Ausstellung in Ebersberg:Das Vermächtnis dreier Schwestern

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Regina Baierl stellt in der Galerie des Kunstvereins ihr Projekt "Drei Schwestern" vor. Dazu gehört auch diese "Geburtstagsmaschine". (Foto: Christian Endt)

Die Münchner Künstlerin Regina Baierl nähert sich einem privaten Archiv ihr unbekannter Frauen auf detektivische und interpretierende Weise. Das Ergebnis ist universelle Kunst.

Von Anja Blum, Ebersberg

Angefangen hatte alles mit einer dieser typischen blauen Taschen eines Möbelhauses, in der sich Hunderte Dias, fein säuberlich sortiert und beschriftet, Reisetagebücher voller Bilder und Geschichten, lose Fotosammlungen und diverse Schriftstücke befanden. Dieses private Archiv aus einem Abbruchhaus gelangte 2018 per Zufall in die Hände der Münchner Künstlerin Regina Baierl – und erregte sogleich ihre Aufmerksamkeit. „Ich arbeite schon immer nur mit gefundenen Dingen“, sagt sie, aber einen solchen Schatz an Erinnerungen habe sie noch nie vor sich gehabt. „Da steckt so viel Zeit, Liebe und Hingabe drin!“

Seit diesem Moment jedenfalls nähert sich Baierl den ihr eigentlich unbekannten Protagonistinnen dieses Konvoluts an. Auf künstlerischem Wege, aber auch detektivisch. In mühevoller Kleinstarbeit untersucht sie, teils mit der Lupe, das Material nach Hinweisen, setzt die Puzzleteile der Bilder und Dokumente zusammen und übersetzt die Ergebnisse zu bestimmten Aspekten dann in ihre eigene Kunstsprache. In möbelartige Installationen, Zeichnungen und Objekte. Regina Baierl entschlüsselt, interpretiert und transformiert.

Regina Baierl zeigt überhohe Stühle als Stellvertreter ihrer drei Protagonistinnen, aber auch zwei Serien kleinformatiger Zeichnungen, die anhand von Fotos entstanden sind. (Foto: Christian Endt)

Was das bedeutet, zeigt nun eine Ausstellung beim Kunstverein Ebersberg, die an diesem Freitag, 31. Mai, eröffnet wird. Sie trägt den Titel „Drei Schwestern. Vol. I“ – denn die Protagonistinnen des Projekts sind ebensolche: drei Frauen, Irmgard, Agnes und Hedwig, Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, unverheiratet, kinderlos und schon lange verstorben. So viel hat Baierl, selbst Jahrgang 1967, bereits herausgefunden. Außerdem hat sie charakterliche Zuschreibungen entwickelt: Agnes ist die Tierliebhaberin, Irmgard die Lustige und Hedwig die Fromme. „Und: Die ersten beiden standen sich sehr nah, die dritte war immer etwas außen vor.“

Bei diesem Projekt gehe es um das Besondere im Nichtbesonderen

Ob das alles so stimmt? Natürlich sei so manches spekulativ, sagt Baierl, „aber eigentlich ist der Wahrheitsgehalt irrelevant“. Die Dias, Bilder und Alben dieses Konvoluts seien ein privater Kosmos, doch sie zeigten die kleinen und großen Themen des Lebens: Freizeit, Reiseabenteuer, Familie, Freude, Trauer. „Und damit sind das nicht nur die privaten Erinnerungen dreier unbekannter Schwestern: Sie spiegeln auch unser Leben wider – unabhängig von Zeit und Raum.“ Bei diesem Projekt gehe es um das Besondere im Nichtbesonderen, um das Universelle im Speziellen, erklärt Baierl. Deswegen entfaltete es eine so unwiderstehliche Anziehungskraft.

Zentrum der Ausstellung in der Alten Brennerei bildet die „Werkstatt Bibsi Staiger“, der Name ist ein Pseudonym. Es handelt sich dabei um eine Art umgebauten Schrank – Baierl, die aus Villingen-Schwenningen stammt, ist ausgebildete Schreinerin und Architektin – um ein „privates Gehäuse“, ein kleines Labor, in das man hineingehen, sich niederlassen und arbeiten könnte. Es steht für den Ort der Auseinandersetzung mit dem Archiv der drei Schwestern. Stift und Papier, Trichter, Schaufel, Rohrpost, weißer Kittel: alles da.

Diese kleine Werkstatt steht für die Erforschung des Archivs der drei Schwestern durch die Künstlerin. (Foto: Christian Endt)

Hinter der „Werkstatt“ an der Wand hängen drei Porträts der Schwestern. Allerdings handelt sich es dabei um verpixelte Big Prints, sodass die Gesichter nur schemenhaft zu erkennen sind. „Ich weiß nicht genau, warum, aber ich habe das Bedürfnis die Identität der drei zu schützen“, sagt Baierl. Deswegen sind ihre Konterfeis nirgends klar zu sehen, auch den Nachnamen oder Wohnort der Schwestern erfährt der Ausstellungsbesucher nicht.

