Außergewöhnliches Engagement:Kunst aus dem Dschungel - für den Dschungel

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"Thanks for being our friends": Silvia Peplinski und Markus Hangen mit ihren Töchtern Hanna und Paula zu Besuch bei Madi (Zweiter von links). (Foto: privat)

Eine Ebersberger Familie lernt in Malaysia den Künstler "Madi" kennen, der sich unermüdlich für den Erhalt des Regenwalds einsetzt. Nun stellt er in der Kreisstadt aus.

Von Anja Blum, Ebersberg

Feine Pinselstriche gegen grobe Macheten: Mit Kunst den Dschungel vor seiner Haustür zu retten - das ist das Anliegen des malaysischen Künstlers Madi. Eine Ebersberger Familie hat in seinem "Art-Garden" eine bereichernde Zeit erlebt - und nun umgekehrt Madi nach Ebersberg eingeladen. Wer ihm und seinen Werken begegnen möchte, hat bei einer Ausstellung reichlich Gelegenheit dazu.

Etwa ein Jahr ist es her, dass Silvia Peplinski und Markus Hangen während der Elternzeit ein Sabbatical in Asien verbracht haben. Mit dabei: ihre beiden Töchter, damals acht Monate und drei Jahre alt. "Wir sind viel am Strand und in Hotels gewesen", erzählt Peplinski, "hatten dann aber bald das Bedürfnis nach anderen Eindrücken und nach einer sinnvollen Tätigkeit." Über eine Webseite, die Freiwillige vermittelt, stießen sie auf Madi, der mit bürgerlichem Namen Mohamad Ismadi bin Sallehudin heißt, und dessen Art-Garden.

Der malaysische Künstler Madi mit einem seiner "Helden". (Foto: Christian Endt)

Das Gelände, eine Art Camp, befindet sich etwa eineinhalb Stunden entfernt von der Hauptstadt Kuala Lumpur und liegt am Rande des Regenwaldes in dem Dorf Ulu Dong. Freiwillige aus aller Welt kommen dort zusammen, helfen im Garten und sind mit Madis Unterstützung kreativ tätig. Seit 2018, als er sein Refugium über die sozialen Medien international bekannt gemacht habe, seien insgesamt etwa 520 Gäste dagewesen, erzählt der 53-Jährige nicht ohne Stolz. "Es ist ganz unkompliziert: Jeder kann kommen." Jederzeit und kostenlos.

Peplinski bestätigt das und erzählt: "Die Freiwilligen gehen zum Beispiel in den Urwald, beobachten und skizzieren Pflanzen und sammeln Naturmaterialien, die sie dann zu Skulpturen verarbeiten." Es werde zusammen gearbeitet, gekocht und abends gesungen, täglich kämen Besucher aus der Umgebung, man tausche sich viel aus über Lebensweisen, Kunst, Musik und andere Erfahrungen. "Es ist ein ziemlich buntes Miteinander, ein Kommen und Gehen." Außerdem biete Madi immer wieder Ausflüge zu besonderen Orten an. Ihre Familie etwa habe ein indigenes Dorf besuchen dürfen.

Das malaysische Dorf ist überschattet vom Raubbau am Regenwald

Das Camp an sich sei sehr einfach, berichtet Peplinski. Es gebe quasi keine festen Behausungen, die Gemeinschaftsräume wie Küche oder Werkstätten seien lediglich überdacht, die Besucher schliefen in Zelten. "Gleich am Garten verläuft ein Fluss, wo ich mit den Kindern baden konnte." Gewöhnungsbedürftig seien aber die vielen Insekten und Tiere dort gewesen, von Moskitos bis zu Schlangen. "Eines Abends kam sogar eine Affenfamilie und hat uns aus dem Regenwald heraus beobachtet. Es fühlte sich an, als wären wir diejenigen, die im Zoo ausgestellt wären - und nicht andersrum."

