Kultur im Landkreis:"Prio eins ist der Mensch, erst dann kommt die Musik"

Lesezeit: 5 min

Kultur im Landkreis: Erst kommt der Mensch, dann die Musik. So lautet das Credo von Peter Pfaff.

Erst kommt der Mensch, dann die Musik. So lautet das Credo von Peter Pfaff.

(Foto: Christian Endt)

Der Hornist Peter Pfaff hat die Ebersberger Musikschule 35 Jahre lang geleitet, viele Erfolge gefeiert und so manche Krise gemeistert. Zum Abschied freut er sich vor allem über die vielen neuen Kooperationen zugunsten der Allerkleinsten.

Von Anja Blum, Ebersberg

Die Hummel, dieser gemütliche Brummer, sei ein ganz wichtiger Teil seiner Didaktik, sagt Peter Pfaff und lacht. Ja, man kann pädagogische Konzepte wortreich-umständlich erklären, oder mit einem simplen Beispiel greifbar machen. Die Hummel also kam immer zum Einsatz, wenn Pfaff die Allerjüngsten ans Waldhorn heranführen wollte - was gar nicht so einfach ist. Denn: "Wie schafft man es, dass ein Sechsjähriger einen Ton hält?" Irgendwann entdeckten die Kinder - und mit ihnen der Lehrer, dass ein Triller auf dem zweiten Ventil klingt wie eben jenes freundliche Insekt. "Aber die Hummel darf natürlich auf keinen Fall abstürzen!" Und schon reicht die Luft auch für einen langen Ton.

Diese Episode verrät schon sehr viel über jenen Peter Pfaff, der in den vergangenen 35 Jahren die Ebersberger Musikschule geleitet hat und nun Abschied nimmt. Zum Beispiel, dass ihm vor allem die Elementarstufe am Herzen lag, als Leiter wie als Lehrer. Die Jüngsten seien ihm immer die Liebsten gewesen, sagt er, sogar in der Gruppe. "Da war meine Experimentierfreude immer so was von wach, um all diese verschiedenen Persönlichkeiten einzufangen." Für Pfaff ist klar: Jedes Kind ist anders - und darauf sollte der Unterricht unbedingt eingehen. Entwicklung finde immer statt "im Spannungsfeld zwischen dem Eigenen und dem Anderen".

Im Pflichtfach Klavier lernt der Student "Schwarze Pädagogik" kennen - und zieht seine Konsequenzen

"Prio eins ist der Mensch, erst dann kommt die Musik", sagt Pfaff, diesen Weg habe er schon als Abiturient eingeschlagen - als Gegenmodell zum Vater, der sich als Maschinenbauer ganz auf die Technik verlegt hatte. "Seine Firma zu übernehmen, war für mich ausgeschlossen." Anstatt dessen verließ der junge Musikant seinen Heimatort westlich von Augsburg, um am Konservatorium in München Horn zu studieren. Hier machte er bald die für sein späteres Wirken als Musikschulleiter vielleicht wichtigste Erfahrung: Im Pflichtfach Klavier lernte er "Schwarze Pädagogik" kennen. Als er mit improvisierten Jazzakkorden sein bescheidenes Können präsentieren wollte, habe die Lehrerin ihm die Hand auf die Tasten geschlagen und gesagt, dass sie dergleichen nie wieder hören wolle. "Seit diesem Moment habe ich der rein akademischen Schule abgeschworen. Nur ein Notenheft nach dem anderen durchzuarbeiten - das kann es nicht sein!"

Anstatt Lehrer wolle er lieber Vermittler sein, sagt der 64-Jährige, ein Geschichtenerzähler, der mit Vergleichen und Bildern anrege zu individueller Kreativität, zu einem gestaltenden Umgang mit dem Leben, "mit Kopf, Herz und Hand". Insofern ist Pfaffs Rührung angesichts der Abschiedsgeschenke seiner Schüler nicht weiter verwunderlich: Zwei hätten komponiert, einer eine Holzskulptur geschaffen, ein anderer einen Fantasyroman geschrieben. "Sie alle haben mir echte, persönliche Werte entgegengebracht."

