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Im Kunstverein Ebersberg:Bei Königs am Klavier

Machen, was derzeit möglich ist: Peter Kees spielt täglich in der Galerie des Ebersberger Kunstvereins für einen einzigen Zuhörer.

(Foto: Christian Endt)

Ein Pianist, ein Zuhörer: Peter Kees antwortet mit "Konzerten 1 zu 1" auf die pandemischen Einschränkungen des Kulturbetriebs.

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

Ludwig II. hat es vorgemacht. Im königlichen Luxus der Publikumsgröße "eins" hat er sich seine geliebten Wagner-Opern vorspielen lassen. Eine Wertschätzung der Kunst zum einen, elitäres Verhalten zum anderen, beides verschmolzen zu einem bittersüßen Genuss. Die Einschränkungen der Pandemie haben eine Rückkehr zu solchen Zuständen, nun: erzwungen? Möglich gemacht? Aktionskünstler Peter Kees hat sich für die zweite Variante entschieden und lädt derzeit Gäste in die Galerie des Ebersberger Kunstvereins, damit sie sich für einen Abend fühlen wie ein König - bei einem Konzert, zu dem nur der Künstler und ein Gast anwesend sind. "Eins zu eins" nennt man dieses Format. Dass es dabei nicht nur um Musik geht, ist bei Kees vorausgesetzt. Dazu trägt nicht nur ein Video bei, an dem man sich wie an einem Kaminfeuer aufwärmen kann, wenn man mag. Sondern auch der aus "Arkadien" bestens bekannte Konzertflügel, "Fluchtfahrzeug" genannt, den der Künstler exklusiv bespielt.

Das Stück, das Peter Kees frei improvisiert, ist von seinem Wirkungsprinzip her ebenfalls "eins zu eins": unwiderstehlich in der Erkenntnis, dass man der erste und einzige ist, der es in dieser Form zu hören bekommt. Unfassbar im Bewusstsein, dass es in dem Moment, in dem es entsteht, auch schon wieder Vergangenheit ist. Allein die Vorstellung, dass sich die Schallwellen ungehindert ins Universum ausbreiten und dort irgendwo und irgendwann auf einen Resonanzkörper stoßen könnten, der sie wieder zum Klingen bringt - allein dieser Gedanke ist schon von königlicher Dimension.

Frei improvisieren, das heißt auch, und bei Kees sowieso, wider den Stachel der Hörgewohnheiten löcken. Kein Wunschkonzert ist das, kein "Best of", sondern eine Einladung, zunächst zum Hören, dann zum Denken, schließlich zu einer Auseinandersetzung, vielleicht sogar einem Dialog. Gerade zu Beginn, wenn er mit dem Scheuerbessen die Saiten traktiert, mit den Händen wie mit Schmiedehämmern in die Tasten haut, da mag man diese Einladung vielleicht sogar ablehnen. Was soll diese Dominanz, dieses Vorschreiben, was ich mir da anhören soll? Mehr noch als in einem gut gefüllten Saal fühlt man sich bedrängt, gar belästigt von dieser Zumutung. Würde der König jetzt gehen? Oder den künstlerischen Angriff majestätisch durchstehen? Doch dann passiert genau das, was stets passiert, wenn man sich auf Eigenartiges und Fremdes einlässt und die Erwartungshaltung zur Tür hinausschickt: Da erreichen einen ein paar Akkorde, eine kleine Zwischenmelodie, ein spielerischer Einfall (die flirrenden Bleistifte im Resonanzraum!), der einschlägt wie der göttliche Blitz. Der dieses Gefühl im Spannungsfeld von Überraschung, Zweifel und Gier auslöst, das man sonst nur vom amour fou kennt: Oh, der meint ja mich! Wie kann er ahnen, was das in mir auslöst? Jetzt erkenne ich den wahren Kern, die innere Schönheit dieser Musik! Jeder von uns hat ein Stück, nach dem die Sehnsucht endlos ist und die Genugtuung beim Genießen auch. Bei dem man sich fühlt - wie ein König.

Zu den verblüffenden Metamorphosen des Abends gehört die Wahrnehmung des Raumes. Zu Beginn: die vertraute Alte Brennerei, der Gast im Eingangsraum, der Künstler im Hinterzimmer, der eine im Dunkeln, der andere im Licht. Der Durchbruch erzeugt den Effekt einer Guckkastenbühne, wie ein Vergrößerungsglas lässt er den Flügel und den Pianisten in die Überdimension wachsen. So wandelt sich das Instrument in einen Palast, die Beschläge glänzen golden, die Spiegelungen senden funkelnde Verlockungen ins Auge. Da versteht man einmal mehr, warum der König seine Schlösser in Bühnen verwandelte.

Was ebenfalls zu den Erkenntnissen des Abends gehört: Als Zuhörer kann man sich nicht mehr in der Masse verstecken. Kein Blättern im Programm, kein heimlicher Blick aufs Handydisplay. Man fühlt sich wie auf dem Präsentierteller. König zu sein ist da gar nicht mehr so verlockend. Was auch für das Zuspätkommen gilt. Die schöne Vorstellung, exklusiver Gast zu sein, auf den alle warten müssen, sie wird erdrückt von einer sehr unangenehmen Last des schlechten Gewissens. Auf einmal hat die Redewendung von der Pünktlichkeit als Höflichkeit der Könige ein modernes Gewand angezogen. Dass es sich Peter Kees nicht nehmen lässt, nach vollendeter Performance einen kleinen Plausch anzuschließen, bevor er den Zuhörer mit einer improvisierten Serenade nach Hause entlässt, zeigt dann, wie schnell sich Vorzeichen umkehren: Seine Idee, seine Haltung, seine Kunst - sie sind von majestätischer Größe.

Noch bis zum 29. November, täglich um 19 Uhr, spielt Peter Kees für einen Zuhörer. Einzelne Termine sind noch frei. Anmeldung unter post@peterkees.de erforderlich

© SZ vom 18.11.2020
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