Klingt paradiesisch? Nicht ganz. Denn das Dorf ist überschattet vom Raubbau am Regenwald und der Angst vor Überflutungen. Laut Madi verkaufen viele Menschen in Malaysia ihr Land an Firmen, die für den chinesischen Markt die süßen, stinkenden Durianfrüchte produzieren. "Diese Farmen liegen wie Schneisen im Regenwald - und es ist ziemlich klar, dass das so kultivierte Land keinen Monsunregen mehr aufnehmen kann", erklärt Pelinski.

Weil er unbequeme Fragen stellt, landet Madi in Untersuchungshaft

Einen Tag nach Abreise der Ebersberger Familie kam es zu heftigen Regenfällen, der Fluss trat über die Ufer, das Camp wurde überflutet, die Strom- und die Wasserversorgung waren gekappt. "Ich fühlte mich wahnsinnig hilflos und in Sorge um Madi", erzählt Peplinski. "Da ist für uns spürbar geworden, in welcher Not die Menschen dort sind, und wie machtlos den Strukturen des globalen Kapitalismus unterworfen."

Madi wiederum versucht unermüdlich, mit seiner Kunst auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Laut Peplinski ist er in Malaysia recht bekannt, hat in Kuala Lumpur Kunst studiert, an einer Art Asiatischer Biennale teilgenommen und schon in Europa ausgestellt. Doch diese Popularität habe ihn nun nicht davor bewahrt, ein paar Tage in Untersuchungshaft zu landen - wegen zu unbequemer Fragen an die in seinen Augen Verantwortlichen. Deswegen setzt der malaysische Künstler jetzt darauf, dass seine freiwilligen Helfer das Problem international bekannt machen. "Um den Regenwald zu schützen, brauche ich Hilfe aus dem Ausland", sagt er.

Seine Keramiken aus Ton nennt Madi "eine Bande aus Helden", die den Kampf um ein gutes Leben nicht aufgeben und die Hoffnung nicht verlieren. (Foto: Christian Endt)

So entstand in Ebersberg die Idee, Madi nach Deutschland einzuladen. "Wir sind zutiefst dankbar für die Erfahrungen, die wir in Malaysia machen durften", sagt Silvia Peplinski, "dieser Kulturaustausch hat uns total verändert." Ein fremder Blick auf das eigene Leben sei stets für beide Seiten ein Gewinn. Deswegen wolle ihre Familie nun vielen anderen Menschen eine Begegnung mit Madi ermöglichen und habe privat einen Besuch organisiert. In Berlin, wohin Peplinski enge Beziehungen pflegt, hat bereits eine Ausstellung stattgefunden, in Ebersberg ist es am kommenden Wochenende so weit.

Die Schau im Studio an der Rampe wird den Titel "Natur-Dialoge" tragen, denn Madis Kunst beschäftigt sich viel mit der Verbindung zwischen Umwelt und Mensch. Insbesondere mit dem Regenwald sowie dem Spannungsfeld zwischen der traditionellen und der modernen malaysischen Gesellschaft. Rund 40 Werke hat der Künstler mitgebracht, Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, das meiste ist gerade erst entstanden. Ja, die Ausstellungen in Deutschland seien für ihn ein großer Ansporn gewesen, sagt Madi und lacht.

Dieses Bild zeigt, wie Madi sich fühlt: Wer so mutig sei, zu protestieren oder die Wahrheit herauszuschreien, werde ein noch elenderes Leben führen, so seine Prophezeiung. (Foto: Christian Endt)

Oft geht es in seiner Kunst um die Umwelt, aber es gibt auch viele Querverbindungen zu Geschichte, Handwerk, Sprache oder Musik. Er interessiere sich sehr für Pablo Picasso, erzählt Madi, besonders möge er dessen Werk "Guernica", ein Gemälde, das 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der spanischen Stadt Guernica durch einen Luftangriff entstand. "Manchmal sehe ich Parallelen zwischen seiner Arbeit und meiner", sagt Madi und lächelt.