Die Musikkarriere des jungen Peter Pfaff beginnt im Wald, bei der Treibjagd

Pfaffs eigener Weg zur Musik übrigens nahm seinen Anfang in der Natur, der er bis heute sehr verbunden ist. Ein Nachbar sei Jäger gewesen, habe seinen Sohn Hubert und eben ihn, den kleinen Peter, oft mitgenommen in den Wald, und den Buben irgendwann sogar Jagdhörner samt Unterricht spendiert. In der dritten Klasse kam dann die Blockflöte dazu, sodass Pfaff sowohl bei Treibjagden als auch Martinsumzügen musikalische Lorbeeren einheimsen konnte. "Und so viel Bestätigung - das macht schon was mit einem," sagt er und grinst.

Einen herben Rückschlag allerdings brachte dann das Orchester des Gymnasiums mit sich: "Da sagte ich dem Leiter, dass ich gerne diese warme, weiche Gegenmelodie spielen wolle - und er hat mir das Waldhorn gegeben. Erst später habe ich gemerkt: Ich hatte eigentlich die Stimme der Tenorhörner gemeint. Aber die waren halt schon gut besetzt." Eine Finte des Lehrers also - mit der sich der junge Hornist allerdings bald zu arrangieren wusste. "Wir waren rar und wurden deshalb überall hofiert." Nach dem Studium wirkte Pfaff erst mal in Orchestern mit, zunächst in Passau, dann einige Jahre bei den Münchner Symphonikern. Mit diesen habe er vor allem die Studioarbeit sehr genossen, erzählt er, auf dem Programm seien da nämlich die neusten Filmmusiken gestanden. "Sachen zu spielen, die gerade erst von John Williams komponiert worden sind, das war wahnsinnig spannend." Und gegen die Nervosität des Blattspiels habe stets ein bestimmter roter Pulli geholfen - "darin hab ich mich stark gefühlt wie Superman!"

Kultur im Landkreis: Da ist er längst angekommen im Landkreis Ebersberg: Peter Pfaff 2006 mit seiner Kapelle, der "Eichhofner Dorfmusik".

Da ist er längst angekommen im Landkreis Ebersberg: Peter Pfaff 2006 mit seiner Kapelle, der "Eichhofner Dorfmusik".

(Foto: Renate Schmidt)

Allerdings war Pfaff zu dieser Zeit bereits in den Landkreis Ebersberg gezogen, nach Obereichhofen, und als dann 1988 die hiesige Musikschule einen Leiter suchte, habe er nicht lang gezögert. "Da wusste ich: Jetzt muss ich ans Leben ran. Musik und Mensch, statt Frack und Abonnentenpublikum." Schon damals habe er den Wunsch gehabt, so Pfaff, aus der Musikschule eine gesellschaftliche Bewegung zu machen. Seiner Meinung nach nämlich sollte Bildung Hand in Hand gehen mit Kultur im weitesten Sinne, "als Summe der Ausdrucksformen einer Gemeinschaft, als ein Miteinander im Gestalten". Die Kultur, wie er sie verstehe, sei ein "nachwachsendes Lebensmittel" - das Menschen vereine, Spaltungen vorbeuge. Und im Laufe seiner Musikschuljahre hätten sich für diese Idee vielerlei Formen gefunden.

Auf besonders sinnstiftende Art sei Musik zur Inklusion geeignet, sagt Pfaff. Deswegen ist er besonders glücklich über eine Zahl: 52 Kooperationen mit Kindergärten und Schulen zählt die Ebersberger Musikschule heute. Als Pfaff sein Amt antrat, waren es null gewesen. Kooperation bedeutet in diesem Fall, dass die Angebote der Musikschule Teil des Kita- oder Schulalltags sind und deswegen alle Kinder erreichen, nicht nur ein paar wenige. 1250 Drei- bis Zehnjährige werden aktuell mit hochwertiger Musikpädagogik versorgt. Für diese neue Art der Zusammenarbeit zwischen den Institutionen hat sich Pfaff auch als Bildungsreferent für bayerische Musikschulen sowie bundesweit, im Autorenteam eines entsprechenden Bildungsplans, eingesetzt.

