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Ebersberg:Mit 19 ist der Tod ihr alltäglicher Begleiter

"Da liegt ein Patient im Sterben und sieht lauter Menschen in voller Schutzkleidung vor sich." Sara Brandl erlebt in ihrer Ausbildung Extremsituationen.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Viel zu warm. Und viel zu wenig Luft. Es gab einige Male in diesem Corona-Jahr, in denen Sara Brandl an ihrem Limit angelangt war, wie sie sagt. Arbeiten unter Corona-Bedingungen: FFP2-Maske, Schutzbrille, Handschuhe, Schutzkittel. Bislang musste die Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin im zweiten Lehrjahr noch nie eine gesamte Schicht von acht Stunden in dieser Vollmontur arbeiten. Aber wer Brandl zuhört, dem wird klar, dass es das nicht braucht, um an die Belastungsgrenze zu kommen. Den Punkt, der bei ihren Ausführungen am deutlichsten wird, beschreibt die 19-Jährige aus dem Landkreis Rosenheim wie folgt: "Die Nähe ist verschwunden, es geht alles nur noch auf Distanz."

Obwohl Brandl noch nicht einmal 20 Jahre alt ist, weiß sie sehr genau, von was sie spricht - denn sie bringt Erfahrung mit und dadurch Vergleichsmöglichkeiten: Vor ihrer momentanen Ausbildung an der Ebersberger Kreisklinik hat sie einen Bundesfreiwilligendienst im Gesundheitswesen sowie eine zweijährige Ausbildung zur Krankenpflegehelferin absolviert. Sie arbeitet also seit mehr als vier Jahren in der Pflege. Wenn die 19-Jährige von einer Distanz spricht, die seit dem Frühjahr ihre Ausbildung begleitet, dann beinhaltet das drei verschiedene Aspekte.

Da ist erstens die Distanz zum Patienten oder zur Patientin. Eineinhalb Meter müssen immer eingehalten werden. Ist das nicht möglich, etwa bei der Körperpflege, dann kommt die komplette Schutzmontur mit FFP2-Maske, Handschuhe und Co zum Einsatz. Bei so viel Abstand oder Kleidungsschichten sei es schwer, den sozialen Aspekt ihrer Arbeit nicht zu kurz kommen zu lassen. "Mir tun die Leute einfach auch leid", sagt Brandl. "Da liegt ein Patient im Sterben, und dann sieht er lauter Menschen in voller Schutzkleidung vor sich." Aber die 19-Jährige betont, dass es nun einmal notwendig sei - so traurig sie das auch mache.

Die Distanz beinhaltet, und das ist der zweite Aspekt, darüber hinaus die räumliche Entfernung zu den Mitschülerinnen und -schülern ihrer Klasse an der Pflegefachschule. Bis vergangene Woche galt ein sogenannter halber Präsenzunterricht, wie Brandl sagt: Die eine Hälfte der Klasse kam in den Unterricht, die andere verfolgte ihn digital von zu Hause aus. Die letzten eineinhalb Wochen vor den Weihnachtsferien gab es für die gesamte Klasse Online-Unterricht. "Mir macht das keinen Spaß", sagt Brandl. Das Online-Tool ermögliche keinen Sichtkontakt zum Rest der Klasse. Darüber hinaus fehlen täglich einige Auszubildende, weil es Probleme mit der Internetverbindung gibt.

Und der dritte Aspekt der Distanz betrifft den Abstand zu Kolleginnen und Kollegen. Als im Frühjahr die erste Corona-Welle ins Rollen geriet, war sie erst wenige Tage auf einer Station eingesetzt, als diese dann geschlossen wurde. Sie wechselte in die Gynäkologie. Aufgrund des kurzfristigen Wechsels sei niemand im Team ausreichend auf ihre Betreuung und Anleitung vorbereitet gewesen. Eine Woche dauerte es deshalb, bis sie einen Dienstplan hatte, anhand dessen sie zumindest ein bisschen ihre Arbeitszeiten planen konnte - aber nicht lange. Denn nach vier Wochen wurde sie wieder einer anderen Station zugewiesen.

Kaum möglich, irgendwo anzukommen, wenn man schon wieder weg müsse, so Brandl. Die 19-Jährige betont, dass die Pflege zu diesen besonderen Zeiten aber nicht anders funktionieren könne. Ob sie mal ans Aufhören gedacht hat? "Nein", sagt sie. "Nie."

© SZ vom 19.12.2020/koei
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