Ausstellung in EbersbergEinnehmende Hässlichkeiten

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Jürgen Noltensmeier hat sich als Maler auf Allerwelts-Fassaden spezialisiert. Er selbst wisse natürlich, wo jede einzelne zu finden ist, doch für seine Kunst spiele der Ort keine Rolle, sagt er.
Jürgen Noltensmeier hat sich als Maler auf Allerwelts-Fassaden spezialisiert. Er selbst wisse natürlich, wo jede einzelne zu finden ist, doch für seine Kunst spiele der Ort keine Rolle, sagt er. Peter Hinz-Rosin

Jürgen Noltensmeier aus Leipzig malt Allerwelts-Fassaden. Dank seines Könnens und seines offenen Blicks wird daraus sehenswerte Kunst.

Von Anja Blum, Ebersberg

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Gewöhnlich. Jürgen Noltensmeiers Motive sind wirklich gewöhnlich. Der Maler aus Leipzig, der nun beim Kunstverein Ebersberg ausstellt, hat sich auf Allerwelts-Fassaden von Gebäuden spezialisiert. Von Wohnhäusern, aber auch von Lagerhallen oder anderen industriellen Bauten. Triste Wände, wie man sie wahrscheinlich in jeder etwas größeren Ortschaft finden kann.

Noltensmeier porträtiert Architektur von der Stange, die im besten Falle nur langweilig ist, im schlimmsten trostlos-abweisend. Im Vorbeifahren oder -laufen bleiben solche Häuser meist unbeachtet. Aufmerksamkeit ziehen sie eigentlich nur dann auf sich, wenn sie zum Tatort werden. Wenn in ihrem Inneren etwas Spektakuläres geschehen ist, ein Mord zum Beispiel. Dann fragt sich alle Welt: Wie kann hinter derart unscheinbaren Mauern bloß so etwas passieren?

Noltensmeier aber, der in Hamburg Illustration studiert hat und in Glasgow Malerei, nimmt solcherlei Fassaden schon lange in den Blick. Ende der 90er habe er begonnen, sich diesen zu widmen, erzählt der 58-Jährige beim Rundgang durch die Galerie Alte Brennerei. Nach einer ausgedehnten Zeichenphase und abstrakten Farbexperimenten habe damals in Berlin sein Bauchgefühl plötzlich gesagt: „Das ist es!“

Der Maler und seine Nähe zum Motiv: Jürgen Noltensmeier wurde geboren in Kalletal im Nordosten Nordrhein-Westfalens. Das Gemälde zeigt sein Elternhaus.
Der Maler und seine Nähe zum Motiv: Jürgen Noltensmeier wurde geboren in Kalletal im Nordosten Nordrhein-Westfalens. Das Gemälde zeigt sein Elternhaus. Peter Hinz-Rosin

Seitdem malt Noltensmeier Behausungen ohne ihre Bewohner. Wände, Fenster, Türen, Balkone, Jalousien, Gardinen, Zäune, Hecken und Büsche. Vor allem für Schindeln aller Art scheint er ein Faible zu haben, sie bedecken oftmals Dächer und Mauern. Die Farbpalette ist dem Motiv entsprechend trostlos: Es dominieren Grau, schmutziges Weiß, Ocker und allerhand anderer verblassender Alltagsanstrich.

Trotz all dieser Hässlichkeit nimmt diese Malerei den Betrachtenden sofort für sich ein, denn Noltensmeier beherrscht sein Handwerk. Mit einem beherzt wirkenden Pinselstrich gibt er unserem Land – ja, es ist ein sehr deutsches Motiv – ein realistisches Gesicht. Eines, das Tiefe hat und innere Wahrheit. Und trotzdem verändert, abstrahiert er die Wirklichkeit. „Von den echten Orten lasse ich vieles weg“, erklärt er, „sodass die Häuser zu einer Art Kulisse werden.“ Bei der Entstehung blende er das eigentliche Motiv auch oft aus, fokussiere sich auf die Flächen und Linien, um „mehr zur Malerei zu kommen“. Noltensmeiers Schaffen ist also präzise, und doch frei.

