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In Zeiten von Corona:Ebersberger Buchhändler geben Tipps gegen Langeweile

Am 23. April ist "Welttag des Buches". Doch keiner weiß, ob die Buchhandlungen im Landkreis dann schon wieder geöffnet haben dürfen.

(Foto: Christian Endt)

Alle Buchhandlungen sind geschlossen. Die Inhaber im Landkreis Ebersberg wollen die "geistige Grundversorgung" trotzdem nicht abreißen lassen.

Gundversorgung. Systemrelevante Betriebe. Begriffe, die jedem aktuell so gewandt über die Lippen gehen wie Hund, Katze, Maus. Also: Was ist absolut notwendig, damit eine Gesellschaft überleben kann? Klar: Essen. Medizinische Versorgung. Wasser. Strom. Polizei auch, um einzuschreiten, wenn die Menschen in ihrer Panik den Kopf verlieren. Ach ja, apropos Haupt(haar): Friseure braucht man, das haben wir gelernt, auf jeden Fall. Ebenso wie Baumärkte. Bordelle nicht. Und auch keine Büchereien oder Buchläden.

Eigentlich ein Unding, findet nicht nur Elke Knitter vom Buchladen Poing, die meint, es lasse sich sicher diskutieren, inwieweit Optiker und Hörgeräteakustiker nötiger seien als ein Ort, an dem es Bücher gibt: "Sind wir nicht für die geistige Grundversorgung zuständig?" Auch Sebastian Otter, Inhaber des gleichnamigen Buchladens in Ebersberg, sieht sich als in der Verantwortung für die "literarische Grundversorgung". Und der "Börsenverein des Deutschen Buchhandels" vermeldet, mit der Bundes- sowie den Länderregierungen in Kontakt zu stehen, um "Buchhandlungen nach Möglichkeit aus Ladenschließungsverordnungen auszunehmen".

Doch nach aktuellem Stand der Dinge sind die Geschäfte erst einmal dicht, zum Glück nicht, ohne den Besitzern in den letzten drei bis vier Arbeitstagen noch einen ordentlichen Umsatzanstieg zu bescheren - einigermaßen unerwartet für manche nach der teilweise recht verhaltenen Nachfrage in den zwei Wochen davor.

Was die Leute gekauft haben? "Alles Mögliche querbeet, in erster Linie zum Abtauchen", sagt Catherina Slawik von der Grafinger Bücherstube. Sie hat sich bemüht, den Kundinnen und Kunden eine Auswahl an leichter Lektüre auf einem Tischchen zu präsentierten, ein Angebot, das gerne angenommen wurde. Hedwig Wobken vom Kirchseeoner Buchladen nennt als erstes Vorlese-, Rätsel- und Beschäftigungsbücher. "Am Samstag kamen noch die Eltern, am Montag dann die Kinder selbst." In der kinderreichen Gemeinde Poing wiederum steht das Segment Kinder- und Jugendbuch ohnehin im Vordergrund. So ist es kaum verwunderlich, dass bei Knitter viele Bilder- und Vorlesebücher, außerdem Rätselhefte und Stickeralben über den Ladentisch gingen. "Die Eltern kriegen die Krise bei der Vorstellung, ihre Kinder fünf Wochen daheim zu haben. In der zweiten Welle haben sie dann für sich selbst Krimis und leichtere Belletristik erworben."

Einzig in Ebersberg scheint der Fokus auf Unterrichtsmaterial zu liegen, zumindest gibt Otter zu Protokoll, dass bei ihm neben Jugendbüchern vor allem Schullektüre nachgefragt worden sei. Außerdem denkt man an irgendeiner Schule im Landkreis offenbar schon an die Zeit "danach", zumindest könnte man das im Hinblick auf die Bestellzahlen des Jugendtheaterstücks "Creeps" annehmen.

Doch was machen jene Menschen, für die die Schließung der Buchläden genauso überraschend kam wie jedes Jahr das Weihnachtsfest, weswegen sie sich nicht rechtzeitig mit Lesestoff bevorratet haben? Kein Problem. Denn nur weil ihre Ladentüren zugesperrt sind, hören die fleißigen Buchhändler noch lange nicht auf, zu arbeiten. Bei allen Befragten wird man weiterhin telefonisch oder per Mail Lese-Nachschub ordern können. Ausgeliefert wird dann persönlich (das versichern Otter und Wobken) oder, wie Slawik ankündigt: "Nach individueller Vereinbarung und natürlich konform mit den geltenden Verordnungen." Die sich allerdings, wie dieser Tage bundesweit zu erleben ist, stündlich ändern können.

Wobken weiß, dass viele Kollegen das so handhaben wollen und freut sich sowohl über das Mitgefühl der Kunden als auch über die Solidarität unter den Buchhändlern: "Manche schauen bei der Buchlieferung sogar noch im Supermarkt vorbei und bringen der oft älteren Kundschaft gegen eine geringe Aufwandsentschädigung von dort noch etwas mit."

Auch die schon bisher 24 Stunden geöffnete, elektronische Präsenz der verschiedenen Buchhändler steht allen Leseratten und Bücherwürmern natürlich nach wie vor zur Verfügung. Wie rund 800 andere Fachgeschäfte besitzen die vier Befragten einen "Genialokal"-Onlineshop. "Dieses Angebot ist wichtig, um überhaupt gegen Amazon bestehen zu können.", so Wobken. Allerdings erläutert Knitter, die auf die Möglichkeit eines Onlineshops natürlich ebenfalls nicht verzichten wollte: "Wer sich die Ware per Post nach Hause liefern lässt, unterstützt in erster Linie den Großhandel." Sie plädiert daher dafür, lieber doch den direkten Weg über den örtlichen Buchhandel zu gehen, wem dessen Stärkung und der Erhalt wichtig sei. Aktuell freut sich die studierte Germanistin vor allem über die mit dem Kreisverwaltungsreferat getroffene Regelung zum Wohle der Schülerinnen und Schüler: "Ich und mein Team dürfen ja nach wie vor den Laden betreten. Dort wird künftig morgens die Ware ausgepackt und auf die einzelnen Bestellungen unter Beachtung höchster Hygieneregeln verteilt. Ohne persönlichen Kontakt kann die Kundschaft dann zwischen 10 und 12 Uhr morgens das Gewünschte vor dem heruntergelassenen Rolltor in Empfang nehmen - entweder gegen Bezahlung per Pay-Pal oder möglichst abgezähltem Betrag in einem Umschlag.

Egal, welche Wege die potenziellen Buchkäuferinnen und -käufer gehen - sie verbessern dadurch nicht nur das Klima in den Familien, sondern, zumindest zu einem kleinen Teil, die Lage der Selbständigen im Literaturbetrieb. Zwar ist ein Rettungsschirm angekündigt, aber noch niemand weiß, auf welcher Basis dieser berechnet werden soll und ob sich damit problemlos Mieter und Gehälter finanzieren lassen. Vor allem, wenn noch unklar ist, wie lange die Zwangsschließung andauern wird. Als "große Übung für die ganze Gesellschaft" bezeichnet Slawik die aktuelle Situation und gibt offen zu: "Ich bin ganz schön durch den Wind. Keiner weiß, wie es weitergeht. Bei mir sind Zahlungen fällig, wahrscheinlich muss ich Bestellungen stornieren." Wobken hingegen hat die Ware schon geliefert bekommen, die sie im Hinblick aufs Ostergeschäft und den dann folgenden Welttag des Buches bestellt hat. Aber sie will sich nicht unterkriegen lassen: "Ich werde meinen Laden auf Vordermann bringen und natürlich weiterhin für die Kundschaft da sein." Otter wiederum meint auf die Frage danach, wie er die nächsten Wochen zubringen wird: "Neben dem Bücherausfahren habe ich ein Kind, das beschäftigt werden muss. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass mein Garten ,Juhu' schreit."

Was alle vier Literaturliebhaber außerdem tun werden: Ihre ganz persönlichen "SuB" (Stapel ungelesener Bücher) abbauen - sofern sie sich neben ihren wirtschaftlichen Sorgen darauf konzentrieren können. Und für alle SZ-Leserinnen und Leser, denen der Lesestoff schon ausgegangen sein sollte, haben die Experten wertvolle Buchtipps, die auf dieser Seite vorgestellt werden.

© SZ vom 20.03.2020/aju
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