Süddeutsche Zeitung

Vernissage am Freitag:Die Essenz des Raumes

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Beim Kunstverein Ebersberg gibt es nun Malerei neben Grafik zu sehen, trotzdem verzahnen sich die Werke von Christina Kirchinger und Melanie Siegel auf faszinierende Weise. Beide Künstlerinnen konstruieren aus Versatzstücken der Wirklichkeit neue Orte.

Von Anja Blum, Ebersberg

Die Kunst von Melanie Siegel und Christina Kirchinger geht in die Tiefe. Obwohl beide Künstlerinnen zweidimensional arbeiten, widmen sie sich "der bildhaften Erkundung von Räumlichkeit". Was das heißt? Es geht um Relationen wie vorne und hinten, oben und unten, sowie alles dazwischen. Das drückt auch schon der Titel der gemeinsamen Ausstellung beim Ebersberger Kunstverein aus: "yonder" - englisch für "jener/jene/jenes ... dort drüben". Diese beiden Künstlerinnen wollen hinweisen auf einen anderen, entfernten Ort, dessen Lage jedoch im Ungefähren bleibt.

Beide interessieren sich für ausgesprochen geometrische, vom Menschen konstruierte Orte

Ausgangspunkt ist sowohl bei Kirchinger als auch bei Siegel stets "Gesehenes", das mit den Mitteln der Kunst weiterentwickelt wird - als wollten die Künstlerin vordringen zur Essenz des jeweiligen Raumes. Beide interessieren sich für ausgesprochen geometrische, vom Menschen konstruierte Orte. Tennisplätze zum Beispiel, Swimmingpools, Durchgänge oder Fenster. Kein Wunder also, dass die Form des Rechtecks in dieser Doppelschau großen Raum einnimmt.

Von den gesehenen, realen Plätzen entfernen sich dann beide Künstlerinnen - jedoch unterschiedlich weit. Siegels Werke sind gegenständlich, Kirchingers sehr abstrakt. Doch beide stellen die dargestellte Räumlichkeit infrage, konstruieren aus Versatzstücken der Wirklichkeit neue Orte, die mal mehr, mal weniger als Illusion erscheinen. Gemeinsam ist den Werken überdies, dass sie in ihrer Gestaltung sehr präzise und in ihrer Wirkung eher dezent sind.

Obwohl in dieser Schau sehr unterschiedliche Arbeitsweisen aufeinandertreffen - Malerei und Grafik nämlich - entsteht ein intensiver Dialog zwischen den Exponaten, eine "faszinierende Verzahnung", wie Angelika Oedingen, Projektleiterin seitens des Kunstvereins, sagt. "Mir treten immer wieder Parallelen vor Augen, und wunderbare Blickachsen." Insofern sei die Entscheidung, die beiden Werkgruppen in der Alten Brennerei nicht räumlich zu trennen, völlig richtig gewesen. Es ist übrigens bereits das dritte Mal, dass diese zwei Künstlerinnen gemeinsam ausstellen.

Die Malerei stammt von Melanie Siegel, 1978 in Freiburg im Breisgau geboren. Sie hat an der Kunstakademie in München studiert, war dort Meisterschülerin von Karin Kneffel. Siegel arbeitet mit Acryl wie Öl und sowohl klein-, als auch großformatig, ihre exzellente Technik erzeugt die Illusion einer Fotografie. Die streng komponierten Bilder zeigen die Welt manchmal aus der Ich-Perspektive, meist aber von oben. Ein moderner Blickwinkel, der an Drohnen denken lässt, und so bereits zur Verfremdung beiträgt.

Zu sehen sind mal Hochhäuser, mal Tennisplätze, dann wieder Pools oder Sitzgelegenheiten - doch immer sind Siegels Orte umwuchert von dunklem Grün, ein starker Kontrast zur Geometrie der Motive. Auch scharfe Schatten und das Fehlen sämtlicher realistischer Details - hier liegt kein Ball, kein Handtuch, kein Blatt am Boden - lassen diese Szenerien unwirklich erscheinen, wie menschenleere Bühnen. So changieren Siegels Gemälde zwischen ansprechender Ästhetik und bedrohlicher Verunsicherung.

Die grafischen Arbeiten hingegen zeigen die Handschrift von Christina Kirchinger. Geboren 1987 in Straubing, studierte sie Bildende Kunst und Ästhetische Erziehung an der Universität Regensburg. Derzeit promoviert sie dort bei Birgit Eiglsperger im Bereich Werkanalyse/Kunsttheorie. Kirchinger arbeitet durchweg kleinformatig und mit verschiedenen Druckverfahren wie Aquatinta oder Radierung. Dank dieser nämlich gelingt es ihr, selbst Flächen etwas Körniges, Räumliches zu verleihen.

Die filigranen Darstellungen bleiben dabei stets rätselhaft, man kann Wände vermuten, Türen, Vorhänge, gestapelte Bücher oder Zäune. Kirchingers Bilder widmen sich also vermeintlich unscheinbaren Orten, deren großes ästhetisches Potenzial sie freilegt. Die etwas älteren Arbeiten weisen noch stärkere Kontraste zwischen Schwarz und Weiß auf, zudem wirken sie etwas mehr wie gemalt. Doch jüngere Exponate zeigen, dass Kirchinger ihre Kunst immer weiter reduziert, übrig bleiben zarte räumliche Gerippe, die die Dreidimensionalität auf spannende Weise infrage stellen. Wo führt sie hin, diese Tiefe?

Melanie Siegel/ Christina Kirchinger: "Yonder", Ausstellung beim Ebersberger Kunstverein, Alte Brennerei im Klosterbauhof, Vernissage am Freitag, 15. Juli, um 19 Uhr, Finissage und Künstlergespräch am Sonntag, 7. August, um 16 Uhr. Öffnungszeiten: Freitag 18 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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