Als "Krisenmanager" muss der Musikschulleiter oft ringen um Raum und Geld

Doch diese konzeptionelle Arbeit war freilich nur die eine Seite der Medaille. Visionen seien etwas Wunderbares, sagt Pfaff, der Weg der Umsetzung aber oft schwer. Wenn man versuche, Strukturen für Neues zu schaffen, "entsteht eine extreme Reibung zwischen Gegenwart und Zukunft". Zumal er häufig als "Krisenmanager" um Raum und Geld habe ringen müssen - als seine schwerste Stunde bezeichnet Pfaff die Schließung des Grafinger Standorts in der Rotter Straße. "Ich war teils schon erschöpft und überfordert, was sicher leider auch den ein oder anderen zynischen Moment mit sich gebracht hat." Deswegen sei er sehr dankbar für das tolle Team, das es mit ihm ausgehalten habe. Der Austausch, die offene Diskussion und das Gefühl, starke, zugeneigte Wegbegleiter zu haben, in der Musikschule genauso wie in den Rathäusern, habe ihm immer Mut und Kraft gegeben, so der 64-Jährige.

Gerne erinnert sich Pfaff zum Beispiel zurück an eine Begegnung mit dem damaligen Moosacher Bürgermeister Rudolf Obermayr, es ging um viel Geld für weitere Musikschulangebote. Doch es hingen Regenwolken am Himmel, das Gemeindeoberhaupt saß schon auf dem Traktor, wollte raus, Heu machen. Der Musikschulleiter erkannte die Not und bot seine tatkräftige Hilfe an. Obermayr allerdings lehnte dies ab, mit dem Einwand, dass davon die Kinder ja nichts hätten - und lud Pfaff anstatt dessen auf den Beifahrersitz ein. Dort oben, auf dem Weg zum Feld, wurde der neue Vertrag schließlich besiegelt. Heute sagt Pfaff: "Das gute Gefühl, etwas zu teilen, entsteht am stärksten beim Umsetzen und Werkeln. Gerade in dieser Hinsicht wars eine schöne Zeit."

Kultur im Landkreis: 2020 verpasst sich die Ebersberger Musikschule ein neues Leitbild: Peter Pfaff mit seinem langen Weggefährten Leopold Henneberger und Nachfolger Wolfgang Ostermeier.

2020 verpasst sich die Ebersberger Musikschule ein neues Leitbild: Peter Pfaff mit seinem langen Weggefährten Leopold Henneberger und Nachfolger Wolfgang Ostermeier.

(Foto: Christian Endt)

Sorgen um sein Vermächtnis, die Musikschule, macht sich Pfaff übrigens gar keine. Schließlich übergibt er sein Amt an Wolfgang Ostermeier, der als kompetenter Stellvertreter bereits seit Jahren gut eingeführt ist. Außerdem gibt es eine neue, erfolgversprechende Struktur: Zum "Team Zukunft" gehört neben Ostermeier und seinem Stellvertreter Sebastian Maier künftig auch ein Verwaltungsleiter.

Und auch in die eigene Zukunft blickt der Neu-Ruheständler sehr gelassen. "Die Neugier und das Staunen waren schon immer mein Kompass, insofern bin ich mir sicher, dass es genügend Anlässe für Neues geben wird", sagt er. Außerdem werden viele Konstanten bleiben: die Kinder und Enkel freilich, Pfaffs Liebe zu den Bergen, zur Eichhofner Dorfmusik oder zur philosophischen Reflexion. Und auch die Idee eines jüngst ausgeschiedenen Kollegen, schon mittags im Café neben der Musikschule mal ein Glas Wein zu trinken, sei gar nicht so schlecht gewesen, sagt Pfaff und lacht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema