Unsereins resigniert ja recht schnell angesichts der vielen Unannehmlichkeiten, die einem die Bahn manchmal so bereitet. Die Ebersberger Störche allerdings haben sich davon nicht beirren lassen. Nachdem der Schienenkonzern ihr Nest auf einem Strommast hatte entfernen lassen, fingen die beiden Vögel gleich wieder an, an selber Stelle erneut einen Horst zu bauen. Unermüdlich fliegen sie den Brutplatz an. Erst mit etwas dickeren Ästen im Schnabel, für die Stabilität, dann mit dünneren. Schließlich soll es der Nachwuchs auch bequem haben.
Von Frust über die Zerstörung des Nestes also keine Spur? Storchenfachmann Richard Straub vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) wundert diese Beharrlichkeit der beiden Tiere überhaupt nicht: „Störche sind sehr stur. Auf diesem Mast hatten sie schon einmal einen guten Bruterfolg, deshalb ist es aus ihrer Sicht ein guter Platz.“
Das wussten offensichtlich auch die Verantwortlichen bei der Deutschen Bahn und schickten an diesem Freitagvormittag erneut zwei Mitarbeiter nach Langwied, um den recht weit fortgeschrittenen, neuen Storchenbau erneut zerstören zu lassen. Dieses Vorhaben aber entging den Anwohnerinnen und Anwohnern nicht – die sich prompt zu einer Protestaktion versammelten, und zwar mit Erfolg.
Federführend bei den Verhandlungen mit der Bahn war Matthias Larasser, Chef der Kunstschmiede Bergmeister, auf deren Gelände sich der von den Störchen auserwählte Strommast befindet. Den Angestellten des Schienenkonzerns sei es grundsätzlich erlaubt, das private Areal zu betreten und den Mast zu besteigen, erklärt Larasser, weil eben jene Stromtrasse weiterführe bis nach Grafing-Bahnhof, um dort die Züge mit Strom zu versorgen.
„Doch dass sie vor ein paar Tagen einfach ohne Ankündigung gekommen sind, um den Horst zu zerstören: Das hat mich wahnsinnig geärgert“, sagt Larasser. So nämlich habe man keine Chance gehabt, rechtzeitig etwas gegen diesen Frevel an der Natur zu unternehmen. Überdies habe die Bahn angekündigt, Platten an dem Mast anbringen zu wollen, um einen weiteren Nestbau dort zu verhindern. „Aber das hätte bedeutet, dass dieses Paar heuer wohl überhaupt nicht mehr gebrütet hätte“, so Larasser.
Auch an diesem Tag hatte die Bahn niemanden über die neuerliche Entfernungsaktion informiert. Diesmal reagierten die Anwohnerinnen und Anwohner aber sofort: Die gesamte Belegschaft der Kunstschmiede sowie ein paar andere Ebersberger Storchenfreunde versammelten sich, und zwar direkt unter dem Horst. So nämlich war es den Bahnmitarbeitern nicht möglich, dessen Bestandteile einfach, wie beim ersten Mal, aus der großen Höhe auf den Boden zu schmeißen.

Und in der Diskussion legte Larasser sogar noch einen drauf: Wenn die Bahn auf ihren Plänen beharre, werde man auf der Wiese unter dem Mast ein Zeltlager errichten, samt Grill. Überdies bot der Langwieder an, für einen Ersatzhorst auf seinem Gelände zu sorgen. „Wir sind eine Kunstschmiede – wenn wir keinen Masten bauen können, wer dann? Und wir werden das Nest luxuriös ausstatten, sodass sich die Störche darin ganz bestimmt wohlfühlen.“
Und siehe da: Letztlich stieß der Appell, es sich bitte noch einmal zu überlegen, auf positive Resonanz. Nach mehreren Telefonaten mit ihrem Konzern sagten die beiden Bahnmitarbeiter zu, dass man den Storchenbau in diesem Jahr dulden werde. „Und ich hatte das Gefühl, sie waren selbst froh, ihren Auftrag diesmal nicht ausführen zu müssen“, erzählt eine Anwohnerin.

Ganz besonders groß ist die Freude freilich bei LBV-Experte Straub, der bereits seit Langem versucht, möglichst viele Störche im Landkreissüden anzusiedeln. Er sagt, er halte die Gefahr des Horsts für überschaubar, weil der Mast mit ungewöhnlich langen Hängeisolatoren versehen sei. Und selbstverständlich werde er der Kunstschmiede mit Rat und Tat beiseite stehen, um dem majestätischen Vogelpaar gemeinsam eine dauerhafte Bleibe in Langwied zu ermöglichen. Drei Küken haben die Weißstörche dort im vergangenen Jahr großgezogen. Nun besteht zum Glück die berechtigte Hoffnung, dass sie wieder so erfolgreich sein werden.


