Ebersberg Kunstwerk unter Beschuss

In der Ausstellung im Grundbuchamt sollte man auf ein Bild seines eigenen Gesichtes schießen können. Doch das Luftgewehr musste entfernt werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Amtsgerichtschef verbietet aus Sicherheitsgründen Installation von Peter Kees - der erachtet dies als Zensur

Von Rita Baedeker, Ebersberg

Ein "Tatort" ist das obere Stockwerk des Ebersberger Grundbuchamts nicht, trotz des rot-weißen Plastikbands, das Peter Kees, einer der Juroren der Jahresausstellung des Kunstvereins, rund um seine Installation gezogen hat. Das Band samt Protestnote hat der Künstler angebracht, nachdem das zu seiner Arbeit "Kunstschießplatz" gehörige Luftgewehr vergangenen Freitag auf Anweisung des Leiters des Amtsgerichts, Christian Berg, entfernt werden musste.

Kees hält die am Freitag kurz vor Dienstschluss der Behörde ergangene Order für Zensur und für einen "groben Eingriff in die Freiheit der Kunst". Sinn seiner Installation sei gewesen, dass sich Besucher, die unter Aufsicht auf ein Polaroid des eigenen Konterfeis hätten schießen dürfen, sich mit dem Würdebegriff von Immanuel Kant auseinandersetzten. Der Philosoph fordert, der Mensch müsse die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person bewahren. Feindbilder jedoch, so Kees, verdrängten psychische Barrieren und ließen Töten und Erschießen nachvollziehbar erscheinen. "Der Kunstschießplatz will Gefühle und die Frage provozieren: Kann man auf sich oder andere schießen?" Ein Sicherheitsproblem erkennt er nicht. Das Luftgewehr sei gesichert gewesen; zudem trage es die Signatur eines "F" im Fünfeck, was bedeute, dass es nicht dem Waffenrecht unterliege und an Erwachsene frei verkauft werden dürfe.

Was Kees aber vor allem ärgert, ist, dass Berg die Waffe kurz vor Dienstschluss entfernen ließ, obwohl die Ausstellung da schon eine Woche lang aufgebaut war, so dass keine Möglichkeit mehr zu einem persönlichen Gespräch bestanden hat. Auch habe er, Kees, die Installation unter anderem in Berlin gezeigt, wo zwar "auch ein Wachtmeister vorbeikam und sich die Sache anschaute, aber nichts unternahm".

Christian Berg indes verweist auf die Verkehrssicherungspflicht seiner Behörde. "Ich habe schon verstanden, worum es dem Künstler geht, und dass da keine Waffen verherrlicht werden, aber dass da nichts passieren kann, das halte ich für eine gewagte These", sagt Berg. Überdies habe man ihn als Hausherrn zu keinem Zeitpunkt über die Ausstellung informiert, "sonst hätte man vorher darüber sprechen und eine Lösung finden können". So aber habe ihn einer der Wachtmeister bei einer Routinebegehung am Freitag erst darauf aufmerksam gemacht, dass da ein funktionsfähiges Luftgewehr liege. "Ich bin ein bisschen aus allen Wolken gefallen. Das Gewehr war zwar gesichert, aber wir haben es ausprobiert, sogar ohne Munition, und festgestellt, dass der Luftdruck allein schon genügt, um jemanden zu verletzen", erklärt Berg. Das Argument, jeder Besucher hätte lediglich einen Schuss abgeben dürfen, und auch das nur unter Aufsicht, überzeugt ihn nicht. "Selbst unter ständiger Aufsicht - bei der ich nicht weiß, wie die hätte sichergestellt werden sollen -, war mir das zu gefährlich, ich denke da auch an die Kinder. Auf die Schlagzeile, dass hier im Gerichtsgebäude jemand durch eine Waffe verletzt wurde, bin ich nicht scharf."

Manche Besucher waren von dem Vorfall rund um die Installation irritiert, berichtet Kees. Ungeteilter Zustimmung erfreute sich dagegen nach der Vernissage im Grundbuchamt am Samstag die sehr gut besuchte Jahresausstellung in der Alten Brennerei. Ebersbergs erster Bürgermeister Walter Brilmayer nahm das "JA" (für Jahresausstellung) des Plakats zum Anlass, dem Kunstverein ein dickes Lob zu spenden, das er mit der Zusage versüßte, die Dotierung des Kunstpreises der Stadt aufzustocken. Ihm gefielen die positive Grundhaltung des Vereins, die übersichtliche Hängung der aktuellen Ausstellung und das jüngste Skulpturenprojekt, der Spiegelkubus auf dem Marienplatz. "Das kam bei den Bürgern gut an. Immer, wenn ich aus dem Rathaus kam, hab ich rein geschaut und mich gefragt: 'Wie schaugst'n heut aus?'"