Trotzdem kommt er ihnen nahe. Zum Beispiel in drei weiteren, leider nur theoretisch begehbaren Schränken. Denn zu viel Negatives hat Baierl mit ihren Gehäusen erlebt, als dass sie diese noch einmal für die Betrachter öffnen würde. „Diese Installationen sind halt kein Spielzeug“, sagt sie. Deswegen bleibt nur der spähende Blick durch Türen und Fenster, doch auch der offenbart Entzückendes.

Regina Baierl verwendet gerne alte Schränke, die sie umbaut, erweitert und befüllt. (Foto: Christian Endt)

Kleine Kammern, in denen allerhand Accessoires und Fotos einen Eindruck vermitteln von der jeweiligen Schwester. In „Haus Irmgard“ hängt ein roter Rock, es gibt Weingläser und einen Rucksack. In „Haus Agnes“ wiederum hängt ein irgendwo gefundenes Klassenfoto – denn sie war Lehrerin. Das haben Baierl die Schleifen auf dem Grab dieser Schwester verraten. Aus dem kargen „Haus Hedwig“ wiederum dringt eine Stimme, die Vertonung eines sehr schwermütigen Tagebucheintrags, in dem diese Schwester ihre Müdigkeit und Trauer, aber auch ihren Glauben bekennt.

Bei Irmgard zu Hause ist es sehr gemütlich. (Foto: Christian Endt)

Doch nicht nur zu Behausungen umfunktionierte Schränke gibt es zu sehen, sondern auch zwei Serien von Zeichnungen. Die eine widmet sich Irmgards 60. Geburtstag, die andere der Beerdigung von Agnes. In beiden Fällen hat Baierl Farbfotos mit dem Kugelschreiber auf feines Japanpapier „durchempfunden“, wie sie selbst sagt. Es handelt sich also nicht um Kopien, sondern um freie Abstraktionen.

Zu dem Geburtstag gibt es mehr als 30 Bilder, die quasi alle das Gleiche zeigen, nämlich Gaben und Geschenke. Allerdings seien das keine protzigen Sachen, sondern Kleinigkeiten wie Tee, Süßigkeiten oder Blumen, erklärt Baierl. Trotzdem habe sich jemand die Mühe gemacht, die Gaben immer wieder umzuarrangieren und aus verschiedenen Blickwinkeln zu fotografieren. „Es ist eine unglaubliche Freude, Dankbarkeit und Bescheidenheit, die aus diesen Bildern spricht.“

Jubilarin Irmgard mit Gabentisch, von Regina Baierl mit Kugelschreiber nachempfunden. (Foto: Regina Baierl/oh)

In eine ganz andere Richtung geht die zweite Fotosammlung: Hier ist jeweils Agnes’ Grab zu sehen, mindestens vier Jahre lang hat Irmgard es quasi protokolliert. Von der beschleiften Blumenpracht zu Beginn über die Trostlosigkeit im Winter bis hin zur erneuten Fülle des Frühlings. So spiegelt sich der Kreislauf des Lebens in diesen Bildern, aber auch der tiefe Schmerz der Schwester über den unfassbaren Verlust, ihre Mühe, die geliebte Gefährtin loszulassen. „Oh Agnes“ hat Baierl diesen bewegenden Zyklus getauft.

Familienaufstellung in Grün: Drei kleine Betten symbolisieren die Beziehungen zwischen den drei Schwestern. (Foto: Christian Endt)

Obendrein hat die Künstlerin der sozialen Konstellation der drei Schwestern mehrere Objekte gewidmet. Auch hier bringt sie Möbel ins Spiel, diesmal allerdings meist solche in Miniaturformat. Auf langen, dünnen Stängeln sind kleine Sessel, Badewannen oder Betten drapiert, wobei sich zwei stets näher sind, der engen Beziehung von Irmgard und Agnes entsprechend. „Das sind alles Studien“, sagt Baierl, „doch warum die immer so hoch und fragil sein müssen? Ich weiß es selbst nicht.“ Aber vielleicht findet ja der ein oder andere Betrachter selbst eine Antwort darauf.

Ausstellung „Drei Schwestern – Vol. 1“ von Regina Baierl in der Alten Brennerei des Ebersberger Kunstvereins. Eröffnung an diesem Freitag, 31. Mai, um 19 Uhr, mit einer Einführung durch den Galeristen Christian Pixis. Am Dienstag, 4. Juni, um 20 Uhr: Konzert von „Jan Van & Siotas“ (Contemporary Folk Musik from Greece). Am Sonntag, 23. Juni, um 11 Uhr: Finissage und Künstlergespräch. Geöffnet donnerstags und freitags von 18 bis 20 Uhr, samstags von 17 bis 20 Uhr sowie sonntags von 11 bis 13 Uhr.

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