Manche der Bilder zeigen echte Schrottimmobilien. Dieses zum Beispiel heißt "bald weg".
Manche der Bilder zeigen echte Schrottimmobilien. Dieses zum Beispiel heißt "bald weg". Peter Hinz-Rosin
Andere kommen dem Traum vom Eigenheim schon um einiges näher. "Peripherie" nennt Noltensmeier dieses Werk.
Andere kommen dem Traum vom Eigenheim schon um einiges näher. "Peripherie" nennt Noltensmeier dieses Werk. Peter Hinz-Rosin

Noltensmeier arbeitet mit Eitempera auf Leinwand, mal in monumentalem Format, mal in kleinem. Als Vorlage dienen dem 58-Jährigen in vielen Fällen Fotos, doch auch in diesen ist die Verfremdung schon angelegt. „Ich schieße die aus der Hüfte oder aus dem Auto raus“, erzählt Noltensmeier und grinst. Durch diese Spontaneität nämlich ergäben sich viel spannendere Bildkompositionen. Das Dach ist abgeschnitten, dafür eigentlich viel zu viel Straße zu sehen? Ganz wunderbar!

Aber vermutlich ist es auch Noltensmeiers offene Haltung, die quasi auf den Betrachter abfärbt: Er betrachte diese Häuser nicht mit Ironie, auch gehe es ihm keinesfalls um eine Anklage wegen mangelnder Ästhetik am Bau. „Das ist halt einfach so“, sagt der Leipziger, „die Menschen leben im Rahmen ihrer Möglichkeiten.“ Doch diese Gebäude zu malen, sei für ihn eine gute Möglichkeit, viel über Menschen, ihre Herkunft und Mentalität auszusagen, ohne sie abzubilden. Deswegen ist es wohl auch nur im ersten Moment kurios, was Noltensmeier über seine Käufer verrät: „Die wohnen in der Regel viel schöner.“

Zwischen "Distanz und Nähe", so der Titel der Ausstellung, liegt auch immer ein Weg.
Zwischen "Distanz und Nähe", so der Titel der Ausstellung, liegt auch immer ein Weg. Peter Hinz-Rosin

Doch Noltensmeier malt nicht nur Fassaden, sondern neuerdings auch gerne Straßen und Brücken. Beton mit etwas Landschaft. Er sei ein „bekennender Unterwegs-Mensch“, sagt der 58-Jährige, und als Gitarrist einer Band ohnehin oft auf Tour. „Ich lasse die Welt gerne im Bus an mir vorbeirauschen, die Frontscheibe ist dann meine Kinoleinwand.“

Abstand nehmen von seinen Fassaden möchte Noltensmeier zwar nicht, das Thema variieren aber schon. Zum Beispiel hat er angefangen, Modelle von Häusern zu bauen. Aus Abfall wie Pappe oder Verpackungen, Farbe, Gips und Heißkleber kreiert er sie im Maßstab 1:30. Eine Größe, die den Verdacht zerstreuen soll, dass es sich um Zubehör für eine Modelleisenbahn handeln könnte. Zehn solcher Miniaturen sollen es laut Noltensmeier einmal werden, doch dafür werde er noch etwas Zeit brauchen. „Basteln dauert länger als zu malen“, sagt er und lacht.

Verblüffend echt wirkt diese Miniatur, ein schäbiges Ferienhaus.
Verblüffend echt wirkt diese Miniatur, ein schäbiges Ferienhaus. Peter Hinz-Rosin

Außerdem möchte Noltensmeier „noch mehr zur Malerei finden, und zwar durch Close-Ups“. Das bedeutet: noch näher hingehen, noch mehr weglassen und abstrahieren, Mut zur Unvollständigkeit beweisen. Apropos nah: Die Ausstellung trägt den Titel „Distanz und Nähe“. Letzteres versteht Noltensmeier als jene Anziehung, die seine Objekte auf ihn ausüben, die Distanz wiederum ergebe sich aus einem anderen Gedanken: „Ich würde so nicht leben wollen.“ Der Künstler nämlich nennt zwar schon ein Haus sein Eigen, aber das sei ein sehr altes, denkmalgeschütztes, das er gerade renoviere. „Und viel zu Hause bin ich eh nicht.“

Ausstellung von Jürgen Noltensmeier beim Kunstverein Ebersberg: „Nähe und Distanz“. Eröffnung am Freitag, 18. Oktober, um 19 Uhr, Finissage mit Künstlergespräch am Sonntag, 10. November, um 11 Uhr. Geöffnet ist die Galerie im Klosterbauhof donnerstags und freitags von 18 bis 20 Uhr, samstags 17 bis 20 Uhr und sonntags von 11 bis 13 Uhr.

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