bedeckt München 23°

Busfahrerin des Jahres:Vom roten Tuch zum Liebling

Bei der Aktion "Busfahrer des Jahres" erhält Astrid Drehlich aus Markt Schwaben die meisten Stimmen aus dem Landkreis. Ihr ist der persönliche Kontakt zu den Fahrgästen wichtig.

Von Christian Krügel und Isabel Meixner

Die Fahrgäste im Landkreis Ebersberg haben ihre Busfahrerin des Jahres gewählt: Astrid Drehlich aus Markt Schwaben. Die 39-Jährige fährt auf den Linienstrecken rund um Poing, Ebersberg, Pliening, Markt Schwaben und Vaterstetten. Der Münchner Verkehrsverbund (MVV) und die Süddeutsche Zeitung hatten zum ersten Mal dazu aufgerufen, die besten Busfahrer zu küren. MVV-Geschäftsführer Alexander Freitag nennt die Aktion einen "vollen Erfolg": Endlich sei der schwierige Beruf des Busfahrers "in den Mittelpunkt gerückt" worden, was auch der steigenden Bedeutung des Busverkehrs in der Region gerecht werde - mit dem der MVV in den nächsten Jahren große Pläne habe.

Rund 700 Fahrgäste haben sich an der Wahl zum Busfahrer des Jahres beteiligt: Sie konnten besonders rücksichtsvolle und kundenfreundliche Fahrer auf allen Linien außerhalb der Stadt München vorschlagen. Eine Jury aus Vertretern von MVV und SZ sowie Stefan Hofmeir, Vorsitzender des Fahrgastbeirates im MVV, kürten daraus die Landkreissieger. Dabei spielte nicht nur die Zahl der Einsendungen eine Rolle, sondern auch die Begründungen. Besonders die Freundlichkeit gegenüber Kindern, Senioren und Ortsunkundigen zählte, aber auch Fahrstil und Pünktlichkeit. "Die meisten unterschätzen, wie anspruchsvoll der Beruf des Busfahrers ist", sagt MVV-Chef Freitag. Sie müssten nicht nur sicher und pünktlich fahren, sondern seien auch Ansprechpartner für die Kunden in allen Situationen - von der Fahrplan- bis zur Tarifauskunft. "Die allermeisten bringen jeden Tag eine tolle Leistung", sagt Freitag.

Als Astrid Drehlich noch gar nicht erfahren hatte, dass sie die Aktion "Busfahrer des Jahres" von MVV und SZ gewonnen hat, plauderte einer ihrer Fahrgäste fast die Überraschung aus. "Ich weiß etwas, was du nicht weißt", scherzte er. "Ich habe gewonnen, und du auch." Der Mann ist einer von drei Lesern, die den Mitmachpreis gewonnen haben. Das konnte sich Astrid Drehlich vorstellen; dass sie aber wirklich die meisten Stimmen als Busfahrerin im Landkreis Ebersberg erhalten hatte, dagegen nicht. Als sie nach ihrer Schicht ihren Bus beim Busunternehmen Larcher abstellte, überraschte sie ihr Chef mit der Nachricht. "Ich habe mich richtig gefreut", sagt Drehlich.

Seit zwölf Jahren ist die Markt Schwabenerin Busfahrerin. 2011 zog sie von Niedersachsen in den Landkreis. Dass sie einmal "Busfahrerin des Jahres" werden würde, hätte sie vor drei Jahren wohl nicht gedacht. Eine ältere Frau sei "nicht begeistert gewesen, dass ich in Poing fahre". Die Dame rief ein paar Mal bei Drehlichs Chef an und beschwerte sich. "Ich war ein rotes Tuch", sagt Astrid Drehlich. Zweimal sei sie zu spät gekommen, einmal davon stand sie nach einem Unfall im Stau, und eine Rolle bei der Beschwerde habe wohl auch gespielt, dass sie im Landkreis eine der ersten Frauen am Steuer eines Busses war, vermutet Drehlich. Vor zwei Monaten dann aber ein Moment, der die 39-Jährige rührte: Als der Bus leer war, kam die alte Frau zu ihr vor und entschuldigte sich.

Seit zwölf Jahren ist Astrid Drehlich aus Markt Schwaben als Busfahrerin unterwegs. Ihr Motto: "Man darf nichts Privates mit in die Arbeit nehmen."

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Drehlich ist der persönliche Kontakt zu ihren Fahrgästen wichtig. Die meisten kennt sie, ratscht mit ihnen, spricht sie an, wenn sie merkt, dass jemand traurig oder schlecht gelaunt wirkt. Am liebsten hat sie es, wenn der Bus voll ist. Wobei, gibt sie zu: "Eine halbe Stunde mal Durchatmen ist auch okay." Natürlich kommt es auch bei der dreifachen Mutter einmal vor, dass sie sich nicht in Bestlaune zur Arbeit aufmacht. Ihr Mittel dagegen: Musik im Auto hören. "Man darf nichts Privates mit in die Arbeit nehmen", sagt sie. Und sich auch nicht stressen lassen: Manchmal fährt Drehlich auch Schulbusse. Im Gegensatz zu anderen Kollegen findet sie das nicht anstrengend - im Gegenteil: "Das sind keine Schichtdienste. Früher bin ich nur Schulbusse gefahren." Über die Weihnachtsfeiertage konnte sie in Ruhe mit ihrer Familie feiern. Von Anfang Januar an wird sie dann wieder auf den Strecken im Landkreis unterwegs sein. Ihre Lieblingsroute? "Habe ich nicht", sagt sie. Wobei: "Am liebsten fahre ich direkt in Markt Schwaben." Der Grund: "Ich wohne da."

Kompetente Busfahrer wie Astrid Drehlich werden die Busunternehmen in Zukunft viele brauchen. Den der MVV möchte gerne das Angebot an Buslinien deutlich ausbauen. "Der Busverkehr hat eine wichtige Zubringerfunktion zur S-Bahn. Aber darüber hinaus wird es immer mehr eigenständige Busstrecken und Tangentiallinien geben müssen, wenn wir den öffentlichen Nahverkehr in der Region attraktiv halten wollen", sagt Freitag. Seit der Neuordnung des MVV im Jahr 1996 sei die Zahl der gefahrenen Kilometer bereits von 17 auf mehr als 30 Millionen gestiegen. Allein im Landkreis München habe es im abgelaufenen Jahr 26 Prozent mehr Leistungen im Busverkehr gegeben.

Diesen Trend möchte Freitag fortsetzen. Er setzt auf mehr Tangentialverbindungen in der Region, also Strecken, die nicht parallel zu Schienentrassen laufen, sondern nur Verknüpfungen schaffen, etwa zwischen zwei Kreisstädten, zu U-Bahnhöfen in der Münchner Peripherie oder zwischen zwei S-Bahnästen. Dafür gibt es einen Arbeitskreis im MVV, und Freitag kann sich vorstellen, in diesem Bereich auch mehr nach dem Versuch- und Irrtums-Prinzip zu arbeiten. "Bei Buslinien haben wir keine ellenlangen Vorlaufzeiten wie beim Schienenverkehr. Im Grunde können wir zu jedem Fahrplanwechsel neue Linien ins Programm nehmen und sie auch wieder kurzfristig stilllegen, wenn sie sich doch nicht rentieren", sagt Freitag.

Sein Ziel sei es, zwei bis drei zusätzliche Tangentiallinien pro Fahrplanwechsel einzuführen. Zudem arbeiten MVV und Landkreise in einem eigenen Arbeitskreis an der Weiterentwicklung des Busverkehrs. So soll definiert werden, was etwa Schnellbusse leisten können müssen, wie viele Haltestellen wirklich nötig sind, mit welchen Antrieben und Fahrzeugen künftig gefahren werden soll und welche neue Chancen etwa der Einsatz von Elektromotoren dabei bietet. "Wir haben Potenziale an zusätzlichen Fahrgästen, die wir mit attraktivem Busverkehr schneller und günstiger heben können als mit jedem anderen Verkehrsmittel", sagt Freitag. Vorausgesetzt, es gibt genügend qualifizierte Busfahrer.

© SZ vom 29.12.2014
Zur SZ-Startseite