Umwelt in Ebersberg:Die dunkle Seite des Lichts

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Lichtverschmutzung, auch Lichtsmog, nennt man die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen, deren Licht in die Atmosphäre gestreut wird. (Foto: Christian Endt)

Künstliche Beleuchtung bringt viele Biorhythmen durcheinander - mit unabsehbaren Folgen für Pflanzen, Tiere und Menschen. Eine Sonderausstellung im Waldmuseum klärt nun darüber auf.

Von Anja Blum, Ebersberg

Dürften alle Säugetiere darüber abstimmen, ob es lieber hell oder dunkel sein soll, die Nacht würde nahezu mit Zweidrittelmehrheit gewinnen: Denn ganze 64 Prozent aller Säugetiere sind nachtaktiv. So ist es jedenfalls zu lesen in der aktuellen Sonderausstellung des Wald- und Umweltmuseums in Ebersberg, die am Samstag, 4. Mai, eröffnet wird. Sie widmet sich der Lichtverschmutzung, Untertitel "Verlust der Nacht". 2020 hatte das Museum dieses Thema schon einmal präsentiert, aber nur kurz, wegen der Pandemie. "Deswegen haben wir beschlossen, die Ausstellung mit ein paar kleinen Änderungen jetzt nochmal zu zeigen", erklärt Rudolf Schierl, Vorsitzender des Förderkreises von Museum und Umweltstation.

Die Erde bei Nacht gleicht, von oben betrachtet, einem gigantischen Lichtermeer. Von unten besehen assoziieren wir Beleuchtung mit Sicherheit und Wohlstand. Doch damit einher geht eine beunruhigende Entwicklung, nämlich die Lichtverschmutzung. Unsere Umgebung wird künstlich überbeleuchtet, wir machen die Nacht zum Tag, und zwar zunehmend. Wissenschaftliche Prognosen gehen für Europa von einer Steigerung der Lichtverschmutzung um sechs Prozent jährlich aus. Und das hat Folgen. Für alle Pflanzen, Tiere und Menschen.

Insekten sind besonders von der Lichtverschmutzung betroffen. (Foto: Christian Endt)

Im Untergeschoss des Museums findet der Besucher zahlreiche Tafeln mit Bildern, Diagrammen und kleinen Texten über künstliches Licht und seine Auswirkungen. Diese seien allgegenwärtig, weil alle Organismen biologischen Rhythmen folgten, und zwar auf allen Ebenen, von den Genen bis zum Verhalten. Und unnatürliche Beleuchtung eben diese Rhythmen aus dem Takt bringe.

Beim Menschen etwa steigere eine gute Synchronisation der sogenannten inneren Uhr mit dem Tag-Nacht-Wechsel die Schlafqualität, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Andernfalls drohe Ungemach wie Bluthochdruck, Migräne oder Depressionen, heißt in der Ausstellung. Doch man könne schon mit einfachen Mitteln gegensteuern, erklärt Schierl, "man sollte zum Beispiel zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr länger auf einen Bildschirm schauen". Deren blaues Licht nämlich sei erwiesenermaßen schädlich - und die wenigsten wüssten, dass jedes Handy eine Filterfunktion dafür habe.

Rudolf Schierl, Vorsitzender des Fördervereins, führt durch die neue Sonderausstellung, (Foto: Christian Endt)

Der regelmäßige Wechsel von Licht und Dunkelheit gehört zu den wichtigsten Signalen für die Steuerung biologischer Vorgänge, gerade weil die Länge eines Tages ja auch Aufschluss gibt über die jeweilige Jahreszeit. Nahrungssuche, Ruhezeiten, Balz, Fortpflanzung, Wachstum und Winterruhe: Viele Prozesse hängen davon ab. Unter den Störungen durch künstliche Beleuchtung leiden laut der Ausstellung besonders Insekten, Vögel und Fledermäuse.

Abermillionen Falter und Käfer lassen sich durch Licht abhalten von Nahrungssuche, Blütenbestäubung, Paarung oder Eiablage und verausgaben sich stattdessen beim Umkreisen von Laternen zu Tode. Darunter auch bedrohte Arten wie die Graslilien-Eule, der Braune Bär oder das Blaue Ordensband. Alleine dadurch trägt die Lichtverschmutzung erheblich bei zum Artensterben. Nicht vergessen werden darf aber, dass die Insekten dann auch als Bestäuber und Nahrungsquelle für andere Arten fehlen und es deshalb zu Verschiebungen in ganzen Ökosystemen kommen kann. "Und das Problem ist, dass wir nicht genau wissen, wo die jeweiligen Kipppunkte liegen", sagt Ursula Kunz vom Förderverein. "Deswegen sollten wir am besten keine einzige Art mehr ganz verlieren."

Ursula Kunz erklärt, warum beleuchtete Kirchentürme ein Problem für Fledermäuse sind. (Foto: Christian Endt)

Ein besonderes Problem haben auch Fledermäuse: Sie nisten oft in Dachstühlen alter Gebäude, Kirchtürme zum Beispiel, deren Fassaden bei Dunkelheit angestrahlt werden. "So lange dies der Fall ist, verlassen die Tiere aber ihren Schutzraum nicht zum Jagen", erklärt Kunz. Das schränke die Futtersuche erheblich ein.

Hinzu kommt: Je heller es auf der Erde strahlt, desto dunkler erscheint der Himmel, weil das künstliche Licht in die Atmosphäre streut. Das hat unter anderem zur Folge, dass Zugvögel, die sich auch nach den Sternen richten, oftmals die Orientierung verlieren.

Diese Schaubild verdeutlicht, wie eine Straße umweltschonend beleuchtet werden kann. (Foto: Christian Endt)

Ziel der Ausstellung im Waldmuseum ist aber nicht nur, die negativen Auswirkungen der Lichtverschmutzung zu zeigen. Sie bietet auch Tipps, wie die Gesellschaft in dieser Hinsicht umweltfreundlicher leben kann. "Denn die gute Nachricht ist: Das Problem lässt sich lösen, wenn man künstliches Licht optimiert und mit Vernunft einsetzt", sagt Schierl. Wichtig seien dabei vor allem drei Aspekte: die Beleuchtung gezielt nach unten zu richten, auf eine warme Farbe (2700 bis 3000 Kelvin) zu achten und das Licht nicht länger brennen zu lassen als unbedingt nötig, etwa dank eines Bewegungsmelders oder einer Zeitschaltuhr.

Dieser Appell der Ausstellung richtet sich übrigens an Kommunen genauso wie an private Hausbesitzer. "Wieso muss man denn seine Sträucher im Garten von unten anstrahlen? Oder künstliche Monde in die Wiese legen?", sagt Kunz und schüttelt den Kopf.

"Lichtverschmutzung - Verlust der Nacht": Ausstellung im Museum Wald- und Umwelt in Ebersberg, geöffnet samstags, sonn- und feiertags von 12 bis 17 Uhr. An Allerheiligen sowie am 24., 25. und 31. Dezember bleibt das Museum geschlossen. Die Sonderausstellung endet am 26. Januar 2025. Infos zum Begleitprogramm, unter anderem in Kooperation mit der Sternwarte in Forstinning, sind zu finden unter www.museumwaldundumwelt.de .

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