Der malaysische Künstler analysiert menschliche Verhaltensweisen, vor allem jene, die nicht so rühmlich sind, etwa die Gier, Bequemlichkeit oder Angst, aber auch das Lügen und Lästern. Für seine oft starken, gesellschaftskritischen Aussagen nutzt er sehr unterschiedliche Materialien und Techniken, mixt Fotos mit Malerei, Schrift oder Zeichnung. Düster und teils ziemlich martialisch kommen Madis Werke daher. Man sieht Menschen, Waffen, Tiere, Holzfragmente, aber auch Fantasiewesen und Karikaturen.

Ein archaisches Instrument oder doch eine Waffe? Als Europäer weiß man das nicht so genau. (Foto: Christian Endt)

Für Europäer aber ist die Bildsprache des Malaysiers oftmals nicht so leicht zu entschlüsseln. "Selbst wenn man dort war, hat man höchstens eine Ahnung davon", sagt Peplinski. Deswegen hätten sie für die Ausstellung zu allen Werken deutsche Erläuterungen erarbeitet. Das Gemälde "When I forgot the lyric" zum Beispiel zeigt laut Madi eine Geige und handelt vom Leben auf dem Land, vom dörflichen, familiären Lebensstil, den er liebt. Die stundenlangen Gespräche im Café über sämtliche persönlichen Angelegenheiten anderer Leute allerdings seien nicht so sein Fall, sagt er.

Doch nicht nur um Gemeinschaft, auch um Ängste geht es immer wieder. Eines dieser Werke zeigt einen Affen, der davon träumt, wie schön und vor allem sicher ein Leben als Tiger wäre, als König des Dschungels. Laut Madi dringen Affen zunehmend in das Dorf ein, weil sie wegen der Rodungen anderswo keine Nahrung finden. "Leider sterben viele dieser Affen, weil sie gefangen, vergiftet oder erschossen werden." Unterhalb des Affen befinde sich ein Abschnitt aus dem chinesischen Kalender, der das Kommen eines besseren Tages darstelle. "Also lasst uns tun, was wir können, während wir auf diesen Tag warten."

"Ich wünschte, ich könnte ein Tiger sein!" So hat Madi dieses Werk getauft. An der Seite steht: "Keep calm and relax". (Foto: Christian Endt)

Viele Bilder sind auch sehr persönlich. Zum Beispiel, indem sie jene Schwierigkeiten beschreiben, die auftreten können, wenn man sich wie Madi dazu entschließt, der Masse an Menschen, die aus Bequemlichkeit und wegen scheinbar kurzfristiger Vorteile den richtigen Weg verlassen haben, nicht mehr zu folgen. Auch aus seinen Selbstzweifeln macht der Künstler keinen Hehl. "Kuh oder Pferd? Malaysier oder Ausländer? So frage ich mich oft, wer ich wirklich bin."

"Manchmal ist es besser, alleine zu gehen", so heißt dieses Werk. (Foto: Christian Endt)

Um möglichst viele verschiedene Menschen aus Ebersberg anzusprechen, haben Silvia Peplinski und ihr Mann rund um die Ausstellung diverse Angebote geplant. Eine Kunst-Aktion für Kinder, ein Konzert mit Gitarre und Naturmantras sowie eine Gesprächsrunde. Der Erlös aus möglichen Verkäufen soll weitere Kunst-Umwelt-Projekte in Ulu Dong ermöglichen. Madi plant derzeit einen Skulpturenweg im Dschungel, eine Art Bannkreis, der einen geschützten Bereich abstecken soll. "Vielleicht können die Ebersberger den malaysischen Dorfbewohnern helfen, über die Kunst neue Wege zu finden, wie sie sich vor der Ausbeutung schützen können", so Peplinskis Hoffnung.

"Natur-Dialoge": Ausstellung von Madi im Studio an der Rampe, Galerie des Ebersberger Kunstvereins im Klosterbauhof. Eröffnung mit Künstlergespräch am Donnerstag, 21. März, 18 bis 20 Uhr. Freitag, 22. März, 18 bis 20 Uhr: Kunst und Psychoanalyse im Dialog. Samstag, 23. März, 17 bis 20 Uhr: musikalische Begleitung. Sonntag, 24. März, 11 bis 13 Uhr: Finissage mit Kinder-Kunst-Aktion.

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