiration und Spontaneität gehört zu einem solchen Projekt schon dazu", sagt der Bildhauer. Der Nest-Idee folgend, ordneten sie zunächst die dicken Stammteile in einem Rund an, was indes gar nicht so einfach war. "Die geometrischen Grundformen müssen schon möglichst exakt sein, sonst wird das nichts." Zwischendrin habe das Objekt dann tatsächlich wie ein Nest ausgesehen, doch mit der Zeit "spitzte" sich der Bau immer mehr zu, einem Kobel, also geschlossenem Nest, oder hölzernen Iglu gleich. Nun steht am Kapellenweg ein archaischer Bau, knapp drei Meter hoch, rätselhaft und einladend zugleich.

Land-Art Projekt Haselbacherweg EBE

Das Land-Art-Projekt kam zustande, weil der Sturm eine alte Weide gefällt hatte.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Die Versuchung war dann natürlich groß, einen begehbaren Raum zu schaffen", erzählt Müller. Doch man habe sich dagegen entschieden, erstens aus Sicherheitsgründen, weil immer wieder - unerlaubterweise - Kinder auf dem unbebauten Gelände spielen, und zweitens, weil es der Wunsch des Besitzers gewesen war, den ganzen Baum zu verwerten. Also füllten Müller und Quel den entstandenen Innenraum mit den Ästen auf.

Allerdings errichteten sie einen symbolischen Eingang, der exakt nach Osten ausgerichtet ist, wie die Apsis einer Kirche. "Hier soll das Morgenlicht als Symbol für das Gute, das Leben und den neuen Tag einströmen", erklärt Müller. Und direkt hinter dem Eingang, im Inneren des Iglus, befindet sich ein riesiges Stück Erdstamm mit einem großen Holzauge - ein Anblick, bei dem man "leicht auf die Assoziation einer Eizelle kommt", wie der Bildhauer völlig zu Recht sagt. Der abgebrochene Stamm der Weide übrigens steht noch an seinem Platz, wie ein Mahnmal ragt das geborstene Holz aus dem Erdreich. "In seinem Zustand symbolisiert der Stumpf einerseits den Schmerz über die Vergänglichkeit und erhält andererseits den Ursprung der Installation", so Müllers Erklärung.

Besonders gefällt ihm aber auch der Gedanke, dass das Holziglu sich im Laufe der Zeit verändern und in ein wunderbares Biotop verwandeln wird. "In einem toten Baum existiert paradoxerweise mehr Leben als in einem gesunden", erklärt der Grafinger, und auch hier werde sich sehr, sehr viel Leben einfinden. Insekten vor allem, Pilze und allerhand Wimmeltiere. Bemoost ist der Haufen jedenfalls jetzt schon reichlich. "Und wer weiß, vielleicht sehen wir hier irgendwann einen grünen Hügel mit ein paar kleinen Weiden darauf." Und so sind der Bildhauer, sein Partner und auch ihr Auftraggeber sehr zufrieden mit dem Ergebnis des Projekts. Die gesamte Installation mit ihren Symbolen für Tod, Eizelle und Schutzraum ist ein Bild für Wiedergeburt, Auferstehung und den Kreislauf des Lebens.

Bereits 2019 lieferte Müller für die Wiederbelebung von totem Holz ein anderes Beispiel: Drei Bäume, die im Zuge der Erweiterung des Ebersberger Landratsamts weichen mussten, arbeitete er zu Skulpturen um, die nun in der Behörde an die Baumpaten, drei ehemalige Landräte, erinnern. Überhaupt glaubt der Bildhauer, dass dieser Ansatz, einen gefallenen Lieblingsbaum auf kreative Art weiter zu verwerten, Schule machen könnte. Land-Art sei jedenfalls auf allen Brachflächen möglich, oder im Garten, "gerne auch in kleinerem Format oder als Objekt fürs Wohnzimmer". In stürmischen Klimawandel-Zeiten wie diesen sei das doch eine wunderbare Gelegenheit, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden, so Müller. "Man kann mit Holz so einfach neues Leben schaffen, anstatt alles nur wegzuschmeißen." Und letztlich kommt so etwas nicht nur der Artenvielfalt zugute, sondern gewiss auch der menschlichen Seele.

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